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07.07.2014

15:47 Uhr

Brych nach Hause, Rodriguez weiter

Schiedsrichter-Komitee im Kreuzfeuer der Kritik

Es wird getreten, gezerrt und gebissen – trotzdem verzichten die Schiedsrichter oft auf Strafen. Ausgerechnet der Schiri, der Suarez' Biss übersah, pfeift nun das deutsche Halbfinale. Und Felix Brych muss Koffer packen.

Von hinten in die Knochen: Mathieu Valbuena (v.l.)  schaut zu, wie sein Mitspieler Paul Pogba Wilson Palacios aus Honduras in die Beine springt. Viele solcher Fouls wurden nicht geahndet. Reuters

Von hinten in die Knochen: Mathieu Valbuena (v.l.) schaut zu, wie sein Mitspieler Paul Pogba Wilson Palacios aus Honduras in die Beine springt. Viele solcher Fouls wurden nicht geahndet.

Belo HorizonteFußball-Legende Diego Maradona schimpfte über den „miesesten Schiedsrichter der letzten zehn Jahre“, der frühere Top-Referee Urs Meier sprach in der ersten Empörung von einem „Treter-Festival“ und DFL-Experte Hellmut Krug übte Generalkritik. Nach dem brutalen Foul an Brasiliens Stürmerstar Neymar und dessen WM-Aus ist die emotionale Debatte über die Schiedsrichterleistungen bei der Endrunde in Brasilien erneut hochgekocht. „Grundsätzlich gefällt der deutschen Schiedsrichterführung die Gangart bei dieser WM nicht“, zog Krug in einem Telefoninterview des TV-Senders Sky Sport News HD schon vor den letzten vier Turnierspielen eine negative Bilanz.

Der frühere Fifa-Referee, der die Deutsche Fußball Liga (DFL) in Schiedsrichterfragen berät, hat bei der Endrunde am Zuckerhut eine fatale Fehlentwicklung ausgemacht. „Bei dieser WM wollte man offensichtlich von Beginn an weniger Karten vergeben. Leider hat man den Mittelweg nicht gefunden. Die meisten Schiedsrichter waren zu großzügig und das entspricht nicht dem, was die nationalen Verbände und die Fifa schulen“, kritisierte Krug die weltweit heiß diskutierten Auftritte der Spielleiter.

Brasilien ist Rüpel-Meister

Begangene Fouls

Platz 1: Brasilien mit 96 Fouls.

Platz 2: Costa Rica mit 94 Fouls.

Platz 3: Kolumbien und die Niederlande mit je 91 Fouls.

Platz 13: Deutschland mit 54 Fouls.

Platz 32: Spanien mit 28 Fouls.

Gegnerische Fouls

Platz 1: Brasilien mit 95 Vergehen.

Platz 2: Kolumbien mit 84 Vergehen.

Platz 3: Argentinien mit 83 Vergehen.

Platz 7: Deutschland mit 74 Vergehen.

Platz 32: Kroatien mit 27 Vergehen.

Gelbe Karten

Platz 1: Brasilien und Costa Rica – zehn gelbe Karten.

Platz 2: Uruguay und Mexiko – achte gelbe Karten.

Platz 27: Deutschland – vier Gelbe.

Platz 32: Portugal – zwei Gelbe.

Rote Karte

Bislang schickten die Schiedsrichter zehn Spieler vom Platz. Drei davon sahen erst Gelb, dann Rot. Sieben Akteure wurden für ihre Vergehen direkt des Feldes verwiesen. Darunter ist aber kein deutscher Spieler.

Spiel mit den meisten Fouls

Ein Negativrekord fiel im Spiel Brasilien gegen Kolumbien. 54 Fouls pfiff der spanische Schiedsrichter Carlos Velasco, zeigte allerdings nur vier Mal Gelb und ließ beim Horror-Foul gegen Brasiliens Superstar Neymar weiterlaufen.

Krug relativierte zumindest, dass es auch „großartige Schiedsrichterleistungen, wie zum Beispiel die von Felix Brych“, gegeben habe. Der deutsche WM-Referee kam dennoch nur zweimal zum Einsatz und wird nach dem Vorstoß der DFB-Auswahl ins Halbfinale nicht mehr zum Zuge kommen. Das Schiedsrichter-Komitee des Weltverbandes Fifa schickte Brych und sein Gespann am Montag nach dem Viertelfinale nach Hause. Während der Referee ein glänzendes WM-Debüt bei der Partie Uruguay gegen Costa Rica (1:3) feierte, verweigerte er den Russen im Spiel gegen Belgien (0:1) einen Foulelfmeter. Wahrscheinlich wurde dem Schiri dieser Patzer zum Verhängnis.

Auf 180 war Urs Meier. In einem Gastbeitrag für Focus Online schrieb sich der Schweizer den Frust von der Seele, den er nach dem Wirbelbruch und dem damit verbundenen WM-Aus von Neymar mit Millionen Fußball-Fans teilt. „Der Ball wird zur Nebensache. Die WM verkommt zu einem Treter-Festival“, stellte Meier deprimiert fest. „Der Fußball bei dieser WM ist viel zu physisch und körperbetont, die Messlatte für Gelbe Karten viel zu hoch angesetzt worden. Es wird getreten, gehalten, gezerrt und gemeckert – die Grenzen werden auf jedem Gebiet überschritten. Die Referees lassen viel zu viel laufen und greifen kaum in die Brusttasche“, schimpfte er weiter und behauptete: „Das hat die Fifa mit zu verantworten.“

Die Kritik wird durch die WM-Statistik gestützt. Verteilten die Unparteiischen bei der WM 2010 in Südafrika noch 245 Gelbe Karten, waren es bei dieser Endrunde bis zum Halbfinale lediglich 168. Vor vier Jahren wurden insgesamt 17 Platzverweise ausgesprochen, bei dieser Endrunde sind es bisher erst zehn. Noch gravierender sind die Unterschiede zum Turnier 2006 in Deutschland. Damals zogen die Unparteiischen 307 Mal den gelben Karton und schickten gleich 28 Mal einen Spieler vorzeitig vom Platz.

Nach nur zwei Spielen muss der Deutsche Felix Brych den Heimweg antreten. Reuters

Nach nur zwei Spielen muss der Deutsche Felix Brych den Heimweg antreten.

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