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01.07.2012

19:12 Uhr

EM-Ausrichter

Polen und Ukraine fühlen sich als Gewinner

Sportlich war die EM für Polen und die Ukraine früh zu Ende. Trotzdem sehen sich die Gastgeber des ersten großen Turniers im ehemaligen Ostblock als Gewinner. Für die Zeit danach gibt es jedoch einige Fragezeichen.

EM-Maskottchen Slavek und Slavko: Daumen hoch für die Gastgeber. dpa

EM-Maskottchen Slavek und Slavko: Daumen hoch für die Gastgeber.

Warschau/KiewMadonna statt Tortaumel - der Veranstaltungskalender des Warschauer Nationalstadions hat bereits die ersten Termine für die Zeit nach der EM. Das Konzert der amerikanischen Pop-Queen Anfang August ist Teil des Konzepts - die extra für die EM gebauten polnischen EM-Stadien sollen weiter genutzt werden, nicht für die polnische Liga, aber für Großveranstaltungen aus Sport und Kultur. In Breslau fanden schon vor der EM Konzerte und Shows im EM-Stadion statt.

„Was das Wembleystadion für England ist, sollte das Nationalstadion für die polnische Nationalmannschaft sein“, wünscht sich Ministerpräsident Donald Tusk auch künftig internationale Begegnungen im Stadion am Warschauer Weichselufer. „Die Stadien, die Autobahnen und Bahnhöfe - das bleibt“, sagt auch Staatspräsident Bronislaw Komorowski. „Polen und die Ukraine gehören zu den Gewinnern der EM.“

EM-Gastgeber & Bilanzen

1960

Gastgeber war Frankreich. Vier Teams spielten in nur vier Partien die Endrunde aus, die damals ab dem Halbfinale im K.O.-Modus gespielt wurden. Die Runden davor waren Hin- und Rückspiel wie heutzutage in der Qualifikation. Es fielen 17 Tore, was einem Schnitt von 4,25 pro Spiel entspricht. Gesehen wurden die Partien von insgesamt 78.958 Zuschauern (19.740 pro Spiel).

1964

Gastgeberland war Spanien, wieder trafen vier Teams in insgesamt vier Spielen bei der Endrunde aufeinander. Es fielen 13 Tore (3,25 im Schnitt). Der Zuschauerzuspruch lag bei insgesamt 156.253 (39.063 Im Durchschnitt).

1968

Bei der Europameisterschaft 1968 in Italien waren erneut vier Mannschaften in der Endrunde, diesmal wurden allerdings fünf Spiele benötigt: Das Finale musste wiederholt werden, nachdem die Verlängerung keine Entscheidung gebracht hatte. Elfmeterschießen gab es damals noch nicht. Es fielen nur sieben Treffer, was einem Schnitt von 1,40 entspricht. 192.119 Zuschauer fanden sich insgesamt ein (38.424 pro Partie).

1972

In Belgien trafen wiederum vier Teams in vier Spielen aufeinander. Zehn Tore wurden erzielt (2,50 im Durchschnitt). Der Zuschauerzuspruch blieb mit insgesamt 106.510 (26.628 im Schnitt) deutlich hinter denen der vorigen Turniere zurück.

1976

In Jugoslawien trafen letztmalig nur vier Mannschaften in vier Spielen aufeinander (Halbfinale, Finale, Spiel um Platz drei). Es fielen 19 Tore, was einem Schnitt von 4,75 pro Partie entspricht - bis heute Rekordwert. Mit 106.087 Zuschauern insgesamt (durchschnittlich 26.522) wurde die Bilanz des vorigen Turniers noch einmal unterboten.

1980

Erstmals nahmen 1980 in Italien acht Mannschaften an der Endrunde teil. Die Gruppensieger zogen direkt ins Finale, die Zweitplatzierten spielten Rang drei aus - so kam das Turnier auf 14 Partien. 27 Tore wurden geschossen, 193 im Schnitt. Der Zuschauerzuspruch sank im Schnitt auf 25.047, insgesamt guckten 350.655 Menschen in den Stadien zu.

1984

Das Turnier fand in Frankreich statt. Acht Mannschaften trugen 15 Spiele aus, die Gruppenersten und -zweiten kamen ins Halbfinale, die Sieger trugen wiederum das Finale aus. 41 Tore fielen, 2,73 pro Spiel. Zuschauermenge und -durchschnitt stiegen auf 599.655 bzw. 39.977.

1988

1988 war Deutschland Gastgeber. Wieder waren es acht Teilnehmer und 15 Spiele. 34 Tore wurden gemacht (2,27 im Durchschnitt). Die Gesamtzuschauerzahl stieg auf 935.681, der Schnitt von 62.379 Besuchern pro Spiel ist bis heute eine unerreichte Bestmarke.

Der umstrittene ukrainische Staatschef Viktor Janukowitsch wollte sich vier Monate vor Parlamentswahlen im Glanz der EM sonnen. Aber bis auf wenige Ehrengäste beim Finale in Kiew blieb der Erzrivale der inhaftierten Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko völlig isoliert. Trotzdem wird er das Turnier wohl als Erfolg seiner Regierung preisen. Die meisten Ukrainer wissen allerdings, dass die EM in der Ex-Sowjetrepublik auf Pump stattfand - noch viele Jahre wird das ohnehin klamme Land über die Milliardenkosten stöhnen. Das böse Erwachen ist programmiert.

Im Gespräch mit ausländischen Journalisten betonte Komorowski, während der EM habe Polen die Veränderungen der letzten 20 Jahre zeigen können. Für das Nachbarland Ukraine seien die Eindrücke aus Polen ein Beweis, dass sich die Annäherung an den Westen lohne. Viele Fans kehrten mit neuen, positiven Eindrücken zurück. Und auch Polen habe sich in den vergangenen Wochen verändert: „Was ich in den Stadien gesehen habe, das war ein völlig anderer Patriotismus.“

„Der eiserne Vorhang ist endgültig zerbrochen. Polen ist (in den Augen der Besucher) endlich ein Teil des Westens“, betonte Friedensnobelpreisträger Lech Walesa in einem Interview. Manche der Bürgermeister der Gastgeberstädte sind so begeistert von der EM-Erfahrung, dass sie auf weitere internationale Begegnungen hoffen: Der Bürgermeister von Danzig hat bereits vorgeschlagen, Polen solle sich um die WM-Ausrichtung bewerben. Erste Fan-Befragungen durch Tourismusbüros und Veranstalter lassen auf eine Rückkehr der Besucher hoffen. Der Imagegewinn, so hoffen die Gastgeber, dauert deutlich über die EM hinaus.

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