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02.07.2016

18:55 Uhr

Antonio Conte

Besessen, emotional und erfolgreich

VonLeonidas Exuzidis

Trainer Antonio Conte ist Italiens zwölfter Mann. An der Seitenlinie ist er kaum zu beruhigen, an der Taktiktafel kaum zu schlagen. Leidenschaftlich zieht er die Mannschaft mit – sein Geheimnis ist ein einfaches Rezept.

Der temperamentvolle Coach hat eine klare Handschrift. Italien gehört plötzlich zu den Titelkandidaten. AP

Antonio Conte

Der temperamentvolle Coach hat eine klare Handschrift. Italien gehört plötzlich zu den Titelkandidaten.

DüsseldorfBrüllend hebt der Mann in schwarz seine linke Hand. Mit ausgestrecktem Zeigefinger deutet er mehrmals energisch in Richtung Spielfeldmitte. Dann geht seine rechte Hand in die Luft. Wieder der Zeigefinger, wieder schreit er, diesmal richten sich seine Worte an den Stürmer. Dann wieder lautstarke Anweisungen mit links, rechts, links, rechts. Der neutrale Zuschauer hat Spaß daran, diesem Mann bei der Arbeit zuzuschauen.

Seinen Job erfüllt Antonio Conte mit maximaler Leidenschaft und Hingabe. Der Trainer der italienischen Fußball-Nationalmannschaft trabt, rennt, hüpft und brüllt an der Außenlinie wie kaum ein Zweiter seiner Zunft. Er ist besessen und detailversessen, emotional und erfolgreich. Unter ihm spielt Italien derart stark auf, dass sein Team plötzlich wieder zum elitären Kreis der Titelfavoriten zählt.

Es wäre schade, Antonio Conte lediglich als Taktikfuchs abzustempeln. Es würde seiner täglichen Arbeit schlichtweg nicht gerecht werden. Und doch ist es außergewöhnlich, mit welcher taktischen Disziplin und Effektivität das italienische Team bei diesem Turnier überzeugt. Der Trainer hat ihnen ein Medikament eingeimpft, das die spielerische Klasse des Gegners schon auf der Taktiktafel neutralisiert.

Die „goldene Generation“ aus Belgien, der Titelverteidiger aus Spanien: Sie waren chancenlos gegen eine von Conte perfekt eingestellte Elf. Belgiens Torwart Thibaut Courtois klagte im Anschluss, sie seien „taktisch deklassiert“ worden – ein unfreiwilliges Sonderlob für Conte. Nahezu täglich schult er seine Spieler mit Videosequenzen. Auf dem Platz werden diese Dinge bis ins Detail einstudiert.

Besessenheit könnte eine Kunst sein, hatte Conte einst philosophiert. „Arbeit“ zählt zu seinen Lieblingswörtern. „Jetzt müssen wir hart arbeiten“, sagte er nach der 1:4-Pleite Ende März in München gegen Deutschland. Für ihn ein Freundschaftsspiel mit hohem Erkenntniswert. Nun, im Viertelfinale der Europameisterschaft, steht das zweite Duell binnen drei Monaten an. Nach dem 2:0-Sieg gegen Spanien im Achtelfinale kündigte Conte an: „Wir werden hart arbeiten bis zum Spiel gegen Deutschland. Das entspricht unserem Charakter.“

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Den Charakter gibt der Trainer vor – und zwar durch „harte Arbeit“. Disziplin ist die Grundzutat dieser Mannschaft, taktische Variabilität, Laufbereitschaft, Kompromisslosigkeit und Hingabe setzten gegen Spanien eine unverkennbare Duftnote. „Er hat uns seine Mentalität implementiert. Dabei geht es vor allem um harte Arbeit und Opferbereitschaft“, sagt Kapitän Gianluigi Buffon.

Conte verlangt viel von seinen Spielern. Italiens Stürmer setzten die spanischen Innenverteidiger Ramos und Piqué 75 Minuten lang schon früh in der eigenen Hälfte unter Druck. Eine anstrengende Angelegenheit, die jedoch früh Wirkung zeigte: Spanien musste auf längere Ballbesitzphasen verzichten, während Italien das Spiel mehr und mehr an sich riss. Draußen nutzte der Maestro des Erfolgs seine gesamte Coaching-Zone. Er dirigierte und korrigierte.

Kurz vor dem Ende, Italien führte mit 1:0, wurde Emanuele Giacherini an der Mittellinie angespielt. Er stand schlecht zum Ball. Conte erkannte das, zeigte mit ausgestrecktem Zeigefinger nach links. Vergebens. Als der Ball über die Seitenlinie in seine Richtung rollte, drosch ihn Conte verärgert in Richtung Tribüne, um danach Giacherini einen lautstarken Einlauf zu verpassen. Der Trainer hatte Glück, dass er bleiben durfte.

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