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15.06.2016

20:31 Uhr

EM 2016

Lille im Ausnahmezustand

Lille ist in diesen Tagen Wohnort Tausender Fans aus England, Wales, Russland und der Slowakei. Die Angst vor Fan-Ausschreitungen ist groß und begründet. Die Polizei muss Tränengas und Schlagstöcke einsetzen.

Explosion in Lille

Englische Fans randalieren weiter

Explosion in Lille: Englische Fans randalieren weiter

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LilleNach der Festnahme mehrerer russischer Fußballfans bei der EM in Frankreich ist der französische Botschafter in das Außenministerium in Moskau einbestellt worden. Der russische Außenminister Sergej Lawrow warf den Fans aus anderen Ländern am Mittwoch vor, russische Fußballanhänger provoziert zu haben. Ein weiteres Schüren „anti-russischer Ressentiments“ könne die Beziehungen zwischen Russland und Frankreich beschädigen, erklärte sein Ministerium.

Vor der EM-Partie zwischen Russland und der Slowakei waren vier Russen am Spielort Lille in Nordfrankreich von der Polizei zu Befragungen in Gewahrsam genommen worden. Zwei von ihnen hatten sich eine Schlägerei mit britischen Hooligans geliefert. Nach vorangegangenen Fan-Krawallen in Marseille droht Russland ein Ausschluss vom Turnier, falls es erneut zu massiver Gewalt in Stadien kommen sollte.

Lawrow sagte, die russischen Fans seien gereizt worden, „Wir können nicht die Augen davor verschließen, dass es absolut provozierende Aktionen von Fans aus anderen Ländern gegeben hat“, sagte er vor dem Parlament. Seinem Ministerium zufolge war der französische Botschafter wegen „Diskriminierung“ russischer Fans einbestellt worden. Die französische Botschaft in Moskau erklärte dagegen auf ihrer Internetseite, die vier Russen seien im „Einklang mit den französischen Gesetzen“ und transparent für die russischen Behörden festgesetzt worden.

Die französische Polizei ging am Mittwoch in Lille mit Tränengas und Schlagstöcken gegen 200 randalierende englische Fußball-Fans vor. Die Polizei habe eingegriffen, nachdem sich eine Menschenmenge am Bahnhof in Bewegung gesetzt habe, hieß es in Polizeikreisen. Zuvor sei dort eine Explosion zu hören gewesen. In der Innenstadt spielten sich Jagdszenen ab.

Wieder einmal erfüllt sich die Hoffnung auf ein friedliches Fußball-Fest nicht. Doch anders als wenige Tage zuvor in Marseille kommt es am Mittwoch nicht zu anhaltenden Gewaltexzessen, die Lage beruhigt sich wieder.

Die Fans der Three Lions sind vor dem zweiten Gruppenspiel gegen Wales am Donnerstag im nur 40 Kilometer entfernten Lens nach Lille gekommen. Die Stadt war am Nachmittag Schauplatz der Partie Russland gegen Slowakei.

Russische und englische Fans hatten sich am vergangenen Samstag in Marseille gewalttätige Auseinandersetzungen geliefert, bei denen mehrere Personen verletzt wurden. Wegen der Krawalle im Stadion hatte die UEFA den russischen Verband mit einem EM-Ausschluss auf Bewährung bestraft. Nun grölten die Engländer Schmähgesänge gegen die Russen, es flogen Flaschen und Bierbecher.

Die Sorge vor gewaltbereiten Fans und Ausschreitungen war nach den Ausschreitungen am vergangenen Samstag groß. Entsprechend angespannt war die Stimmung bei den französischen Sicherheitskräften. Kein Wunder, beherbergt Lille doch Tausende Fans. Weil Lens deutlich kleiner als Lille ist und es dort nur wenig Hotelbetten gibt, sind Anhänger von mindestens vier Nationalmannschaften zur gleichen Zeit im gleichen Ort.

Fragen und Antworten zu den Ausschreitungen bei der EM

Wie konnte es zu der Eskalation der Fan-Gewalt kommen?

Mögliche Ausschreitungen von Fans standen für die französische Polizei immer auf der Agenda, wie auch die Terrorabwehr. Den Vorwurf, nicht auf die Gewalt vorbereitet gewesen zu sein, weisen die Gastgeber daher zurück. Auffällig ist das strikte Vorgehen der Sicherheitskräfte mit schnellem Einsatz von Tränengas und massivem Schlagstockeinsatz. Eine Politik der Deeskalation hat es offenbar nicht gegeben.

Quelle: dpa

Was lief falsch im Stadion?

Praktisch ungehindert konnten russische Hooligans über eine Absperrung in einen Block mit englischen Fans gelangen. Hier haben die Sicherheitsvorkehrungen der Uefa nicht funktioniert. Private Wachmänner sollten ein Aufeinandertreffen der Fangruppen eigentlich verhindern. Auch konnten russische Fans Feuerwerkskörper ins Stadion schmuggeln.

Wie reagiert die Uefa?

Die Krawalle im Stadtzentrum von Marseille ließ die UEFA noch unkommentiert. Nach dem Vorfall im Stadion wurde aber umgehend gehandelt – und zwar mit großer Schärfe. Das Exekutivkomitee traf sich am Sonntag und verwarnte hinterher die Teams aus England und Russland. Die Androhung: Wiederholen sich die Vorfälle, geht es für die Teams in der Gruppe B nach Hause. Auch die Disziplinarkommission kam gleich zusammen und eröffnete ein Verfahren gegen den russischen Verband. Mit dem Ergebnis: Russland spielt die restlichen Spiele nur auf Bewährung mit.

Wurden konkrete Maßnahmen für die folgenden Spiele getroffen?

Die Aufstockung der Stewards zur Separierung der Fans wurde für alle Partien sofort beschlossen. Somit soll es nicht mehr möglich sein, dass Fans in einen Block der anderen Anhänger eindringen können.

Welche Strafen drohen vor einem Ausschluss?

Für das Verhalten der Fans im Stadion droht Russland eine Sanktion nach Artikel 16 der UEFA-Gesetze. Das kann eine Verwarnung sein, eine Geldstrafe, ein Punktabzug für die EM oder einen anderen Wettbewerb aber auch der Turnierausschluss. Da Russland bereits 2012 negativ auffiel, dürfte das Urteil nicht zu milde ausfallen – auch als Abschreckung.

Hat das Geschehen Auswirkung auf die WM 2018 in Russland?

Russlands Funktionäre leugnen traditionell jedes Problem mit rassistischen oder gewalttäigen Fans. Noch in Marseille stellte Sportminister Witali Mutko die Frage, was die Ereignisse mit der WM 2018 zu tun hätten. Aus seiner Sicht: Nichts. Doch die FIFA wird langsam hellhörig. In einem Statement wurde am Sonntag versichert, dass der kommende WM-Gastgeber die Erfahrungen der EM in sein Sicherheitskonzept aufnehmen werde.

Und was ist mit den Engländern?

Im Stadion gab es offenbar im Gegensatz zum Stadtzentrum von Marseille keine Vergehen englischer Fans. Deswegen greifen auch die Disziplinarregeln nicht. Aber die Uefa nutzte eben die Hintertür. Paragraf 65 der Statuten erlaubt dem Exekutivkomitee nach „Recht und Billigkeit“ bei unvorhergesehen Fällen Strafen auszusprechen. Das tat das Gremium schon 2000, als englische Fans im belgischen Charleroi randalierten und dem Team für Wiederholungsfälle der Turnierausschluss angedroht wurde.

Partycrasher des Turniers?

Für die EM kann die Hooligangewalt zu einem Partykiller werden. Bekommen die Sicherheitskräfte das Problem nicht in den Griff, drohen schon bald neue Aussschreitungen. An Konfliktpotenzial mangelt es nicht. Am Mittwoch spielt Russland in Lille gegen die Slowakei. England einen Tag später im benachbarten Lens gegen Wales - und die deutschen Fans sind auf der Anreise zur Partie in Saint-Denis gegen Polen, die auch zu den insgesamt fünf EM-Begegnungen gehört, die der höchsten Risikostufe zugeordnet werden.

Frankreich kann und will sich die Bilder der brutalen Kämpfe wie am vergangenen Samstag nicht mehr leisten. Etwa 150 russische Hooligans hatten in Marseille Krawalle mit mehreren Verletzten angezettelt. Vor dem Spiel Deutschland gegen die Ukraine am Sonntag hatten in Lille etwa 50 deutsche Hooligans randaliert.

Obwohl Russland auf Bewährung spielt, schließt Sportminister Witali Mutko neue Randale nicht aus. „Unsere Fans werden ständig provoziert“, sagte er der Agentur Tass. Zum Slowakei-Spiel, das mit einer 1:2-Niederlage endet, seien etwa 12.000 Russen nach Lille gekommen. Er könne nicht mit Sicherheit sagen, dass sich Ausschreitungen russischer Fans nicht wiederholen werden. Oft würden sie aber zu Unrecht bezichtigt. Außenminister gej Lawrow rügte auch das Verhalten russischer Fans. „Es ist inakzeptabel, wie sich einige unserer Bürger benommen haben, die mit Feuerwerkskörpern (ins Stadion) gekommen sind.“ Auch in der Partie gegen die Slowaken brannten im russischen Fanblock Bengalos.

„Wir sind hier, weil wir Fußball sehen wollen und keine Kämpfe“, sagt der Russe Bilial Kotkin vor dem Anpfiff. Angst vor Hooligans habe er nicht. „Wir sind Russen“, sagt er lachend und schaut zu seinen Freunden. „Wenn wir kämpfen müssen, können wir das.“ Ein anderer Russe mit kurzer Jeanshose und schwarzem Kapuzenpulli konkretisiert: Russen kämpfen nur gegen Ukrainer, Polen und Engländer.

Von

dpa

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