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10.06.2016

08:30 Uhr

EM 2016

Pariser Banlieues geraten ins Abseits

VonThomas Hanke

Die Vororte von Paris gelten als soziale Parallelwelt, Nährboden für Armut und Extremismus. Die EM sollte etwas Geld in die Banlieues spülen, hofften ansässige Unternehmer – doch sie wurden enttäuscht. Ein Rundgang.

Sobald die Zuschauer aus der Métro-Station am Stade de France kommen, werden sie wie eine Hammelherde in eine Art Gitterkäfig geleitet.

Am Stadion

Sobald die Zuschauer aus der Métro-Station am Stade de France kommen, werden sie wie eine Hammelherde in eine Art Gitterkäfig geleitet.

ParisGäbe es einen Wettbewerb um Spitzenleistungen in Geldgier und Niedertracht – die UEFA hätte beste Chancen, ihn zu gewinnen. „Wir hatten gehofft, wenigsten ein wenig von der Fußball-Europameisterschaft zu profitieren, aber das Gegenteil wird der Fall sein“, sagt Georges Sejourne mit nur mühsam unterdrücktem Zorn. Er ist der Geschäftsführer des Restaurants „Le Chalet des Crêpes“ direkt gegenüber vom Stade de France in Saint-Denis. 50 Meter weiter hatte sich am 13. November einer der Terroristen in die Luft gesprengt.

Wie viele andere Betreiber von Cafés und Restaurants war Sejourne realistisch genug, um zu wissen, dass es nicht viele Zuschauer vor oder nach einem EM-Spiel in die Banlieue ziehen werde. Aber ein wenig Laufkundschaft, das sollte schon drin sein.

Da haben die „Dyonisiens“, wie sich die Bewohner des armen Vororts nennen, nicht mit der Raffinesse der UEFA gerechnet. Und mit dem Käfig, den sie aufbauen ließ: Sobald die Zuschauer aus der Métro-Station am Stade de France kommen, werden sie wie eine Hammelherde in eine Art Gitterkäfig geleitet. Der führt sie geraden Wegs in die Zone vor dem Stadion. Ein Ausbrechen ist fast unmöglich.

EM in Zahlen Teil 1

0

Island, Nordirland und Irland haben keinen einzigen Spieler nominiert, der in der heimischen Liga kickt.

1

Nur das englische Nationalteam besteht aus Spielern aus einer einzigen Liga: Alle 23 Profis stehen in der Premier League unter Vertrag.

2

„God save the Queen“ wird bei der EM sowohl für England als auch für Neuling Wales gespielt.

3

Frankreich ist nach 1960 und 1984 zum dritten Mal EM-Gastgeber.

4

England, Irland, Nordirland und Wales sind dabei – von den fünf Nationen der britischen Inseln schauen nur die traurigen Schotten zu.

5

Fünf Mannschaften nehmen zum ersten Mal teil: Die Slowakei, Albanien, Island, Wales und Nordirland.

6

Der höchste EM-Sieg datiert aus dem Jahr 2000, als die Niederlande ihr Viertelfinale gegen Jugoslawien 6:1 gewannen.

7

Die Dauerbrenner Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski bestreiten ihr siebtes großes Turnier.

8

Acht Ligen sind mit nur einem Profi vertreten – darunter China (Burak Yilmaz/Türkei von Beijing Guoan) und Saudi-Arabien (Lucian Sanmartean/Rumänien von Al-Ittihad).

9

Der Franzose Michel Platini ist mit neun Toren Rekordschütze – alle erzielt bei der Endrunde 1984. Der Engländer Alan Shearer folgt mit sieben Treffern.

10

Gespielt wird in zehn Stadien. Das größte ist das Stade de France in St. Denis (80.000 Plätze), das kleinste steht in Toulouse (33.000).

Wütend starrt Sejourne auf den Zaun, der direkt vor seinem Restaurant auf der anderen Straßenseite verläuft. „Beim Meisterschaftsspiel Paris Saint-Germain gegen Olympique Marseille hatte die UEFA den schon aufbauen lassen, mit der Folge, dass wir 70 Prozent weniger Umsatz hatten als normalerweise.“

Mit „Sicherheit“ habe das nichts zu tun: „Die UEFA will einfach gewährleisten, dass so gut wie alle Zuschauer nur an den 25 Ess- und Trinkständen konsumieren, die sie und ihre Sponsoren innerhalb des Zauns betreiben.“ Und Sejourne gibt einen interessanten Hinweis: Das Konzept der UEFA habe er sich besorgt, es sei schon vor den Anschlägen des 13. November fertig gewesen.

Nur mit Hilfe eines Gerichtsbeschlusses hätten die Geschäftsleute aus Saint-Denis erreicht, dass weitere Eingänge des Stade de France geöffnet werden und nicht nur drei – insgesamt bestehen 24. Deshalb werden ein paar Zuschauer vielleicht auch bei Sejourne und seinen Kollegen vorbeikommen, hofft der Restaurantchef.

Kommentare (21)

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Account gelöscht!

10.06.2016, 09:53 Uhr

Typischer Artikel gegen die friedliebende Bevölkerung,
in Europa soll das Verhältnis zwischen den EU-Staaten und seinen muslimischen Bürgern nachhaltig gestört werden.

Herr Thomas Behrends

10.06.2016, 10:05 Uhr

Die Wohlhabenden der Welt bräuchten nur auf ein paar Prozentpunkte Ihres gigantischen Vermögens zu verzichten und wenn die freiwerdenden Mittel dann für die, die arm sind, hungern und keinerlei Bildungschancen haben, eingesetzt würden, wäre diese Erde eine Friedlichere.

Das im eigenen Interesse, wenn man schon alles besitzt, was man braucht, braucht man nicht noch mehr ...

Man wird daduch auch nicht glücklicher ...

Aber Raffgier (wie bei der FIFA und UEFA und vielen Anderen üblich) führt zu Zwietracht, Hass und Gewalt. Einfach völlig unnötig!

Frau Annette Bollmohr

10.06.2016, 10:32 Uhr

Völlig richtig, was Sie das schreiben. Und es kann auch nur von Vorteil sein, dies den Leute immer wieder in Erinnerung zu rufen.

Allein: Umverteilung ist Planwirtschaft (und die hat bekanntlich noch nirgendwo funktioniert), und das eigentliche Problem liegt in der weit verbreiteten, resignierten Einstellung: "An mir wird die Welt auch nicht gesunden."

Und eben deshalb braucht es ein neues politisches System, das effektiv jeden einzelnen Menschen einbezieht und somit auf dessen Verantwortung - sowohl für sich selbst als auch für das Funktionieren der Gesellschaft - setzt.

Mithilfe der IT ginge das heute. Man müsste sie sinnvoller einsetzen, d.h. die vorhandenen gebundenen Ressourcen könnten, an anderen Stellen eingesetzt, sehr oft noch wesentlich mehr zum Gemeinwohl beitragen, als es heute bereits der Fall ist.

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