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11.06.2016

08:05 Uhr

EM-Auftakt in Paris

Frankreich hat die Angst besiegt

VonAlexander Möthe

Die Eröffnung der Euro 2016 in Frankreich ist geglückt – so viel ist sicher. Der Auftaktsieg der Grande Nation ist nur das Sahnehäubchen. Der eigentliche, wenn auch nicht ungetrübte Sieg: es ist nichts passiert.

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ParisAus, aus, das Spiel ist aus. Als sich, so die überlieferte Zahl, rund 83.000 Zuschauer von der Pariser Fanmeile am Eiffelturm Richtung U-Bahnhof Trocadéro bewegen, herrscht nach dem 2:1-Sieg der Franzosen gegen Rumänien ausgelassene Stimmung. Menschen in blau-weiß-rot strömen aus den Absperrungen, jubeln. Es wird gelacht, maßvoll getrunken und in der Metro schließlich voller Inbrunst die Marseillaise angestimmt. Nur ob das Hupkonzert dem Sieg gilt, ist schwer zu sagen, da Autofahrer in Paris eigentlich immer hupen.

Es gibt viel zu feiern: Den Erfolg der französischen Nationalmannschaft über Rumänien zum Auftakt der Fußball-EM 2016, zum Beispiel. Das Wochenende und das Leben selbst, wie in Paris nicht unüblich. Vor allem aber die Nachricht, dass die Sicherheitsmaßnahmen der Behörden gegriffen haben. Eine Eröffnung ohne Unglück – keine Selbstverständlichkeit in einer Stadt, in der seit den Anschlägen vom 13. November 2015 der Ausnahmezustand herrscht.

Die Unsicherheit, die Angst vor einer möglichen Wiederholung der Gräueltaten, die damals 130 Menschen das Leben kosteten, sie ist in dieser Megametropole nicht greifbar. Es scheint, Paris hat genug anderes um die Ohren, um sich um das womöglich Unvermeidbare zu kümmern. Tatsächlich haben die anhaltenden Streiks und das massive Hochwasser der Vorwoche das Augenmerk etwas vom inzwischen üblich gewordenen Fokus weggelenkt: Wie sicher ist die EM? Dass zumindest die französische Regierung das nicht vergessen hat, zeigt die massive Polizeipräsenz in der Stadt. „Man merkt, dass es deutlich mehr geworden ist“, sagt etwa Francesca, eine deutsche Studentin, die seit Februar ein Praktikum in Paris absolviert.

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Pariser Banlieues geraten ins Abseits

Die Vororte von Paris gelten als soziale Parallelwelt, Nährboden für Armut und Extremismus. Die EM sollte etwas Geld in die Banlieues spülen, hofften ansässige Unternehmer – doch sie wurden enttäuscht. Ein Rundgang.

Und so ist es. Über 100.000 Polizisten sind in der Hauptstadt während der EM im Einsatz. Über die Kosten des riesigen Einsatzes redet kaum jemand. Das ist in Ordnung, es geht schließlich um die Sicherheit. Es wirkt vor allem, als wissen die Polzisten genau, was sie wann zu tun haben. Zu Reisestoßzeiten sind viele Beamte an Verkehrsknotenpunkten zu sehen, in U-Bahnhöfen, entlang der Abfahrtswege. Sei es in der Peripherie in St. Denis, wo ein Kollege am Stade de France erklärt, dass die Zugänge zum Stadion sukzessive abgeriegelt wurden.

Oder eben in der stark gesicherten Fanzone am Eiffelturm. Nein, in der 70. Minute lassen die Gendarmen, in gebrochenem Englisch und freundlichstem Französisch, niemanden mehr hinein. Auch keine Journalisten, die die erste Hälfte im 11. Arrondissement, nahe der ehemaligen Anschlagsorte, geschaut haben. „Finis“, heißt es lapidar, um dann gestenreich zu erklären, dass sich der Weg doch ohnehin nicht mehr lohne. Nein, auch der Presseausweis hilft da nicht, auch wenn das Spiel zu diesem Zeitpunkt nicht entschieden ist. Freundlich, aber bestimmt, die Polizei hinterlässt diesen Eindruck überall, wo sie auftaucht. Selbst die Spürhunde wirken, als trügen sie den Maulkorb nur, um die Welt vor ihrer guterzogenen Art zu schützen.

EM in Zahlen Teil 1

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Island, Nordirland und Irland haben keinen einzigen Spieler nominiert, der in der heimischen Liga kickt.

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Nur das englische Nationalteam besteht aus Spielern aus einer einzigen Liga: Alle 23 Profis stehen in der Premier League unter Vertrag.

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„God save the Queen“ wird bei der EM sowohl für England als auch für Neuling Wales gespielt.

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Frankreich ist nach 1960 und 1984 zum dritten Mal EM-Gastgeber.

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England, Irland, Nordirland und Wales sind dabei – von den fünf Nationen der britischen Inseln schauen nur die traurigen Schotten zu.

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Fünf Mannschaften nehmen zum ersten Mal teil: Die Slowakei, Albanien, Island, Wales und Nordirland.

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Der höchste EM-Sieg datiert aus dem Jahr 2000, als die Niederlande ihr Viertelfinale gegen Jugoslawien 6:1 gewannen.

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Die Dauerbrenner Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski bestreiten ihr siebtes großes Turnier.

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Acht Ligen sind mit nur einem Profi vertreten – darunter China (Burak Yilmaz/Türkei von Beijing Guoan) und Saudi-Arabien (Lucian Sanmartean/Rumänien von Al-Ittihad).

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Der Franzose Michel Platini ist mit neun Toren Rekordschütze – alle erzielt bei der Endrunde 1984. Der Engländer Alan Shearer folgt mit sieben Treffern.

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Gespielt wird in zehn Stadien. Das größte ist das Stade de France in St. Denis (80.000 Plätze), das kleinste steht in Toulouse (33.000).

Durch die Metallzäune verlassen einige Engländer das Gelände mit der riesigen Leinwand. Ja, sie und ihre Taschen wurden gründlich kontrolliert, nein, ein ungutes Gefühl dabei hatten sie nicht. Schon am Donnerstag, als Star-DJ David Guetta an gleicher Stelle mit einem Konzert einen Vorgeschmack auf die Eröffnungsfeier gibt, nimmt die Polizei jeden Besucher genau unter die Lupe. Taschenlampe, Augenkontakt, Taschen auf. Zu- und Ausgang getrennt voneinander. Wie sehr die Sicherheit eine Illusion sein kann, zeigt die Sicherheitsschleuse am Eiffelturm. In einem Reißverschluss bleibt ein mitgebrachter Becher ebenso unbemerkt wie der Regenschirm. Aber, so sagt man sich, hier kontrolliert ja auch nicht die Polizei.

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