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11.07.2016

16:38 Uhr

EM-Bilanz

Das Ende der Angstgegner

VonAlexander Möthe

Ewiger Mitfavorit, niemals Titelgewinner: Portugal hat mit dem Sieg im EM-Finale sein großes Trauma überwunden. Damit sind sie nicht allein. Gleich eine Reihe von Angst-Duellen wurden aus der Fußballhistorie gelöscht.

Trauma überwunden und doch verloren: französische Fans beim Public Viewing des Finals der Europameisterschaft. AFP; Files; Francois Guillot

Nach dem Angstgegner kam die Trauer

Trauma überwunden und doch verloren: französische Fans beim Public Viewing des Finals der Europameisterschaft.

ParisKlar, sie haben die große Party in Paris versaut, diese Portugiesen. Für ihren ersten großen Titel hätten sie sich aus französischer Sicht kein unpassenderes Timing wählen können. Denn die Grande Nation war eigentlich gerade dabei, ihren Gemeinschaftsgeist mit ihrer Begeisterung für den Fußball wieder zu entdecken. Alle Zeichen deutetet auf einen Sieg Frankreichs. Weil es eine so wunderbare Geschichte gewesen wäre: Gut ein halbes Jahr nach den Anschlägen vom 13. November triumphiert das Land bei der Heim-EM, trotzt dem Terror und den Krisen und singt stolz die Marseillaise.

Doch in der Nacht zum Montag gab es nur Enttäuschung, Schulterzucken und die Rückkehr der Randale auf die Straßen von Paris. Auch wenn mit etwas Abstand das Erreichen des Finals wohl als Erfolg eingeordnet werden wird. Schon jetzt ist klar, dass die Franzosen am gesellschaftlichen Trauma der vergangenen Monate noch arbeiten müssen. Die breite Unterstützung der Nationalmannschaft vor dem Finale zeigt aber gleichzeitig auch, dass sich die spürbare Distanz zu dem Team verringert hat. Denn seit dem WM-Boykott 2010 und den jüngsten Rassismusvorwürfen zählte die Equipe Tricolore nicht zu Frankreichs liebsten Kindern. In dieser Mannschaft, die sich völlig ungeachtet ihrer unterschiedlichen Migrationshintergründe zusammengerauft hat, finden sich alle Teile der französischen Bevölkerung wieder.

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Das sportlich größte Trauma hat sicherlich der neue Europameister überwunden. Seit Jahrzehnten zählt die Seleção bei jedem Turnier mindestens zum erweiterten Kreis der Titelanwärter. 2004, bei der EM im eigenen Lande, war die Mannschaft mit einem jungen Cristiano Ronaldo und einem reifen Luis Figo sogar der haushohe Favorit. Damals ackerte sich ein krasser Außenseiter durch starke Defensivleistungen bis ins Finale – Griechenland traf überraschend auf den Gastgeber. Und wie jetzt in Paris war seinerzeit in Porto für alle ganz klar, dass der Erfolg nur Makulatur sei. Damals traf Angelo Charisteas per Kopf mitten ins Fußballherz der Portugiesen.

Seither haftete vor allem an Ronaldo ein Makel, trotz aller Erfolge im Vereinsfußball. Nie würde er mit Portugal einen Titel gewinnen – viele waren sich sicher. Tatsächlich ließ es der Stürmer trotz seiner Tore oft vermissen, Mannschaft und Turnier seinen Stempel aufzudrücken. Doch ausgerechnet das Finale, in dem er nach wenigen Minuten unter Tränen verletzt vom Platz musste, zeigte, wie wichtig er als Persönlichkeit in der Mannschaft ist. Seine Mannschaftskameraden traten noch mehr als Einheit auf, hochkonzentriert und ihrem Spielsystem treu. Jetzt erst recht, lautete die Devise – auch für den Kapitän.

Und so war der Moment, in dem der humpelnde Ronaldo den EM-Pokal in den Pariser Nachthimmel recken konnte, ein Sieg über gleich zwei Traumata. Zum einen hat Portugal endlich bewiesen, zur Weltspitze zu gehören, auch wenn diese Entwicklung jetzt mit Talenten wie Renato Sanches unterfüttert werden muss. Zum anderen hat Cristiano Ronaldo gezeigt, dass er seine Nationalmannschaft bis zum Titel bringen kann und kein abgezockter Ego-Spieler ist. Einer für alle, alle für einen – in Frankreich wurden die Portugiesen zu Musketieren.

Das Finale war auch der Höhepunkt einer Reihe von gerissenen Serien und historischen Erfolgen. Und die deutsche Nationalmannschaft ist mittendrin. Zum ersten Mal überhaupt hatte eine DFB-Auswahl bei einem großen Turnier gegen eine italienische Nationalmannschaft gewonnen. Besonders schmerzlich waren den deutschen Fans die Niederlagen 2012 und 2006 in Erinnerung. 2012 beendeten Mario Balotelli und sein inzwischen legendärer Torjubel im EM-Halbfinale die Titelträume der Mannschaft. 2006 riss der spätere Weltmeister ebenfalls im Halbfinale Klinsi, Schweini und Poldi aus dem Sommermärchen. Aber auch zuvor gelang es Deutschland kein einziges Mal, Italien zu bezwingen. Während der EM 1996 etwa war es nur der überragenden Leistung

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