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10.07.2016

19:16 Uhr

EM-Finale Frankreich gegen Portugal

Traum und Trauma

VonAlexander Möthe

In Paris ist kurz vor dem EM-Finale erstmals so etwas wie Fußballeuphorie spürbar. Frankreich feiert sein eigenes „Sommermärchen“, die Probleme des Landes sind nach vier Wochen Turnier derzeit Nebensache.

Wer die Fanzone vor dem Pariser Monument besuchen will, muss zuerst durch drei Sicherheitsschleusen. AP

Fanzone vor dem Eiffelturm

Wer die Fanzone vor dem Pariser Monument besuchen will, muss zuerst durch drei Sicherheitsschleusen.

ParisVier Wochen lang hat es Paris geschafft, die komplette Europameisterschaft beinahe zu verschlucken. Während in Lille, in Marseille und in Bordeaux Tausende Fußballfans während der Spiele die Innenstädte im Griff hatten, konnte man durch weite Teile der Landeshauptstadt streifen, ohne zu bemerken, dass gerade eine der größten Sportveranstaltungen der Welt dort stattfindet. In den Cafés, Bars und Restaurants war das Interesse an den Spielen gering, die Fanzone füllte sich kaum komplett. Trikots, Fahnen, Sympathiebekundungen – all das sah man nur selten.

Frankreich hatte zu Turnierbeginn ganz andere Probleme. Terrorangst, Streiks und Straßenschlachten wegen der angekündigten Arbeitsmarktreform, Dauerregen und Hochwasser beherrschten das Tagesgeschäft. Daran änderten auch die ewig singenden Iren, Nordiren, Engländer und Waliser nichts.

Wenige Stunden vor dem EM-Endspiel der Franzosen gegen Portugal, hat sich das Bild geändert. In den Restaurants der Viertel wie Montmartre oder am Place de Republique flattert die Tricolore im Wind. Das blaue Trikot der Nationalmannschaft gehört bereits seit Tagen zum Straßenbild, inzwischen bieten auch die Straßenhändler allerlei Fan-Devotionalien an. Im Fernsehen laufen Sondersendungen zum Finale auf und ab, die Mannschaft taucht in mehreren Werbespots auf. Selbst Volkwagen lässt in Frankreich Spots schalten, bei denen die Unterstützung der Equipe Tricolore ausgedrückt wird. Die Online-Ausgaben der großen Zeitungen kennen kein anderes Thema als das Finale.

Und während am Abend gut 80.000 Fans das Nationalstadion „Stade de France“ bis auf den letzten Platz ausfüllen werden, sammelten sich schon am Nachmittag Tausende Anhänger von „Les Bleu“ an der Fanzone direkt am Eiffelturm. Bei strahlendem Sonnenschein wirkt es, als habe es der Fußballgott sich in den Kopf gesetzt, den Franzosen ihr eigenes Sommermärchen zu schenken. „La France a l’unisson“ titelte die Tageszeitung Le Figaro in ihrer Samstagsausgabe. Frankreich im Einklang.

Das Stade de France, Sehnsuchtsort des nationalen Traums, ist zugleich Schauplatz eines nationalen Traumas. Hier zeigten Terroristen am 13. November 2015 der Welt, dass sie dem Westen den Krieg erklärt hatten. Zwar gelang es den Attentätern nicht, bis ins Stadion vorzudrängen. Bei den verheerenden Angriffen in der Bar Bataclan und verschiedenen Restaurants im 10. und 11. Arrondissement starben jedoch 130 Menschen, mehr als 350 wurden verletzt. Wenige Monate vor der EM hatte sich Frankreich als bis ins Innerste verletzbar präsentiert. Ein Schock für das Land und alle seine Verbündeten.

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