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13.06.2016

23:01 Uhr

EM-Krawalle

Englische Hooligans müssen hinter Gitter

VonThomas Hanke, Alexander Möthe

Die schweren Ausschreitungen von Hooligans in Marseille und Nizza haben die Weltöffentlichkeit schockiert. Während die Justiz handelt, tut sich die Politik noch schwer mit Konsequenzen – und die Polizei wirkt ratlos.

Euro 2016

Nach Krawallen verurteilt: Zwei Briten müssen ins Gefängnis

Euro 2016: Nach Krawallen verurteilt: Zwei Briten müssen ins Gefängnis

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ParisEin Krankenpfleger aus der Psychiatrie und ein Koch sind die ersten englischen Hooligans, die wegen ihrer Beteiligung an den Krawallen in der Innenstadt von Marseille zu Gefängnisstrafen verurteilt worden sind. In einem Schnellverfahren hat die französische Justiz sie zu drei bzw. zwei Monaten Gefängnis ohne Bewährung bestraft.

Außerdem dürfen sie zwei Jahre lang keinen französischen Boden mehr betreten. Die Behörden versuchen mit dieser Schnellstrafe den Eindruck von großer Entschlossenheit zu wecken und andere potentielle Täter abzuschrecken.

Die französische Politik dagegen tut sich schwer damit, Konsequenzen aus den Gewaltexzessen in Marseille und in geringerem Maße in Nizza sowie Lille zu ziehen. „Es besteht keinerlei Anlass dazu, die Polizei zu kritisieren oder ihre Strategie in Zweifel zu ziehen“, verteidigte Innenminister Bernard Cazeneuve nicht zuletzt seine eigenen Entscheidungen.

Fragen und Antworten zu den Ausschreitungen bei der EM

Wie konnte es zu der Eskalation der Fan-Gewalt kommen?

Mögliche Ausschreitungen von Fans standen für die französische Polizei immer auf der Agenda, wie auch die Terrorabwehr. Den Vorwurf, nicht auf die Gewalt vorbereitet gewesen zu sein, weisen die Gastgeber daher zurück. Auffällig ist das strikte Vorgehen der Sicherheitskräfte mit schnellem Einsatz von Tränengas und massivem Schlagstockeinsatz. Eine Politik der Deeskalation hat es offenbar nicht gegeben.

Quelle: dpa

Was lief falsch im Stadion?

Praktisch ungehindert konnten russische Hooligans über eine Absperrung in einen Block mit englischen Fans gelangen. Hier haben die Sicherheitsvorkehrungen der Uefa nicht funktioniert. Private Wachmänner sollten ein Aufeinandertreffen der Fangruppen eigentlich verhindern. Auch konnten russische Fans Feuerwerkskörper ins Stadion schmuggeln.

Wie reagiert die Uefa?

Die Krawalle im Stadtzentrum von Marseille ließ die UEFA noch unkommentiert. Nach dem Vorfall im Stadion wurde aber umgehend gehandelt – und zwar mit großer Schärfe. Das Exekutivkomitee traf sich am Sonntag und verwarnte hinterher die Teams aus England und Russland. Die Androhung: Wiederholen sich die Vorfälle, geht es für die Teams in der Gruppe B nach Hause. Auch die Disziplinarkommission kam gleich zusammen und eröffnete ein Verfahren gegen den russischen Verband. Mit dem Ergebnis: Russland spielt die restlichen Spiele nur auf Bewährung mit.

Wurden konkrete Maßnahmen für die folgenden Spiele getroffen?

Die Aufstockung der Stewards zur Separierung der Fans wurde für alle Partien sofort beschlossen. Somit soll es nicht mehr möglich sein, dass Fans in einen Block der anderen Anhänger eindringen können.

Welche Strafen drohen vor einem Ausschluss?

Für das Verhalten der Fans im Stadion droht Russland eine Sanktion nach Artikel 16 der UEFA-Gesetze. Das kann eine Verwarnung sein, eine Geldstrafe, ein Punktabzug für die EM oder einen anderen Wettbewerb aber auch der Turnierausschluss. Da Russland bereits 2012 negativ auffiel, dürfte das Urteil nicht zu milde ausfallen – auch als Abschreckung.

Hat das Geschehen Auswirkung auf die WM 2018 in Russland?

Russlands Funktionäre leugnen traditionell jedes Problem mit rassistischen oder gewalttäigen Fans. Noch in Marseille stellte Sportminister Witali Mutko die Frage, was die Ereignisse mit der WM 2018 zu tun hätten. Aus seiner Sicht: Nichts. Doch die FIFA wird langsam hellhörig. In einem Statement wurde am Sonntag versichert, dass der kommende WM-Gastgeber die Erfahrungen der EM in sein Sicherheitskonzept aufnehmen werde.

Und was ist mit den Engländern?

Im Stadion gab es offenbar im Gegensatz zum Stadtzentrum von Marseille keine Vergehen englischer Fans. Deswegen greifen auch die Disziplinarregeln nicht. Aber die Uefa nutzte eben die Hintertür. Paragraf 65 der Statuten erlaubt dem Exekutivkomitee nach „Recht und Billigkeit“ bei unvorhergesehen Fällen Strafen auszusprechen. Das tat das Gremium schon 2000, als englische Fans im belgischen Charleroi randalierten und dem Team für Wiederholungsfälle der Turnierausschluss angedroht wurde.

Partycrasher des Turniers?

Für die EM kann die Hooligangewalt zu einem Partykiller werden. Bekommen die Sicherheitskräfte das Problem nicht in den Griff, drohen schon bald neue Aussschreitungen. An Konfliktpotenzial mangelt es nicht. Am Mittwoch spielt Russland in Lille gegen die Slowakei. England einen Tag später im benachbarten Lens gegen Wales - und die deutschen Fans sind auf der Anreise zur Partie in Saint-Denis gegen Polen, die auch zu den insgesamt fünf EM-Begegnungen gehört, die der höchsten Risikostufe zugeordnet werden.

Ihm kommt zugute, dass niemand in Frankreich den Stab über die Polizei brechen will: Die Sicherheitskräfte sind an der Grenze ihrer Belastungsfähigkeit angekommen und haben deshalb vor zwei Wochen schon selber in der Hauptstadt demonstriert.

Hinzu kommt, dass die Konservativen es kaum wagen, die sozialistische Regierung anzugreifen: Sie regieren selber in Marseille und in der Region PACA (Provence, Alpes, Cote d'Azur) und waren an der Einsatzplanung für den Samstag beteiligt.

Die Planung habe es erlaubt, angemessen zu reagieren, verteidigte sich Caroline Pozmentier, stellvertretende Bürgermeisterin von Marseille und bei den Konservativen für Prävention und Kriminalität verantwortlich: „Die Ordnungskräfte haben sehr schnell reagiert und die Auseinandersetzung auf ein Gebiet beschränken können, das wesentlich kleiner war als während der Weltmeisterschaft 1998.“ Ein wichtiger Faktor kommt hinzu: Die Konservativen haben bis 2012 Tausende Stellen bei der Polizei gestrichen und sie damit geschwächt.

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