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14.06.2016

11:33 Uhr

EM-Krawalle gefährden WM 2018

Russland in der Hooligan-Falle

VonDietmar Neuerer

Für Russland könnte die Fußball-EM noch zum Fiasko werden. Angesichts der offenbar von russischen Hooligans angezettelten schweren Krawalle am Auftakt-Wochenende wird der Ruf nach harten Konsequenzen immer lauter.

Russen-Funktionär über Euro 2016

„Ich kann nichts Schlimmes an kämpfenden Fans finden“

Russen-Funktionär über Euro 2016: „Ich kann nichts Schlimmes an kämpfenden Fans finden“

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BerlinDas Eingeständnis der französischen Staatsanwaltschaft wirkte ernüchternd für die EM-Beobachter. Keiner der an den Gewaltexzessen rund um das Gruppenspiel Russland gegen England beteiligten russischen Hooligans konnte dingfest gemacht werden. Die etwa 150 „extrem trainierten“ Täter hätten extrem schnell gehandelt und seien dann wieder verschwunden, räumte Staatsanwalt Brice Robin am Montag ein.

Dass nun Videoaufnahmen ausgewertet werden sollen, um die Hooligans doch noch zu identifizieren, half indes nicht, die Wogen der Debatte zu glätten, die mit den Vorfällen in Marseille ihren Anfang nahm und zwischenzeitlich das Zeug hat, zu einem ernsten Problem für Russland zu werden. Immerhin richtet das Land in zwei Jahren die Fußball-Weltmeisterschaft aus. Ob das vor dem Hintergrund der jüngsten Ausschreitungen noch die richtige Entscheidung ist, daran gibt es nun Zweifel.

„Russland muss seine Schlägertrupps unter Kontrolle bringen und dafür dringend ein überzeugendes Sicherheitskonzept entwickeln. Sonst darf eine Debatte über eine mögliche Neuvergabe der Fußball-WM kein Tabu sein“, sagte der Großstadtbeauftragte der Unions-Bundestagsfraktion, Kai Wegner, dem Handelsblatt.

Fragen und Antworten zu den Ausschreitungen bei der EM

Wie konnte es zu der Eskalation der Fan-Gewalt kommen?

Mögliche Ausschreitungen von Fans standen für die französische Polizei immer auf der Agenda, wie auch die Terrorabwehr. Den Vorwurf, nicht auf die Gewalt vorbereitet gewesen zu sein, weisen die Gastgeber daher zurück. Auffällig ist das strikte Vorgehen der Sicherheitskräfte mit schnellem Einsatz von Tränengas und massivem Schlagstockeinsatz. Eine Politik der Deeskalation hat es offenbar nicht gegeben.

Quelle: dpa

Was lief falsch im Stadion?

Praktisch ungehindert konnten russische Hooligans über eine Absperrung in einen Block mit englischen Fans gelangen. Hier haben die Sicherheitsvorkehrungen der Uefa nicht funktioniert. Private Wachmänner sollten ein Aufeinandertreffen der Fangruppen eigentlich verhindern. Auch konnten russische Fans Feuerwerkskörper ins Stadion schmuggeln.

Wie reagiert die Uefa?

Die Krawalle im Stadtzentrum von Marseille ließ die UEFA noch unkommentiert. Nach dem Vorfall im Stadion wurde aber umgehend gehandelt – und zwar mit großer Schärfe. Das Exekutivkomitee traf sich am Sonntag und verwarnte hinterher die Teams aus England und Russland. Die Androhung: Wiederholen sich die Vorfälle, geht es für die Teams in der Gruppe B nach Hause. Auch die Disziplinarkommission kam gleich zusammen und eröffnete ein Verfahren gegen den russischen Verband. Mit dem Ergebnis: Russland spielt die restlichen Spiele nur auf Bewährung mit.

Wurden konkrete Maßnahmen für die folgenden Spiele getroffen?

Die Aufstockung der Stewards zur Separierung der Fans wurde für alle Partien sofort beschlossen. Somit soll es nicht mehr möglich sein, dass Fans in einen Block der anderen Anhänger eindringen können.

Welche Strafen drohen vor einem Ausschluss?

Für das Verhalten der Fans im Stadion droht Russland eine Sanktion nach Artikel 16 der UEFA-Gesetze. Das kann eine Verwarnung sein, eine Geldstrafe, ein Punktabzug für die EM oder einen anderen Wettbewerb aber auch der Turnierausschluss. Da Russland bereits 2012 negativ auffiel, dürfte das Urteil nicht zu milde ausfallen – auch als Abschreckung.

Hat das Geschehen Auswirkung auf die WM 2018 in Russland?

Russlands Funktionäre leugnen traditionell jedes Problem mit rassistischen oder gewalttäigen Fans. Noch in Marseille stellte Sportminister Witali Mutko die Frage, was die Ereignisse mit der WM 2018 zu tun hätten. Aus seiner Sicht: Nichts. Doch die FIFA wird langsam hellhörig. In einem Statement wurde am Sonntag versichert, dass der kommende WM-Gastgeber die Erfahrungen der EM in sein Sicherheitskonzept aufnehmen werde.

Und was ist mit den Engländern?

Im Stadion gab es offenbar im Gegensatz zum Stadtzentrum von Marseille keine Vergehen englischer Fans. Deswegen greifen auch die Disziplinarregeln nicht. Aber die Uefa nutzte eben die Hintertür. Paragraf 65 der Statuten erlaubt dem Exekutivkomitee nach „Recht und Billigkeit“ bei unvorhergesehen Fällen Strafen auszusprechen. Das tat das Gremium schon 2000, als englische Fans im belgischen Charleroi randalierten und dem Team für Wiederholungsfälle der Turnierausschluss angedroht wurde.

Partycrasher des Turniers?

Für die EM kann die Hooligangewalt zu einem Partykiller werden. Bekommen die Sicherheitskräfte das Problem nicht in den Griff, drohen schon bald neue Aussschreitungen. An Konfliktpotenzial mangelt es nicht. Am Mittwoch spielt Russland in Lille gegen die Slowakei. England einen Tag später im benachbarten Lens gegen Wales - und die deutschen Fans sind auf der Anreise zur Partie in Saint-Denis gegen Polen, die auch zu den insgesamt fünf EM-Begegnungen gehört, die der höchsten Risikostufe zugeordnet werden.

Zudem forderte Wegner die Spitzen aus Politik und Sport in Russland auf, klarzumachen, dass Gewalt im Fußball „unter keinen Umständen eine Berechtigung“ habe. „Es ist bestürzend, wenn gewaltbereite Chaoten ein friedliches Fußballfest als Bühne für Ausschreitungen und Krawalle missbrauchen“, sagte der CDU-Politiker. „Fassungslos machen die Äußerungen des russischen Parlaments-Vizepräsidenten, der die Gewalttäter auch noch dafür lobte, angeblich die Ehre ihres Landes verteidigt zu haben.“

Der russische Parlaments-Vizepräsident Igor Lebedew hatte die Fanausschreitungen verteidigt. „Ich kann nichts Schlimmes an kämpfenden Fans finden. Eher im Gegenteil. Bravo, Jungs. Macht weiter so!“, schrieb der Politiker der nationalistischen Liberaldemokraten am Montag im Kurznachrichtendienst Twitter.

Die Grünen sehen bereits jetzt Handlungsbedarf. „In Anbetracht der gewaltsamen Ausschreitungen von russischen Hooligans während des EM-Gruppenspiels sowie der dubiosen Vergabe der WM-2018 an Russland und des Dopingsumpfs in dem Land, stellt sich sehr wohl die Frage, ob die Fifa diese WM-Vergabe nicht längst hätte überdenken müssen“, sagte Özcan Mutlu, Sprecher für Sportpolitik der Grünen-Bundestagsfraktion, dem Handelsblatt. „Noch ist Zeit für eine Neuvergabe für die Fifa. Die Fifa muss endlich handeln.“

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