Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.07.2016

08:30 Uhr

EM-Viertelfinale

Warum die Deutschen diesmal gegen Italien gewinnen

VonAlexander Möthe

Noch nie konnte eine deutsche Nationalmannschaft bei einem großen Wettbewerb die Italiener schlagen. Die „Squadra Azzurra“ ist aus historischer Sicht der Angstgegner schlechthin. Warum die DFB-Elf heute Abend trotzdem gewinnt.

29.März 2016, Länderspiel in der Allianz Arena: Mario Götze (r) jubelt mit Thomas Müller über seinen Treffer zum 2:0 gegen Italien. dpa

Deutschland - Italien

29.März 2016, Länderspiel in der Allianz Arena: Mario Götze (r) jubelt mit Thomas Müller über seinen Treffer zum 2:0 gegen Italien.

ParisAngstgegner. Wohl kaum ein Begriff fällt im Vorfeld des EM-Viertelfinals der DFB-Auswahl gegen Italien häufiger. Die verheerende Turnierbilanz gegen die „Squadra Azzurra“ – null Siege – wird zitiert, ein regelrechtes Trauma attestiert. Zu präsent ist die Halbfinalniederlage von 2012 noch. Auch das Aus gegen den späteren Weltmeister bei der Heim-WM 2006 wird heute als viel härter erachtet, als es sich während des „Sommermärchens“ tatsächlich anfühlte.

Unter den deutschen Fans auf dem Weg nach Bordeaux herrscht dennoch Optimismus. „Die sind jetzt reif“, sagt etwa eine Gruppe aus Gütersloh im Zug Richtung Paris, mit Mettbrötchen im Anschlag. Zwei Reisende aus Köln wollen sich nicht so weit aus dem Fenster lehnen, sehen Deutschland aber nicht nur vorn, weil sie auch noch Kartenoptionen für Halbfinale und Finale haben. In Paris selbst schließlich prognostizieren in einem türkischen Kiosk zwei Männer im PSG-Trikot ein 2:0 für „Die Mannschaft“, was eifriges Nicken im Laden hervorruft. Es ist eine Zuversicht, die nicht jeder teilt, die aber durchaus berechtigt ist. Aus einigen guten Gründen.

Es bedarf gar keiner mythologischen Überhöhung des ewigen Klassikers, kein Bemühen von historischen Vergleichen, dubioser Orakel oder Glücksbringer, um die deutsche Mannschaft vor der Partie am Samstagabend als Favoriten zu sehen. Entscheidend sind der Blick auf die stetige Entwicklung des Teams – und die aktuellen Leistungen.

Die kreisen um ein ganz einfaches Stichwort: Kontinuität. Bundestrainer Joachim Löw ist seit seiner Assistenzzeit unter Jürgen Klinsmann bei der Mannschaft, seit nunmehr zehn Jahren Cheftrainer. Teammanager Oliver Bierhoff ist auch seit 2004 beim DFB und sorgt im Umfeld des Teams für professionelle Strukturen.

Löw hat als Nationaltrainer etwas geschafft, was nur wenigen Amtskollegen zuvor gelungen ist: Eine Ära zu prägen. Nicht nur im eigenen Team, sondern eine Entwicklung im Vereinsfußball seines Landes zu verankern, die den Fußball insgesamt vorantreibt. Löw verfolgt ein eigenes System, was grundsätzlich auf Ballbesitz und Ballkontrolle angelegt ist, von seiner Mannschaft stets gutes Spielverständnis und Flexibilität abverlangt. Diese Spielertypen hat er seit 2006 mehr und mehr gefördert, die Leistungszentren der Bundesligisten haben diese Typen – auch im eigenen Interesse – immer öfter hervorgebracht. Löw verwandelt das Gesicht seiner Mannschaft nie ohne Not. Meist ersetzt er einen Spielertypen durch ein jüngeres, versierteres Upgrade.

Fußballer wie Jérôme Boateng, Toni Kroos, Sami Khedira oder Mesut Özil können Spiele lesen und die Anweisungen des Trainers mit ihrem Können umsetzen. Löw hat durch diese Spieler die Mittel erhalten, sein eigenes Spielsystem unabhängig vom Gegner aufzuziehen. Noch 2012 hat sich der Bundestrainer von seinen eigenen Finten berauschen lassen. Nach einigen wilden Wechseln in der Aufstellung verzockte sich Löw gegen Italien im Halbfinale völlig. Seine Variante, Kroos als Sonderbewacher auf Andrea Pirlo anzusetzen, konnte Pirlo nicht von seinem Spiel abhalten. Doch war durch die Umstellung die ganze Mannschaft verunsichert. Die Pleite war bitter, aber ein lehrreicher Abend – und der Grundstein für den Weltmeistertitel zwei Jahre später.

Löw konzentriert sich und die Mannschaft seither aufs Wesentliche. Ballbesitz, kontrolliertes Vortragen des Angriffs, kein überhasteter Abschluss. Was 2014 teils noch ungestüm daher kam, ist 2016 noch eine Spur reifer und präziser. Selbst innerhalb des Turniers zeichnet sich diese Entwicklung ab.

Seit der Wiederkehr von Mats Hummels hat sich der Spielaufbau tief in die eigene Hälfte verlagert. Boateng und Hummels sind erste Ballvorträger, im Mittelfeld nimmt Toni Kroos früh das Spielgerät entgegen und entscheidet, ob es weiter nach vorne geht oder neu aufgebaut wird. Kaum ein Spieler läuft mehr als Kroos, keiner spielt mehr und genauere Pässe. Bei Real Madrid reifte das Talent zum „Maschinenraum“ und Taktgeber der Mannschaft, wovon nun auch die DFB-Auswahl profitiert. Sie gilt inzwischen nicht mehr nur oft als Favorit, sie tritt auch wie einer auf und nimmt diese Rolle mit Leichtigkeit an.

Kroos ist wiederum umgeben von sehr lauffreudigen und ballsicheren Mitspielern. Durch die Hereinnahme Joshua Kimmichs kam noch eine weitere versierte Anspielstation auf dem Flügel hinzu. Die Mannschaft hat innerhalb ihres eigenen Spielsystems eine taktische Variabilität perfektioniert, die die des WM-Jahres noch übertrifft.

Antonio Conte: Besessen, emotional und erfolgreich

Antonio Conte

Besessen, emotional und erfolgreich

Trainer Antonio Conte ist Italiens zwölfter Mann. An der Seitenlinie ist er kaum zu beruhigen, an der Taktiktafel kaum zu schlagen. Leidenschaftlich zieht er die Mannschaft mit – sein Geheimnis ist ein einfaches Rezept.

Genau das ist der Schlüssel gegen die Italiener. Die zeichnen sich durch ein sehr defensives Spiel aus und verteidigen äußerst intelligent. Die überragende Vorstellung gegen Spanien wurde aber zu einem guten Teil von der völlig mangelhaften Ordnung und Ausrichtung der Iberer begünstigt. Die zeigten sich selbst von langen Bällen und langsam vorgetragenen Angriffen sehr überrascht.

Gegen Deutschland treffen sie allerdings auf die einzige Abwehr des Turniers ohne Gegentreffer. Boateng und Hummels können ohne Übertreibung als das derzeit beste Innenverteidigerduo der Welt bezeichnet werden. Defensiv kann es der Abwehrriegel von Juventus Turin auf der anderen Seite zwar mit ihnen aufnehmen, doch bei den spielerischen Möglichkeiten liegen die Deutschen vorn.

Das hat zwei Vorteile: Der Ball kann auch unter großem Druck kontrolliert und flach aus der Gefahrenzone gebracht werden. Gleichzeitig werden dadurch weniger Standardsituationen verursacht, die immer noch eine der Schwachstellen der deutschen Abwehr sind. Die Italiener stehen schon mit den ersten Bällen von Boateng oder Hummels vor Problemen. Stören sie früh, lässt sich mit längen Bällen, die beide deutschen Verteidiger beherrschen, schnell das Mittelfeld überbrücken.

Kimmich und Hector sind perfekt darauf eingestellt, schnell die Außenlinie entlang zu gehen und weite Diagonalbälle zu verwerten. Lassen die Italiener hingegen die Deutschen in Ruhe aufbauen und ziehen sich mehr an den eigenen Strafraum zurück, nutzt zumeist Boateng den sich bietenden Raum und erhöht seinerseits den Druck auf den Gegner. Kroos weicht dann zumeist als Verteiler auf den Flügel aus.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×