Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.07.2016

00:39 Uhr

Frankreich im Finale der EM

Aus der Traum – Deutschland scheitert an sich selbst

Deutschland spielt wieder gut – diesmal aber ohne Fortune. Im Halbfinale der Fußball-EM verliert der Weltmeister gegen Frankreich mit 0:2. Einmal mehr wird das Kernproblem deutlich: Deutschland fehlt die Effektivität.

EM-Debütant Emre Can rückte in die Startelf, konnte die Niederlage gegen Frankreich aber nicht verhindern. Der Gastgeber spielt im Finale am Sonntag gegen Portugal. dpa

Aus im Viertelfinale

EM-Debütant Emre Can rückte in die Startelf, konnte die Niederlage gegen Frankreich aber nicht verhindern. Der Gastgeber spielt im Finale am Sonntag gegen Portugal.

MarseilleEin völlig bedienter Bundestrainer Joachim Löw verschwand als Erster in die Katakomben, seine geschlagenen WM-Helden standen dagegen noch Minuten später schockiert vor der deutschen Fankurve und suchten nach Gründen für den EM-K.o. Kurz zuvor war auf bittere Weise die Hoffnung auf das historische Titel-Double geplatzt.

Ein Missgeschick von Bastian Schweinsteiger und der erste Turnier-Patzer von Manuel Neuer besiegelten im EM-Halbfinale das Aus für die entkräftete Mannschaft von Löw. Stattdessen ebneten die beiden Tore von Superstar Antoine Griezmann Gastgeber Frankreich den Weg ins EM-Finale gegen Portugal. Die deutsche Nationalmannschaft war nicht in der Lage, mit einem weiteren Kraftakt das 0:2 (0:1) und das Halbfinal-Aus abzuwenden.

Die Stimmen zum Spiel

Joachim Löw

„Ein Riesenkompliment an die Mannschaft. Wir haben besser gespielt als der Gegner, waren feldüberlegen. Ich glaube, dass wir ein Klassespiel gemacht haben. Die Mannschaft ist dominant aufgetreten. Die Franzosen waren ängstlich, wir haben dominiert. Wir haben kein Tor gemacht, alle Spieler sind riesig enttäuscht. Wir hatten heute nicht das Glück auf unserer Seite. Ich kann keinem einen Vorwurf machen. Die Regel ist wahnsinnig schwierig zu interpretieren. Es ist eine unglückliche Situation. Wenn so ein Spieler wie Boateng verletzt raus muss, ist das für die Mannschaft schlecht. Wir haben heute viel riskiert. Wer viel riskiert, läuft Gefahr zu verlieren. Wer nichts riskiert, hat von vornherein verloren. Die EM war für uns trotz allem gut. Wir haben gute Spiele gemacht, die Mannschaft hatte einen guten Zusammenhalt. So gesehen sind wir alle wahnsinnig enttäuscht, weil wir ausgeschieden sind."“

Manuel Neuer

„Wir haben hier eine gute EM gespielt, aber sind ausgeschieden. Und das ist sehr bitter. Das ist ein Halbfinale, blödere Momente gibt es nicht. Das ist kein faires Ergebnis. Das ist bitter, wenn man so in die Halbzeit geht. Trotzdem kann man noch zurückkommen. Aber leider haben wir kein Tor erzielt. Sie waren eiskalt. Wenn wir mit einem 0:0 in die Halbzeit gehen, passiert nichts. Mit dem 1:0 spielt es sich leichter für die Franzosen.“

Toni Kroos

„Wir haben heute unser bestes Spiel bei der EM gemacht, so komisch das klingt nach einem 0:2. Ich kann der Mannschaft nichts vorwerfen. Wir hatten gute Möglichkeiten. Hinten raus hatten wir drei, vier Riesen-Kopfballchancen. Wir geraten wieder nach so einer blöden Aktion in Rückstand.“

Oliver Bierhoff

„Wir haben die Franzosen beherrscht und dominiert. Eigentlich hätte man von den Spielanteilen das Spiel gewinnen müssen. Man hat zum Schluss gesehen, irgendwie sollte der Ball heute nicht rein. Die Franzosen waren am Ende glücklicher. Ein ganz großes Kompliment an die Jungs.“

Reinhard Grindel

„Es tut mir natürlich Leid für die Fans. Wir haben überhaupt keinen Grund, traurig zu sein. Wir haben auch heute eine sehr starke Leistung gezeigt. Wir konzentrieren uns jetzt auf die neuen Aufgaben. Nach dem Turnier ist vor dem Turnier. Jetzt müssen wir unseren Titel 2018 in Russland verteidigen. Es ist ein bitterer Abend, weil wir unter den Verletzungen gelitten haben. Insgesamt ist meine Bilanz positiv.“

Antoine Griezmann

„Ich habe den Elfmeter im Champions-League-Finale verschossen und wollte ganz sicher gehen, dass ich ihn versenke, Das ganze Land steht hinter uns. Das war sehr viel Arbeit, die wir geleistet haben. Alle haben sich voll ins Zeug gelegt. Wir werden heute Abend das meiste aus diesem Abend ziehen. Ich fühle mich noch etwas entfernt von Michel Platini. Aber ich hoffe, eines Tages näherzukommen.“

Didier Deschamps

„Ich freue mich für die Spieler, weil sie es verdienen. Wir haben ein großes Team. Als wir zum Stadion gefahren sind, haben wir die Fans gesehen. Die Begeisterung war Wahnsinn. Am Sonntag wird sie noch größer sein. Ich habe immer an meine Spieler geglaubt, sie haben diesen Sieg verdient.“

Die DFB-Auswahl konnte in einem Spiel auf Augenhöhe die zahlreichen Ausfälle am Ende nicht mehr kompensieren. Auch Abwehrchef Jérôme Boateng musste noch vorzeitig verletzt vom Platz. So war es Griezmann, der mit zwei Toren (45.+2 und 72.) die 200. Niederlage einer deutschen Mannschaft besiegelte.

Vorausgegangen war vor dem ersten Tor ein folgenschweres Handspiel von Schweinsteiger im eigenen Strafraum. Für Griezmann waren es bereits die Turnier-Treffer Nummer fünf und sechs, für die Franzosen die geglückte Revanche für mehrere WM-Pleiten gegen den alten Rivalen, wie zuletzt beim 0:1 vor zwei Jahren im Viertelfinale.

Eine Niederlage, die unnötig war, fand Joachim Löw. „Wir haben ein klasse Spiel gemacht und waren besser als der Gegner. Die Mannschaft ist dominant aufgetreten und hat die Franzosen zurückgedrängt. Wir haben mit Kraft, mit Mut, mit Selbstbewusstsein und mit großer Stärke gespielt. Ich kann keinem einen Vorwurf machen“, sagte Löw und sprach trotzdem von einer guten Turnierleistung.

Deutschland gegen Frankreich in Zahlen

Torschüsse

Torschüsse: 17:14

Ballbesitz

Ballbesitz in %: 68:32

Passquote

Angekommene Pässe in %: 90:83

Zweikämpfe

Gewonnene Zweikämpfe in %: 43:57

Flanken

Flanken: 19:8

Eckstöße

Eckstöße: 6:5

Im 28. Klassiker zwischen Frankreich und Deutschland gingen die Gastgeber furios und euphorisiert ins Spiel. Die französische Offensive übte gleich großen Druck aus und wäre fast schon früh belohnt worden, als Griezmann zwei Spieler aussteigen ließ und Neuer zu einer Parade zwang. Eine derartige Phase hatte die deutsche Mannschaft in diesem Turnier noch nicht erlebt.

Es dauerte zehn Minuten, ehe der Weltmeister den Schwung der Franzosen unterbinden und selbst sein taktisches System durchbringen konnte. Löw hatte dabei mit einer neuen Variante überrascht. Dass Schweinsteiger erstmals die deutsche Mannschaft bei der EM auf das Feld führen würde, hatte er vorher schon angekündigt. Neu war aber, dass Emre Can an seiner Seite im Mittelfeld zusammen mit Toni Kroos zu seinem ersten Einsatz kam. Damit kehrte Löw erstmals zum erfolgreichen 4-3-3-System von der WM 2014 zurück, das die deutsche Elf ab dem Viertelfinale bis zum Triumph von Maracana gespielt hatte.

Und das taktische System ging auf. Schweinsteiger agierte als Abfangjäger vor der Abwehr und hinterließ lange einen starken Eindruck. Der Kapitän stand fast immer richtig und brachte Ruhe und Ordnung ins deutsche Spiel. Durch die Überlegenheit im Mittelfeld konnte die DFB-Auswahl die schnellen Gegenzüge der Franzosen gut unterbinden und erarbeitete sich selbst ein deutliches Übergewicht.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×