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14.06.2016

19:30 Uhr

Iren in Paris

Die Anti-Hooligans in Grün

VonAlexander Möthe

Die irischen Fans machen dieser Tage in Paris vor, wie Fankultur auch aussehen kann: Trinken, feiern, singen – nur Randale sind ihnen fremd. Das gilt auch für die Nordiren – und ist alles andere als eine Momentaufnahme.

Irische und nordirische Fans hinterlassen bislang einen vorbildlichen Eindruck. AFP; Files; Francois Guillot

In trauter Fußball-Eintracht

Irische und nordirische Fans hinterlassen bislang einen vorbildlichen Eindruck.

ParisParis ist grün. Nicht, weil in der Stadt der Liebe der Frühling ausgebrochen ist. Vielmehr sind es Tausende Iren, die in den Farben ihres Team durch die Straßen der Metropole ziehen. Schon seit Donnerstag lassen sich die feierwilligen Anhänger durch die gesamte City anhand ihrer Gesänge verfolgen. Und es sind bei weitem nicht nur Fans der Republik Irland, auch etliche Nordiren ziehen umher. Der vorläufige Höhepunkt am Samstag: Eine Blaskapelle vor dem Fenster, nahe des Place de Republique. Es ist eine Kunst, in einer Stadt wie Paris durchweg aufzufallen.

Die Republik Irland traf hier am Montagabend auf die Schweden, für die Nordiren geht es in der Hauptstadt erst in einer Woche gegen Deutschland auf den Platz. Paris ist der zentrale Anlaufpunkt für alle, die ihren Urlaub im grünen Trikot ihrer Mannschaft im französischen Kneipenleben verbringen wollen. Bei manchen reicht es nur für das Wochenende – und so ebbt die grüne Welle vorläufig etwas ab. Auch, weil die Fans mit Karten nun erst einmal weiterziehen. So oder so hinderte das dutzende Fans nicht, schon in der Nacht auf Montag in den letzten geöffneten Pubs nahe des Pariser Nordbahnhofs Arm in Arm, schwankend und gemeinsam mit den schwedischen Anhängern volltrunken zu feiern.

Die Iren sind so etwas wie die Anti-Hooligans des Sports. Während Russland gerade wegen Ausschreitungen im Stadion von Marseille der Ausschluss von der EM droht, und auch Irlands Nachbar England immer wieder in die Negativ-Schlagzeilen gerät, widersprechen die Schlachtenbummler von der Insel dem Klischee vom streitbaren Raubein.

Gruppe E: Irland

Gesamtkaderwert

87,3 Millionen Euro.

Quelle: transfermarkt.de

Die wertvollsten Spieler

James McCarthy (25, Mittelfeld, FC Everton): 17 Millionen Euro.

Seamus Coleman (27, Verteidiger, FC Everton): 17 Millionen Euro.

Shane Long (29, Sturm, FC Southampton): 10 Millionen Euro.

FIFA-Weltrangliste

33. Platz

Größte Erfolge

WM-Viertelfinalist 1990

Bilanz gegen Deutschland

20 Spiele – 6 Siege, 5 Remis, 9 Niederlagen, 24:35 Tore.

Kaum eine Nation ist so reisefreudig, wenn es zu Auswärtsspielen ihrer Mannschaft geht. Allein 40.000 Nordiren werden in Frankreich erwartet – der ganze Staat hat nur rund 1,8 Millionen Einwohner. Dazu kommt eine unbestimmte Zahl der Iren aus der Republik – auch dort ist die Rede von Zehntausenden. Insgesamt wird mit mehr als 100.000 Menschen in Grün gerechnet.

An jeder zentralen Straßenecke kann man dieser Tage „Will Grigg‘s on fire“, eine Ode an den nordirischen Star auf die Melodie von „Freed from desire“, hören. Eine DJ-Version des Songs stürmte zwischenzeitlich sogar die Download-Charts in Großbritannien. Wer ist der nordirische Volksheld? Ein Stürmer, der mit Wigan Athletic gerade in die zweite englische Liga aufgestiegen ist.

Die Fußballverrücktheit zeigt sich nicht nur in den Bars und Cafés in Paris. Während sich eine halbe Zugstunde entfernt im prall gefüllten Stade de France Irland und Schweden gegenüberstanden, feierten Tausende auf der offiziellen Fanmeile am Eiffelturm. Irische Behörden hatten den Reisenden geraten, sich aus Sicherheitsgründen bevorzugt dort aufzuhalten.

Fragen und Antworten zu den Ausschreitungen bei der EM

Wie konnte es zu der Eskalation der Fan-Gewalt kommen?

Mögliche Ausschreitungen von Fans standen für die französische Polizei immer auf der Agenda, wie auch die Terrorabwehr. Den Vorwurf, nicht auf die Gewalt vorbereitet gewesen zu sein, weisen die Gastgeber daher zurück. Auffällig ist das strikte Vorgehen der Sicherheitskräfte mit schnellem Einsatz von Tränengas und massivem Schlagstockeinsatz. Eine Politik der Deeskalation hat es offenbar nicht gegeben.

Quelle: dpa

Was lief falsch im Stadion?

Praktisch ungehindert konnten russische Hooligans über eine Absperrung in einen Block mit englischen Fans gelangen. Hier haben die Sicherheitsvorkehrungen der Uefa nicht funktioniert. Private Wachmänner sollten ein Aufeinandertreffen der Fangruppen eigentlich verhindern. Auch konnten russische Fans Feuerwerkskörper ins Stadion schmuggeln.

Wie reagiert die Uefa?

Die Krawalle im Stadtzentrum von Marseille ließ die UEFA noch unkommentiert. Nach dem Vorfall im Stadion wurde aber umgehend gehandelt – und zwar mit großer Schärfe. Das Exekutivkomitee traf sich am Sonntag und verwarnte hinterher die Teams aus England und Russland. Die Androhung: Wiederholen sich die Vorfälle, geht es für die Teams in der Gruppe B nach Hause. Auch die Disziplinarkommission kam gleich zusammen und eröffnete ein Verfahren gegen den russischen Verband. Mit dem Ergebnis: Russland spielt die restlichen Spiele nur auf Bewährung mit.

Wurden konkrete Maßnahmen für die folgenden Spiele getroffen?

Die Aufstockung der Stewards zur Separierung der Fans wurde für alle Partien sofort beschlossen. Somit soll es nicht mehr möglich sein, dass Fans in einen Block der anderen Anhänger eindringen können.

Welche Strafen drohen vor einem Ausschluss?

Für das Verhalten der Fans im Stadion droht Russland eine Sanktion nach Artikel 16 der UEFA-Gesetze. Das kann eine Verwarnung sein, eine Geldstrafe, ein Punktabzug für die EM oder einen anderen Wettbewerb aber auch der Turnierausschluss. Da Russland bereits 2012 negativ auffiel, dürfte das Urteil nicht zu milde ausfallen – auch als Abschreckung.

Hat das Geschehen Auswirkung auf die WM 2018 in Russland?

Russlands Funktionäre leugnen traditionell jedes Problem mit rassistischen oder gewalttäigen Fans. Noch in Marseille stellte Sportminister Witali Mutko die Frage, was die Ereignisse mit der WM 2018 zu tun hätten. Aus seiner Sicht: Nichts. Doch die FIFA wird langsam hellhörig. In einem Statement wurde am Sonntag versichert, dass der kommende WM-Gastgeber die Erfahrungen der EM in sein Sicherheitskonzept aufnehmen werde.

Und was ist mit den Engländern?

Im Stadion gab es offenbar im Gegensatz zum Stadtzentrum von Marseille keine Vergehen englischer Fans. Deswegen greifen auch die Disziplinarregeln nicht. Aber die Uefa nutzte eben die Hintertür. Paragraf 65 der Statuten erlaubt dem Exekutivkomitee nach „Recht und Billigkeit“ bei unvorhergesehen Fällen Strafen auszusprechen. Das tat das Gremium schon 2000, als englische Fans im belgischen Charleroi randalierten und dem Team für Wiederholungsfälle der Turnierausschluss angedroht wurde.

Partycrasher des Turniers?

Für die EM kann die Hooligangewalt zu einem Partykiller werden. Bekommen die Sicherheitskräfte das Problem nicht in den Griff, drohen schon bald neue Aussschreitungen. An Konfliktpotenzial mangelt es nicht. Am Mittwoch spielt Russland in Lille gegen die Slowakei. England einen Tag später im benachbarten Lens gegen Wales - und die deutschen Fans sind auf der Anreise zur Partie in Saint-Denis gegen Polen, die auch zu den insgesamt fünf EM-Begegnungen gehört, die der höchsten Risikostufe zugeordnet werden.

Bier fließt in Strömen. Die Preise von 5,50 Euro pro halbem Liter kommen beiden Fanlagern entgegen. Als Hoolahan kurz nach der Pause für die Iren trifft, kennt der Jubel keine Grenzen. Menschen in Koboldkostümen springen umher, es wird alles umarmt, was nicht rechtzeitig Abstand gewinnt. „Ich bin 63 Jahre alt und ich mache das seit 40 Jahren, aber ich habe noch nie so ein Tor mit einem Bier in der Hand gesehen“, begeistert sich ein älterer Fan.

Der Ausgleich für die Schweden sorgt wiederum bei diesen für Ekstase. Doch beide Lager stehen Schulter an Schulter, feiern, singen und giften sich weder hier noch im Stadion an. Atmosphärische Störungen gibt es höchstens, wenn angetrunkene Iren das fleißig auswendig gelernte „Voulez-vous coucher avec moi?“ an Schwedinnen ausprobieren. Die bleiben resolut, aber humorvoll.

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