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28.06.2016

20:12 Uhr

Island bei der Fußball-EM

Wenig Fußball, viel Erfolg

VonLeonidas Exuzidis, Alexander Möthe

Island galt vor der Fußball-EM als großer Streichkandidat – inzwischen sind sie in der Runde der letzten Acht und längst zum Favoritenschreck mutiert. Es ist der Lohn harter Arbeit – und ungewöhnlicher Bauexperimente.

Die Isländer lassen sich nach dem Sieg zurecht von ihren Fans feiern. Ihr Traum geht weiter – am Sonntag in Paris gegen Frankreich. AFP; Files; Francois Guillot

Isländische Freude in Nizza

Die Isländer lassen sich nach dem Sieg zurecht von ihren Fans feiern. Ihr Traum geht weiter – am Sonntag in Paris gegen Frankreich.

DüsseldorfRudi Völler hatte es wohl schon geahnt, als er sich im September 2003 in seiner Funktion als Teamchef schützend vor seine Mannschaft stellte. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hatte sich in der EM-Qualifikation soeben mit einem torlosen Remis in Island begnügen müssen – in der ARD hagelte es daraufhin massive Kritik an Trainer und Team. Und je länger das Gespräch dauerte, desto mehr lief der heutige Sportdirektor von Bayer Leverkusen zur Höchstform auf. „Käse“, „Scheißdreck“, „das Allerletzte“ -  in den Chroniken der Wutausbrüche hat Völler seinen Platz bis in alle Ewigkeit gesichert.

Dabei wollte er doch nur verhindern, dass man die Isländer – zu diesem Zeitpunkt immerhin Tabellenführer der Gruppe E – als vermeintliches Kanonenfutter abstempelt. „In welcher Welt lebt ihr denn alle“, motzte Völler. „Es kann doch keiner verlangen, dass wir hier her fahren und die Isländer 5:0 weg putzen.“ Mittlerweile hat wohl die gesamte Fußball-Welt erkannt: So einfach geht es wirklich nicht.

Es ist ein Fußball-Märchen, das derzeit auf internationaler Bühne seinesgleichen sucht. Der 2:1-Sieg Islands gegen die hochfavorisierten Engländer und der damit verbundene Einzug in das EM-Viertelfinale ist deutlich mehr als eine sportliche Überraschung. Es ist der Lohn steinharter Arbeit – und deshalb auch verdient. Das isländische Team überzeugt im gesamten Turnier in seiner defensiven Grundordnung durch hohe Einsatzbereitschaft, und taktische Disziplin.

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Der amtierende Weltmeister beweist sich wieder einmal als Turniermannschaft. Trainer Joachim Löw hat dem Team eine Variabilität verliehen, die auf diesem Niveau derzeit unerreicht bleibt – sie macht es zum Topfavoriten.

Der Schlüssel zum Erfolg ist der isländische Wille. Das wird nach dem Einzug ins Viertelfinale und dem anstehenden Duell mit Gastgeber Frankreich am Sonntag (21 Uhr in Paris) einmal mehr deutlich. Wer dachte, Island würde sich mit diesem historischen Sieg zufrieden geben, sah sich schnell getäuscht. „Die Jungs sind während des Turniers immer mehr gewachsen“, sagte Trainer Heimir Hallgrimsson. Ragnar Sigurdsson, Torschütze zum 1:1, sagte: „Wir haben vor niemandem Angst. Wir haben England geschlagen, also können wir auch Frankreich schlagen.“ Das Team ist überzeugt von seinen Stärken. Mehr Glaube in die eigenen Kräfte geht kaum.

Das zeigt sich auch in jeder Minute auf dem Platz. Die technischen Mängel der isländischen Spieler, die zwar allesamt Profis sind, aber in ihren Klubs kaum internationalen Spitzenfußball spielen, sind unübersehbar. Nur 63 Prozent der Pässe kamen im Achtelfinale an. Oft werden schnelle Bälle im Stand angenommen, verspringen und werden trotzdem noch in einen Sturmlauf umgewandelt. Aber kein Ball wird verloren gegeben, auch weitergelaufen, wenn die Kondition sichtlich schwindet.

Beispiel Vorrunde: Beim 1:1 gegen Ungarn fiel der Ausgleichstreffer aus einer Überzahlsituation der Magyaren. Die Isländer, die sich tief in die eigenen Hälfte zurückgezogen hatten, wurden nach einem offensiven Ballverlust einfach überlaufen. Entsprechend geknickt war die Mannschaft auch im Anschluss. „Es fühlt sich wie eine Niederlage an“, sagte ein sichtlich angefressener Kolbeinn Sigthórsson nach der Partie. Da war er gerade zum „Man of the Match“ gekürt worden. Und Heimir Hallgrímsson, ein Mann wie ein Rugby-Spieler und Teil des isländischen Trainergespanns, versprach auf Nachfrage des Handelsblatts, dass im Turnierverlauf noch mit seiner Mannschaft zu rechnen sei. Die Isländer sind dankbar für ihre erste EM-Teilnahme. Aber sie sind nicht demütig.

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