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06.07.2016

16:19 Uhr

Joachim Löw

Der Turniertrainer und Missionar

Joachim Löw hat die Nationalelf in zehn Jahren stark geprägt. Er ist mit ihr gewachsen. Seine Turnierbilanz ist famos. Er leidet, lebt und arbeitet am Spielfeldrand mit. Und bisweilen wundert sich Löw über Löw.

Der Erfolgstrainer wäre nach Helmut Schön der zweite deutsche Coach, der sowohl Welt- als auch Europameister wird. Reuters

Joachim Löw

Der Erfolgstrainer wäre nach Helmut Schön der zweite deutsche Coach, der sowohl Welt- als auch Europameister wird.

MarseilleMario Gomez verletzt. Sami Khedira verletzt. Mats Hummels gesperrt. Auch Kapitän Bastian Schweinsteiger könnte fehlen. Und was macht Joachim Löw? Er bleibt gelassen. Ihn scheint bei der EM in Frankreich nichts aus dem Gleichgewicht bringen zu können. Der gereifte Turniertrainer Löw jammert nicht, sondern er verkündet vor der Halbfinal-Herausforderung in Marseille gegen Gastgeber Frankreich einfach: „Ich liebe solche K.o.-Spiele gegen so starke Mannschaften.“ Löw ist in seinem Element. Es sind die Turniertage, die den Beruf des Bundestrainers für ihn zu seinem Traumjob machen.

„Ich weiß nicht, ob ihn etwas aus dem Gleichgewicht bringen kann“, sagte Thomas Müller, der seit sechs Jahren den Bundestrainer hautnah erlebt. Die Gelassenheit, die Energie, das Selbstvertrauen, das Löw vor dem großen Kräftemessen am Donnerstag in der heißen Atmosphäre des Stade Vélodrome verströmen will, ist keine Show.

„Er wirkt auch auf uns sehr zuversichtlich. Er merkt, welche Qualität und welche Geschlossenheit die Mannschaft im Training zeigt. Das gibt ihm ein gewisses Vertrauen“, schilderte Müller die Innenansicht jenes Mannes, der auch bei seinem fünften Turnier als Chefcoach die deutsche Nationalmannschaft wieder unter die besten Vier führte.

Elfmeterschießen: Die Erfolgsgeschichte der DFB-Auswahl

Rückblick

Elfmeterschießen - was für Engländer ein Alptraum ist, das ist für die deutsche Nationalmannschaft bei großen Turnieren eine Erfolgsgeschichte. Ein Rückblick auf die Duelle vom Punkt.

Quelle: dpa

Bilanz

Im siebten Elfmeterschießen bei EM und WM hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zum sechsten Mal gewonnen. Nur beim ersten Duell vom Punkt ging es für die DFB-Auswahl schief. Der Sieg im Krimi gegen Italien am Samstag im EM-Viertelfinale von Bordeaux setzte nun eine lange Erfolgsserie des deutschen Teams fort.

EM 1976

Finale Tschechoslowakei - Deutschland 5:3 i.E, (2:2, 2:1)
Bei der Premiere gehen zwei Schüsse in die Geschichte ein. Erst donnert Uli Hoeneß seinen Elfmeter in den Belgrader Nachthimmel. Anschließend hebt Antonin Panenka den Ball lässig in die Tormitte. Noch heute ist Panenka Namensgeber für diese Art des Elfmeters, mit der der Schütze stets zwischen Genie und Lächerlichkeit schwebt.

WM 1982

Halbfinale Deutschland - Frankreich 5:4 i.E. (3:3, 1:1)
Untröstlich sinkt Uli Stielike auf dem Strafstoßpunkt zusammen. Im Premieren-Elfmeterschießen der WM-Historie vergibt der Libero als insgesamt sechster Schütze - und darf dank Harald „Toni“ Schumacher doch jubeln. Gegen Didier Six und Maxime Bossis hält der deutsche Keeper, Horst Hrubesch verwandelt den letzten Elfer unten rechts.

WM 1986

Viertelfinale Deutschland - Mexiko 4:1 i.E. (0:0)
Vor 44 000 pfeifenden Zuschauern im Estadio Universitario von Monterrey wird wieder Schumacher zum Helden. Fernando Quirarte und Raúl Servín haben keine Chance. Mit vier gehaltenen Elfmetern ist der damalige Kölner hinter dem Argentinier Sergio Goycoechea (5) immer noch zweitbester Elfmeter-Killer der WM-Historie.

WM 1990

Halbfinale Deutschland - England 4:3 i.E. (1:1, 1:1)
Der Beginn einer Tragödie: Stuart Pearce und Chris Waddle begründen mit ihren Fehlschüssen gegen Bodo Illgner die lange Tradition englischen Scheiterns in Elfmeterschießen. Bei zwei weiteren Weltturnieren (und drei Europameisterschaften) scheiden die Three Lions auf diesem Wege aus - schlechter ist keine andere Nation.

EM 1996

Halbfinale Deutschland - England 6:5 i.E. (1:1, 1:1)
Englands Boulevard schäumt mit der Aussicht auf den ersten Titel seit 30 Jahren Leidenszeit. Stahlhelme und „Fritz“-Schlagzeilen dominieren. Die ersten fünf Schützen auf beiden Seiten verwandeln sicher. Gareth Southgate schiebt in die Arme von Andreas Köpke, Andreas Möller trifft und baut sich triumphierend vor den Fans auf.

WM 2006

Viertelfinale Deutschland - Argentinien 4:2 i.E. (1:1, 1:1)
Beide Experten kommen mit einer perfekten WM-Bilanz von drei Siegen im Elfmeterschießen. Die ersten Schützen im ausverkauften Berliner Olympiastadion verwandeln sicher. Dann schlägt die Stunde von Jens Lehmann: Nach Ansicht des legendären Spickzettels von Andi Köpke pariert er die Schüsse von Roberto Ayala und Esteban Cambiasso.

EM 2016

Viertelfinale Deutschland - Italien 6:5 i.E. (1:1, 0:0)
Die deutschen Helden heißen Manuel Neuer und Jonas Hector. Aber das DFB-Team macht es spannend wie nie. Gleich drei Schützen scheitern: Thomas Müller, Mesut Özil und Bastian Schweinsteiger. Aber auch die Italiener haben Nervenflattern. Simone Zaza und Graziano Pelle verfehlen das Tor, dann hält Neuer gegen Leonardo Bonucci und Matteo Darmian. Der Kölner Hector macht als 18. Schütze alles klar.

Die Bilanz spricht für sich, sie ist unerreicht. Nur Helmut Schön schaffte fünf Halbfinalteilnahmen, aber nicht am Stück. Und wenn Löw in Frankreich den Titel holen sollte, dann hätte er zwei Jahre nach dem WM-Triumph in Brasilien eine Ära geprägt. Nur Schön, dem legendären Mann mit der Mütze, gelang 1972 (EM) und 1974 (WM) ebenfalls mit dem DFB-Team das außergewöhnliche Titel-Double.

Löw hat eine erstaunliche Entwicklung genommen in zwölf Jahren beim DFB. Er hat nicht nur das Nationalteam fußballerisch entwickelt, er ist auch selbst an seinen Aufgaben, an Erfolgen und Misserfolgen gewachsen. Bis zur endgültigen Titelreife dauerte es acht Jahre.

EM-Halbfinale und Endspiel: Kinder auf dem Rasen verboten

EM-Halbfinale und Endspiel

Kinder auf dem Rasen verboten

Kinder sind bei den letzten Spielen der Fußball-Europameisterschaft nicht mehr auf dem Spielfeld erwünscht – das entschied die Uefa. Aus dem deutschen Team findet das Kinder-Verbot breite Zustimmung.

Er musste Entscheidungsfreude lernen. Er hat sich im DFB eine totale Unabhängigkeit geschaffen. Er könnte seinen Vertrag, der bis zur WM 2018 läuft, jetzt schon verlängern bis ins nächste Jahrzehnt. Er könnte den Betreuerstab weiter aufblähen, vermutlich sogar eine Fußpflegerin einstellen oder einen Frisör. Als zweiten Co-Trainer hat er Marcus Sorg bei seinem fünften Turnier inzwischen dabei.

Löw musste aber auch Widerstände durchbrechen im einstigen Vorstopperland Deutschland, in dem Kämpfen und Rennen über alles ging, die sogenannten deutschen Tugenden glorifiziert wurden.

Es gab einen erstaunlichen Moment, an den sich Wegbegleiter der gesamten Löw-Zeit beim DFB gerne erinnern. In einem finsteren Presseraum im Stadion von Servette Genf dozierte Löw in der Vorbereitung auf die WM 2006 über die Mängel des deutschen Fußballs und der Bundesliga. Der Assistent von Jürgen Klinsmann erlaubte sich eine schonungslose Bestandsaufnahme. Ein Raunen ging durch den Raum, aber nicht durch das Land. Es hatte nur der Co-Trainer gesprochen.

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