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03.07.2016

13:53 Uhr

Zum Sieg der Deutschen

Jogi Löw mag einfach Überraschungen

VonAlexander Möthe

Der Bundestrainer muss viel Kritik einstecken. Wegen seiner defensiven Ausrichtung kam die Offensive schlecht zum Zuge. TV-Kommentator Scholl fordert nun ein neues System. Doch der Erfolg gibt Löw Recht. Ein Kommentar.

BordeauxNehmen wir einmal kurz an, Joachim Löw würde Immobilien verkaufen. Er wirkt integer, trägt edlen Zwirn, hat einige Erfolge vorzuweisen, seine Referenzen lesen sich bis auf kleine Ausreißer prima. Wenn dieser Mann jetzt versuchen würde, eine 150 Jahre alte Holzhütte am, sagen wir, Eyjafjallajökull für 3,7 Millionen Euro zu verkaufen – sie sollten zuschlagen. Vertrauen Sie diesem Mann. Unter allen Umständen.

Warum? Weil es sich bisher genau umgekehrt verhielt. Irgendwie war uns dieser Mann aus dem Schwarzwald zwar stets als Erfolgstrainer bekannt, aber sobald es an Aufstellung und Taktik geht, vertrauen wir lieber unserem inneren Bundestrainer als dem Mann, der in seiner Zeit bei der A-Mannschaft – und das sind 10 Jahre – bei jedem Turnier mindestens das Halbfinale erreicht hat.

Vor dem EM-Viertelfinale gegen den [Wort entfällt aus aktuellen Gründen] Italien schossen die Spekulation ins sprichwörtliche Kraut. Ah, Geheimtraining, was macht er nur! Der Tenor vielfach: Bitte, lieber Herr Löw, nicht wieder so eine Finte wie beim vergangenen Turnier. Gerade wir Journalisten, ich mittendrin, orakelten stichhaltig vor uns hin. Gomez? Braucht er als Anspielstation. Vielleicht Draxler raus, der war ja defensiv etwas anfällig? Schweinsteiger beginnt doch diesmal ganz sicher! Auf zwei Dinge hätten bis unmittelbar vor der Partie aber nur wenige getippt: Eine Dreierkette in der Abwehr und Benedikt Höwedes darin. Gut, Oliver Kahn hatte einen richtigen Riecher, aber ein Titan hat eben nicht nur Eier, sondern auch gute Quellen. Dafür weiß ich, wo Löw auf dem Freiburger Wochenmarkt einkaufen geht. Nennen wir es Remis.

Elfmeterschießen: Die Erfolgsgeschichte der DFB-Auswahl

Rückblick

Elfmeterschießen - was für Engländer ein Alptraum ist, das ist für die deutsche Nationalmannschaft bei großen Turnieren eine Erfolgsgeschichte. Ein Rückblick auf die Duelle vom Punkt.

Quelle: dpa

Bilanz

Im siebten Elfmeterschießen bei EM und WM hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zum sechsten Mal gewonnen. Nur beim ersten Duell vom Punkt ging es für die DFB-Auswahl schief. Der Sieg im Krimi gegen Italien am Samstag im EM-Viertelfinale von Bordeaux setzte nun eine lange Erfolgsserie des deutschen Teams fort.

EM 1976

Finale Tschechoslowakei - Deutschland 5:3 i.E, (2:2, 2:1)
Bei der Premiere gehen zwei Schüsse in die Geschichte ein. Erst donnert Uli Hoeneß seinen Elfmeter in den Belgrader Nachthimmel. Anschließend hebt Antonin Panenka den Ball lässig in die Tormitte. Noch heute ist Panenka Namensgeber für diese Art des Elfmeters, mit der der Schütze stets zwischen Genie und Lächerlichkeit schwebt.

WM 1982

Halbfinale Deutschland - Frankreich 5:4 i.E. (3:3, 1:1)
Untröstlich sinkt Uli Stielike auf dem Strafstoßpunkt zusammen. Im Premieren-Elfmeterschießen der WM-Historie vergibt der Libero als insgesamt sechster Schütze - und darf dank Harald „Toni“ Schumacher doch jubeln. Gegen Didier Six und Maxime Bossis hält der deutsche Keeper, Horst Hrubesch verwandelt den letzten Elfer unten rechts.

WM 1986

Viertelfinale Deutschland - Mexiko 4:1 i.E. (0:0)
Vor 44 000 pfeifenden Zuschauern im Estadio Universitario von Monterrey wird wieder Schumacher zum Helden. Fernando Quirarte und Raúl Servín haben keine Chance. Mit vier gehaltenen Elfmetern ist der damalige Kölner hinter dem Argentinier Sergio Goycoechea (5) immer noch zweitbester Elfmeter-Killer der WM-Historie.

WM 1990

Halbfinale Deutschland - England 4:3 i.E. (1:1, 1:1)
Der Beginn einer Tragödie: Stuart Pearce und Chris Waddle begründen mit ihren Fehlschüssen gegen Bodo Illgner die lange Tradition englischen Scheiterns in Elfmeterschießen. Bei zwei weiteren Weltturnieren (und drei Europameisterschaften) scheiden die Three Lions auf diesem Wege aus - schlechter ist keine andere Nation.

EM 1996

Halbfinale Deutschland - England 6:5 i.E. (1:1, 1:1)
Englands Boulevard schäumt mit der Aussicht auf den ersten Titel seit 30 Jahren Leidenszeit. Stahlhelme und „Fritz“-Schlagzeilen dominieren. Die ersten fünf Schützen auf beiden Seiten verwandeln sicher. Gareth Southgate schiebt in die Arme von Andreas Köpke, Andreas Möller trifft und baut sich triumphierend vor den Fans auf.

WM 2006

Viertelfinale Deutschland - Argentinien 4:2 i.E. (1:1, 1:1)
Beide Experten kommen mit einer perfekten WM-Bilanz von drei Siegen im Elfmeterschießen. Die ersten Schützen im ausverkauften Berliner Olympiastadion verwandeln sicher. Dann schlägt die Stunde von Jens Lehmann: Nach Ansicht des legendären Spickzettels von Andi Köpke pariert er die Schüsse von Roberto Ayala und Esteban Cambiasso.

EM 2016

Viertelfinale Deutschland - Italien 6:5 i.E. (1:1, 0:0)
Die deutschen Helden heißen Manuel Neuer und Jonas Hector. Aber das DFB-Team macht es spannend wie nie. Gleich drei Schützen scheitern: Thomas Müller, Mesut Özil und Bastian Schweinsteiger. Aber auch die Italiener haben Nervenflattern. Simone Zaza und Graziano Pelle verfehlen das Tor, dann hält Neuer gegen Leonardo Bonucci und Matteo Darmian. Der Kölner Hector macht als 18. Schütze alles klar.

Man sollte es zum Mantra erheben: Der Bundestrainer weiß, was er tut. Vielleicht als kleine samstägliche Andacht vor der Sportschau. Diese Weisheit gilt für die sogenannten Freundschaftsspiele, die Löw als willkommene und seltene Gelegenheiten sieht, mal was Fetziges auszuprobieren. Eine flotte Dreierkette etwa. Das ging zuletzt, und da wird das Bild richtig schön, ordentlich in die Hose. Auch das Experiment mit dem weltmeisterlichen Außenverteidiger Höwedes als archaische Spaßbremse galt zugunsten des spielerischen Upgrades Joshua Kimmich als vorerst beendet. Ja, Draxler raus, wäre in Ordnung, aber nicht, um dafür einen zusätzlichen Abwehrspieler zu bringen. Auch ich habe stante pede meinen 2:0-Tipp einkassiert und auf diverse abergläubische Rituale umgesattelt.

Doch der Erfolg gibt Löw Recht. Und das nicht nur in diesem einen Spiel, das gilt für eine ganz beachtliche Zahl von Spielen. Es mag Mehmet Scholl die Zornesröte ins Gesicht treiben, wenn Löw sich Anregungen von seinem Chefscout Siegenthaler holt und sein Winning Team umbaut. Da hat der Europameister von 1996 auch ganz gute Argumente, denn eine Weltmeistermannschaft sollte tatsächlich ihren Stiefel spielen (gerade gegen Italien).

„Der Herr Siegenthaler möge bitte seinen Job machen, morgens liegen bleiben, die anderen zum Training gehen lassen und nicht mit irgendwelchen Ideen. Ich weiß nicht, ob es nur Siegenthaler ist, aber Jogi Löw wacht nicht nachts auf und sagt: 'Jetzt hab ich's: Dreierkette, Dreierkette, Dreierkette'. Das hätte man heute auch anders lösen können“, meinte Scholl.

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