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16.06.2016

16:27 Uhr

Zurück im Stade de France

Deutschland gegen Polen – das Spiel mit der Angst

VonAlexander Möthe

Die DFB-Elf ist zurück im Stade de France, dem Ort, an dem sie die Terrornacht von Paris verbrachte. „Wir fühlen uns sicher“, betonen die Spieler. Doch es ist schwer vorstellbar, dass sie die Anschläge ausblenden können.

Etwa eine Stunde lang scheucht Bundestrainer Joachim Löw seine Spieler über den Rasen, dann geht es in die Katakomben des Stadions. AFP; Files; Francois Guillot

Zurück im Stade de France

Etwa eine Stunde lang scheucht Bundestrainer Joachim Löw seine Spieler über den Rasen, dann geht es in die Katakomben des Stadions.

ParisAm Abend vor dem Spiel gegen Polen zeigt sich im Stade de France, dem Nationalstadion Frankreichs, nach schweren Regenfällen sogar die Sonne. Beste Trainingsbedingungen für die deutsche Nationalmannschaft, die hier, im Pariser Banlieue St. Denis, die Bälle kreisen lässt. Es ist eine kleine Aufwärmübung für die Medien, 15 Minuten lang ist das Stadion für Zuschauer geöffnet, dann geht es, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, ans Eingemachte.

Etwa eine Stunde lang scheucht Bundestrainer Joachim Löw seine Spieler über den Rasen, dann geht es in die Katakomben des Stadions. Eben jene Räume, in denen die DFB-Auswahl weite Teile der Nacht vom 13. auf den 14. November verbrachte, in Sicherheit gebracht vor den Terroranschlägen auf das Spiel. Es ist die erste Rückkehr der Mannschaft an den Ort, der Teil einer ganzen Anschlagsserie war.

„Natürlich macht man sich auf dem Weg zum Stadion den ein oder anderen Gedanken“, sagt Löw bei der abschließenden Pressekonferenz. Ein Thema seien die Ereignisse in der Mannschaft hingegen nicht mehr. „Es ist nicht nötig, den Sicherheitsaspekt zu diskutieren“, moderiert der Trainer die Frage aus der Runde schnell ab.

Sami Khedira sieht sich wenig später der gleichen Frage gegenüber. „Das Thema hat jeder für sich verarbeitet“, sagt er. Persönlich bedroht habe sich damals niemand gefühlt. „Wir müssen vielmehr in Gedanken bei den Familien der Opfer sein“, hält der Mittelfeldspieler am Ende fest. Sein Mitspieler Jerome Boateng äußerte sich tags zuvor ähnlich. „Wir fühlen uns sicher“, sagte er, noch in Evian, auf die gleiche Frage.

Fragen und Antworten zu den Ausschreitungen bei der EM

Wie konnte es zu der Eskalation der Fan-Gewalt kommen?

Mögliche Ausschreitungen von Fans standen für die französische Polizei immer auf der Agenda, wie auch die Terrorabwehr. Den Vorwurf, nicht auf die Gewalt vorbereitet gewesen zu sein, weisen die Gastgeber daher zurück. Auffällig ist das strikte Vorgehen der Sicherheitskräfte mit schnellem Einsatz von Tränengas und massivem Schlagstockeinsatz. Eine Politik der Deeskalation hat es offenbar nicht gegeben.

Quelle: dpa

Was lief falsch im Stadion?

Praktisch ungehindert konnten russische Hooligans über eine Absperrung in einen Block mit englischen Fans gelangen. Hier haben die Sicherheitsvorkehrungen der Uefa nicht funktioniert. Private Wachmänner sollten ein Aufeinandertreffen der Fangruppen eigentlich verhindern. Auch konnten russische Fans Feuerwerkskörper ins Stadion schmuggeln.

Wie reagiert die Uefa?

Die Krawalle im Stadtzentrum von Marseille ließ die UEFA noch unkommentiert. Nach dem Vorfall im Stadion wurde aber umgehend gehandelt – und zwar mit großer Schärfe. Das Exekutivkomitee traf sich am Sonntag und verwarnte hinterher die Teams aus England und Russland. Die Androhung: Wiederholen sich die Vorfälle, geht es für die Teams in der Gruppe B nach Hause. Auch die Disziplinarkommission kam gleich zusammen und eröffnete ein Verfahren gegen den russischen Verband. Mit dem Ergebnis: Russland spielt die restlichen Spiele nur auf Bewährung mit.

Wurden konkrete Maßnahmen für die folgenden Spiele getroffen?

Die Aufstockung der Stewards zur Separierung der Fans wurde für alle Partien sofort beschlossen. Somit soll es nicht mehr möglich sein, dass Fans in einen Block der anderen Anhänger eindringen können.

Welche Strafen drohen vor einem Ausschluss?

Für das Verhalten der Fans im Stadion droht Russland eine Sanktion nach Artikel 16 der UEFA-Gesetze. Das kann eine Verwarnung sein, eine Geldstrafe, ein Punktabzug für die EM oder einen anderen Wettbewerb aber auch der Turnierausschluss. Da Russland bereits 2012 negativ auffiel, dürfte das Urteil nicht zu milde ausfallen – auch als Abschreckung.

Hat das Geschehen Auswirkung auf die WM 2018 in Russland?

Russlands Funktionäre leugnen traditionell jedes Problem mit rassistischen oder gewalttäigen Fans. Noch in Marseille stellte Sportminister Witali Mutko die Frage, was die Ereignisse mit der WM 2018 zu tun hätten. Aus seiner Sicht: Nichts. Doch die FIFA wird langsam hellhörig. In einem Statement wurde am Sonntag versichert, dass der kommende WM-Gastgeber die Erfahrungen der EM in sein Sicherheitskonzept aufnehmen werde.

Und was ist mit den Engländern?

Im Stadion gab es offenbar im Gegensatz zum Stadtzentrum von Marseille keine Vergehen englischer Fans. Deswegen greifen auch die Disziplinarregeln nicht. Aber die Uefa nutzte eben die Hintertür. Paragraf 65 der Statuten erlaubt dem Exekutivkomitee nach „Recht und Billigkeit“ bei unvorhergesehen Fällen Strafen auszusprechen. Das tat das Gremium schon 2000, als englische Fans im belgischen Charleroi randalierten und dem Team für Wiederholungsfälle der Turnierausschluss angedroht wurde.

Partycrasher des Turniers?

Für die EM kann die Hooligangewalt zu einem Partykiller werden. Bekommen die Sicherheitskräfte das Problem nicht in den Griff, drohen schon bald neue Aussschreitungen. An Konfliktpotenzial mangelt es nicht. Am Mittwoch spielt Russland in Lille gegen die Slowakei. England einen Tag später im benachbarten Lens gegen Wales - und die deutschen Fans sind auf der Anreise zur Partie in Saint-Denis gegen Polen, die auch zu den insgesamt fünf EM-Begegnungen gehört, die der höchsten Risikostufe zugeordnet werden.

Fast wortgleich äußerte sich Shkrodan Mustafi. Es ist die Einheitlichkeit der Erklärungen, die die Frage aufwirft, ob auf dem Podest der Uefa, vor Dutzenden Journalisten und dem eigenen Medienteam im Rücken, die ungefilterte Meinung ausgesprochen wird.

„Für mich war diese Nacht im Stadion einer der schwierigsten Momente meiner Karriere, die schlimmste Erfahrung meines Lebens“, sagte etwa Boateng noch vor gut einem Monat dem Magazin der Deutschen Bahn. Schwer vorstellbar, dass so etwas bei der Rückkehr an einen Ort wie das Stade de France wirklich auszublenden ist.

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Tatsächlich lässt sich das Sicherheitsgefühl und damit auch das Spannungsfeld zwischen damals und heute gut nachvollziehen. Als Journalist passiert man selbst am Tag der Pressekonferenz eine flughafenreife Sicherheitsschleuse. Die Tasche wird durchleuchtet, das Notebook muss aufgeklappt und angeschaltet werden. Alle Eingänge sind hermetisch abgeriegelt, überall stehen Ordner oder Polizisten. Man fühlt sich sicher, ja. Und doch weiß man ganz genau, warum der Großraum Paris sich bei diesem Turnier mit rund 100.000 Polizisten schützt.

Ein Freund ist schon am Montag im Stadion, bei der Partie Irland gegen Schweden. Er beschreibt die Lautstärke der Fans, und dass man nicht einmal die startenden Flugzeuge vom nahen Airport Charles de Gaulle hört. „Stell Dir mal vor, wie laut die Explosionen gewesen sein müssen, damit man sie im Fernseher hört“, sagt er.

Es ruft Erinnerungen wach, an diesen 13. November. Einer dieser Tage, von denen man immer noch genau weiß, wo man war. In Berlin, Freunde besuchen, auf dem Weg von einer Wohnung zur anderen. Um dann in ernste, fragende Gesichter zu blicken. Und das Ausmaß dessen, was gerade geschieht, erst nach und nach zu begreifen. Und es am nächsten Tag zu versuchen, in Worte zu fassen, während vor der Berliner Redaktion Mannschaftswagen der Polizei aufziehen.

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