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27.06.2012

15:00 Uhr

Fantourismus zur EM

Auch die Anhänger boykottieren Kiew

VonSteffen Dobbert
Quelle:Zeit Online

Während der EM rechneten die Veranstalter in der Ukraine mit rund 500.000 Fans, doch der große Ansturm blieb aus. Das liegt vor allem an der negativen Berichterstattung über das Land im Vorfeld des Turniers.

Der Fanandrang in den Hotels der ukrainischen Hauptstadt ist deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben. dpa

Der Fanandrang in den Hotels der ukrainischen Hauptstadt ist deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben.

KiewDer Maschendrahtzaun, der den Basketballplatz der größten Universität in Kiew umspannt, ist zerrissen. In einer Seitengasse daneben hat eine Straßenhündin vor wenigen Tagen ihre Welpen geboren. Es stimme schon, sagt Wadim, zwischen den jahrzehntealten Wohnheimen gebe es einige dreckige Ecken. Aber auch eine Ausnahme.

Der 25-jährige Biologiestudent zeigt auf ein Gebäude, es ist im Gelb und Blau der Ukraine gestrichen und modernisiert. Bis vor einem Jahr, vor der Renovierung, hat Wadim dort gewohnt, im Hostel Nummer 19. Dann musste er raus. Wegen des Fußballs.

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Sportlich ist die Ukraine blendend in die EM gestartet. Darüber werden auch Krawalle, Boykotte und Rassismus ignoriert. Die Organisatoren kritisieren lieber die westlichen Medien – und verteilen jede Menge Eigenlob.

In den Monaten vor der Fußball-Europameisterschaft hatten die Organisatoren des Turniers Angst. Sie dachten, etwa 500.000 EM-Touristen aus ganz Europa würden nach Charkiw, Donezk, Lemberg (Lwiw) und Kiew kommen. Sie befürchteten, die Unterkünfte für die Fans würden nicht reichen.

Wladimir Prochorenko, etwa 55, Schnauzbart, Lesebrille, ist verantwortlich für die Wohnheime der Taras Schewtschenko Universität. Wegen der Angst musste er sich auf einen Deal einlassen. Etwa eineinhalb Jahre vor dem EM-Beginn brauchten die Politiker aus Kiew einige von Prochorenkos 19 Wohnheimen. Sie bekamen sie. Die Studenten mussten raus.

„Offiziell hat uns damals niemand gesagt, wieso wir innerhalb von zwei Wochen unsere Zimmer räumen müssen“, sagt Wadim. „Aber jeder Bewohner wusste Bescheid.“ In den anderen Gebäuden konnten einige Studenten wohnen bleiben, nur Hostel Nummer 19 musste komplett geräumt werden.

Die Ukraine hat in den vergangenen fünf Jahren 10 Milliarden Euro in Infrastrukturprojekte investiert, das entspricht neun Prozent des Bruttoinlandprodukts. Wegen der Europameisterschaft entstanden neue Flughafenterminals, Straßen, Züge, Schienen und mehr als 100.000 Arbeitsplätze. Dank der Uefa-Veranstaltung erlebte das Land einen Entwicklungsschub. Volkswirtschaftlich gesehen ist die EM ein Gewinn. Wadim ist sie egal.

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