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31.05.2012

18:32 Uhr

Fußball-EM 2012

Eine Blase namens Euro

VonMathias Brüggmann

Die EM in Polen und der Ukraine ist vor allem eins: ein Projekt mit gigantischen Investitionen. Doch Wirtschaft und Tourismus vor Ort spüren vielfach keinen Aufschwung - und kurz vor dem Start liegt vieles im Argen.

Eine riesige Nachbildung des EM-Spielballs auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew, Ukraine. dpa

Eine riesige Nachbildung des EM-Spielballs auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew, Ukraine.

Lwiw/Kiew/WarschauFür die deutschen Fans, die im Stadion des Erstligaklubs Karpaty Lwiw das erste Spiel ihrer Nationalelf gegen Portugal sehen, hat Wardkes Asurmanian sein Lokal herausgeputzt. „Mons Pius heißt das urige Restaurant, in dessen Gemäuern im 18. Jahrhundert die armenische Lombardbank untergebracht war und das heute ein Kleinod der schmucken Altstadt der einstigen k. u. k. Metropole Lemberg ist.

Infografik: Die Kosten der EM

Infografik: Die Kosten der EM

Heute heißt die westukrainische Stadt Lwiw, auch sonst hat sich viel verändert. Von der Fußball-EM aber, die nächste Woche beginnt, erwartet Asurmanian „nichts Gutes, nicht einmal mehr Umsatz. Er könne ja nicht mehr Tische aufstellen, finde auch kein Personal. Die nun in acht Sprachen übersetzte Speisekarte sei im Sinne von Qualität statt Quantität abgespeckt, sagt der Endvierziger mit Drei-Tage-Bart: „Lieber gute Borschtsch-Suppe und gutes Bier.

Warum der EM-Umsatzboom trotz trinkfreudiger Fans wohl ausfällt? „Die einheimischen Touristen werden ausbleiben. Und nach der EM wird es einen tiefen Fall geben, prophezeit Asurmanian.

Im Mittelstand der Ukraine ist die EM-Stimmung gedämpft. Die Großen aber haben sich offenbar kräftig die Taschen gestopft. Immerhin: Die vier Stadien in Lwiw, Kiew, Charkiw und Donezk sind fertig. Das sah 2010 nicht so aus: Die Uefa plante ernsthaft, der Ukraine die EM zu entziehen.

EM-Gastgeber & Bilanzen

1960

Gastgeber war Frankreich. Vier Teams spielten in nur vier Partien die Endrunde aus, die damals ab dem Halbfinale im K.O.-Modus gespielt wurden. Die Runden davor waren Hin- und Rückspiel wie heutzutage in der Qualifikation. Es fielen 17 Tore, was einem Schnitt von 4,25 pro Spiel entspricht. Gesehen wurden die Partien von insgesamt 78.958 Zuschauern (19.740 pro Spiel).

1964

Gastgeberland war Spanien, wieder trafen vier Teams in insgesamt vier Spielen bei der Endrunde aufeinander. Es fielen 13 Tore (3,25 im Schnitt). Der Zuschauerzuspruch lag bei insgesamt 156.253 (39.063 Im Durchschnitt).

1968

Bei der Europameisterschaft 1968 in Italien waren erneut vier Mannschaften in der Endrunde, diesmal wurden allerdings fünf Spiele benötigt: Das Finale musste wiederholt werden, nachdem die Verlängerung keine Entscheidung gebracht hatte. Elfmeterschießen gab es damals noch nicht. Es fielen nur sieben Treffer, was einem Schnitt von 1,40 entspricht. 192.119 Zuschauer fanden sich insgesamt ein (38.424 pro Partie).

1972

In Belgien trafen wiederum vier Teams in vier Spielen aufeinander. Zehn Tore wurden erzielt (2,50 im Durchschnitt). Der Zuschauerzuspruch blieb mit insgesamt 106.510 (26.628 im Schnitt) deutlich hinter denen der vorigen Turniere zurück.

1976

In Jugoslawien trafen letztmalig nur vier Mannschaften in vier Spielen aufeinander (Halbfinale, Finale, Spiel um Platz drei). Es fielen 19 Tore, was einem Schnitt von 4,75 pro Partie entspricht - bis heute Rekordwert. Mit 106.087 Zuschauern insgesamt (durchschnittlich 26.522) wurde die Bilanz des vorigen Turniers noch einmal unterboten.

1980

Erstmals nahmen 1980 in Italien acht Mannschaften an der Endrunde teil. Die Gruppensieger zogen direkt ins Finale, die Zweitplatzierten spielten Rang drei aus - so kam das Turnier auf 14 Partien. 27 Tore wurden geschossen, 193 im Schnitt. Der Zuschauerzuspruch sank im Schnitt auf 25.047, insgesamt guckten 350.655 Menschen in den Stadien zu.

1984

Das Turnier fand in Frankreich statt. Acht Mannschaften trugen 15 Spiele aus, die Gruppenersten und -zweiten kamen ins Halbfinale, die Sieger trugen wiederum das Finale aus. 41 Tore fielen, 2,73 pro Spiel. Zuschauermenge und -durchschnitt stiegen auf 599.655 bzw. 39.977.

1988

1988 war Deutschland Gastgeber. Wieder waren es acht Teilnehmer und 15 Spiele. 34 Tore wurden gemacht (2,27 im Durchschnitt). Die Gesamtzuschauerzahl stieg auf 935.681, der Schnitt von 62.379 Besuchern pro Spiel ist bis heute eine unerreichte Bestmarke.

Der neue Präsident Viktor Janukowitsch peitschte ein Gesetz durchs Parlament, das die EM zwar rettete, aber auch Unregelmäßigkeiten den Weg ebnete: Bauaufträge durften nun ohne Ausschreibungen vergeben werden. Diplomaten und Manager in Kiew sagen, dass erst unter Janukowitsch und mit der Ernennung von Vizepremier Boris Kolesnikow zum EM-Verantwortlichen der nötige Schwung in die Vorbereitung gekommen sei. Auch Flughäfen und neue Züge sind nun startbereit. Die Kehrseite: hohe Kosten und Korruption. Die Arena Lwiw, in der Jogi Löws Elf zweimal aufläuft, schlug mit 287 statt 190 Millionen Dollar zu Buche. Gebaut hat es die Donezker Altkom-Gruppe, der enge Beziehungen zu Kolesnikow nachgesagt werden.

Derlei Misswirtschaft wird Polen als Co-Gastgeber der Euro 2012 nicht vorgeworfen. Aber problemfrei sind die EM-Vorbereitungen auch dort nicht verlaufen: Die vier EM-Stadien in Posen, Breslau, Danzig und Warschau stehen. Teilweise wurden sie von deutschen Architekturbüros entworfen und von Hochtief Polska oder dem bayerischen Baukonzern Max Bögl gebaut.

Kommentare (6)

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Molemopp

31.05.2012, 19:01 Uhr

"Eine Blase namens Euro"

Der Titel stimmt. Nur wird hier im Artikel von der Fußball-Europameisterschaft 2012, kurz "Euro 2012" gesprochen und nicht von der Währung "Euro". Aber für den Euro trifft der Titel natürlich genauso zu. Gut, dass das sich mal einer traut auszusprechen. Sind das die versteckten Botschaften, die sich die deutschen Medien noch trauen zu sagen? So hat es in der DDR damals auch angefangen. Die Menschen haben zu hause im engsten Kreise immer anders gesprochen, als auf der Straße. Dann haben die Unterhaltungssendungen mehr und mehr politische Spitzen verteilt. Die Nachrichten der "Aktuellen Kamera" sind bis zum Schluss politisch korrekt geblieben. Handelsblatt legt euch nicht mit der Staatsratsvorsitzenden an. Schreibt weiter regierungstreu. Das macht ihr doch sonst immer so gut.

pensionskonto.de

31.05.2012, 19:13 Uhr

[+++ Beitrag von der Redaktion gelöscht +++]

europa

31.05.2012, 19:27 Uhr

http://mediathek.daserste.de/sendungen_a-z/799280_reportage-dokumentation/10670770_im-osten-was-neues-polen-und-die-ukraine-vor-der

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