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28.10.2015

14:55 Uhr

Affäre um WM-Vergabe

Netzer droht mit Klage, Zwanziger kontert

Günter Netzer setzt Theo Zwanziger unter Druck. Falls er die Behauptungen zu Netzers Rolle beim WM-Skandal nicht unterlässt, will er wegen Verleumdung klagen. Niersbach will derweil nicht vor dem Sportausschuss aussagen.

Netzer will juristisch gegen Aussagen des ehemaligen DFB-Präsidenten vorgehen. dpa

Günter Netzer droht Zwanziger

Netzer will juristisch gegen Aussagen des ehemaligen DFB-Präsidenten vorgehen.

Berlin/LondonIn der Affäre um die Fußball-WM 2006 geht Günter Netzer juristisch gegen den früheren DFB-Präsidenten Theo Zwanziger vor. Entsprechende Berichte der „Süddeutschen Zeitung“ und der „Sport-Bild“ bestätigte Netzers Medienanwalt Ralf Höcker der Deutschen Presse-Agentur am Dienstag.

Hintergrund sind Zwanzigers Behauptungen, wonach er von Netzer erfahren habe, dass das WM-Bewerbungskomitee die Stimmen der vier asiatischen Vertreter in der FIFA-Exekutive bei der WM-Vergabe gekauft habe.

Netzers Anwälte setzten Zwanziger eine Frist bis Freitag für eine Erklärung, künftige Behauptungen zu unterlassen. Andernfalls werde Netzer den langjährigen Funktionär verklagen. Als Kronzeugin soll dessen Frau aussagen, die während des Gesprächs mit Zwanziger dabei gewesen sei.

Die Version, dass Netzers Frau während des gesamten Gesprächs dabei war, weist der frühere DFB-Präsident jedoch zurück. „Ich habe die Unterlassungserklärung noch nicht gesehen, die liegt bei meinem Anwalt. Aber ich sage die Wahrheit. Und wenn ich die Wahrheit sage, unterzeichne ich doch keine Unterlassungserklärung, in der ich davon abrücke“, sagte Zwanziger der Deutschen Presse-Agentur.

Fragen und Antworten zum DFB-Streit

Ist Niersbach nach Zwanzigers Vorwürfen als DFB-Chef zu halten?

Intern bekam der angeschlagene Niersbach am Freitag Rückendeckung, das DFB-Präsidium mit den Vertretern der Deutschen Fußball Liga stellte sich hinter ihn. Doch dabei dürfte es sich wohl nur um eine Unterstützung auf Zeit handeln. Durch die neuen Vorwürfe von Zwanziger wird das Ansehen von Niersbach weiter beschädigt. Auf lange Sicht wird er sich kaum im Amt halten können.

Was bewegt Zwanziger zu seiner Attacke?

Zwanziger scheint es um persönliche Rache zu gehen. Der 70-Jährige hat nie verwunden, dass er nach großer Kritik offenbar zu einem Rücktritt als DFB-Präsident gedrängt wurde und Niersbach seine Nachfolge antrat. Zwanziger gibt sich oft als Mann von Ethik und Moral, doch auch er ist in die dubiosen Machenschaften rund um die WM 2006 tief verstrickt. Dabei scheint er wissentlich in Kauf zu nehmen, das auch sein Image weitere Kratzer bekommt. Hauptsache sein Nachfolger bekommt Probleme.

Wie geht es jetzt weiter?

Vor allem die Sozietät Freshfields Bruckhaus Deringer ist jetzt gefragt, die für den Deutschen Fußball-Bund die externen Ermittlungen führt. Aber auch die FIFA-Ethikkommission wird nach den neuesten Entwicklungen nicht umhin kommen, Ermittlungen aufzunehmen. Ligaverbandspräsident Reinhard Rauball hat eine lückenlose Aufklärung gefordert, wohlwissend, „dass wir Wochen, Monate und vielleicht noch sehr viel länger mit diesem Thema befasst sein werden“. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt sprach am Freitag weiter von einem „Beobachtungsvorgang“. Es ist aber nicht auszuschließen, das auch sie jetzt aktiver wird.

Was sagt die Beckenbauer zu den ganzen Vorkommnissen?

Weiter nichts. Beckenbauer hat sich bislang dafür entschieden, öffentlich zu schweigen. Seinen Auftritt bei der Gala im Dortmunder Fußballmuseum sagte er ab. Der 70-Jährige, der sonst keine Kamera scheut, bleibt abgetaucht. Dabei wird der Fußball-Kaiser immer mehr zur Schlüsselfigur in dem Fall. Schließlich soll er mit FIFA-Boss Joseph Blatter den 6,7-Millionen-Deal unter vier Augen ausgehandelt haben, was der Schweizer jedoch bestreitet. Bislang will Beckenbauer nur der DFB-Untersuchungskommission Rede und Antwort stehen, wie sein Management am Donnerstag mitteilte.

Und die Fifa mit Boss Joseph Blatter an der Spitze?

Die wies die Aussagen von Niersbach am Donnerstag nach erstem Kenntnisstand als falsch zurück. Es entspreche in keinster Weise den FIFA-Standardprozessen und Richtlinien, dass die finanzielle Unterstützung von WM-OKs an irgendwelche finanziellen Vorleistungen seitens des jeweiligen OKs oder seines Verbandes gekoppelt sei, hieß es. Zudem sei 2002 kein Geldeingang in Höhe von zehn Millionen Schweizer Franken registriert worden. Auch Blatter erklärte am Donnerstag sofort, er sei mit einem solchen Vorgang nicht betraut gewesen und wollte damit von einem angeblichen Vier-Augen-Gespräch mit Beckenbauer in dieser Sache nichts wissen. Zu den neuen Zwanziger-Aussagen äußerte sich die FIFA bislang nicht.

Welche Rolle spielte die Fifa wirklich?

Der zeitliche Kontext der Dreyfus-Überweisung im Januar 2002 ist zumindest interessant. Schließlich tobte zu diesem Zeitpunkt ein erbitterter Präsidentschaftswahlkampf zwischen Blatter und dem Kameruner Issa Hayatou. Blatter musste sich schon damals heftiger Korruptionsvorwürfe erwehren, setzte sich bei der Wahl im Sommer 2002 aber doch überraschend deutlich gegen Hayatou durch. Auch weil es ihm gelungen war, den Großteil der Europäer und auch den DFB hinter sich zu vereinen.

Am Nachmittag hat DFB-Präsident Wolfgang Niersbach bei der Aufklärung auf die Bremse getreten. Er teilte dem Sportausschuss des Bundestages mit, vorerst nicht Rede und Antwort stehen zu wollen. Das Gremium hatte Aufklärung von Niersbach verlangt und ihn zur nächsten Sitzung am 4. November eingeladen.

„Der DFB hat mir heute schriftlich mitgeteilt, dass man die Einladung für kommende Woche nicht wahrnehmen könne, da man zunächst die Ergebnisse der externen Prüfung abwarten wolle“, sagte die Ausschussvorsitzende Dagmar Freitag (SPD) am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. „Eine grundsätzliche Gesprächsbereitschaft hat der DFB aber ebenfalls signalisiert.“

Niersbach steht derzeit wegen einer ominösen Millionen-Zahlung vor der WM 2006 schwer in der Kritik. Es steht der Verdacht im Raum, dass die Entscheidung für Deutschland als WM-Ausrichter durch einen Stimmenkauf zustande kam. Auf die Frage, ob der Sportausschuss erwäge, auch andere Beteiligte in der Affäre einzuladen, sagte Freitag: „Ich kann mir vorstellen, dass alle Fraktionen ein Interesse daran haben, mit dem DFB in einer Sportausschusssitzung das Thema im direkten Austausch zu diskutieren.“

Die Absage von Niersbach sei aber „erst ein paar Augenblicke alt. Eine Entscheidung über das weitere Prozedere ist daher noch nicht gefallen.“ Darüber müssten ohnehin die Obleute der Fraktionen entscheiden.

Indes kommen die britischen Ermittlungen wegen des Verdachts auf Geldwäsche im Zuge der Vergaben der Fußball-Weltmeisterschaften 2018 und 2022 an Russland und Katar voran. Seine Behörde habe kürzlich neue Informationen erhalten, sagte David Green, Direktor des für schwere Betrugsdelikte zuständigen Serious Fraud Office, am Mittwoch vor dem Sportausschuss im Londoner Parlament. Details könne er aber zunächst nicht nennen.

Im Blick haben die Beamten etwa eine Summe von 500.000 Australischen Dollar (237.000 Euro), die das australische Bewerbungskomitee an den damaligen Fifa-Vizepräsidenten Jack Warner gezahlt haben soll und die angeblich über London geflossen ist. „Es könnte Geldwäsche sein, ja“, sagte Green. Fünf seiner Ermittler arbeiteten sich derzeit durch mehr als 1600 Dokumente zu Englands gescheiterter Bewerbung um die WM 2018.

Das Serious Fraud Office hatte Ende Mai mit den Ermittlungen begonnen. Im Rahmen der US-Ermittlungen gegen Fifa-Funktionäre war einer Sprecherin zufolge deutlich geworden, dass Fifa-Gelder über Konten bei den britischen Großbanken Barclays, HSBC und Standard Chartered geleitet worden waren.

DFB-Affäre: Streit zwischen Theo Zwanziger und Günter Netzer eskaliert

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Streit zwischen Theo Zwanziger und Günter Netzer eskaliert

Günter Netzer wird den früheren DFB-Präsidenten Theo Zwanziger wegen seiner Aussagen zum Stimmenkauf bei der Vergabe der WM 2006 verklagen. Zwanziger hat seine Darstellung bekräftigt. Der Streit geht wohl vor Gericht.

Von

dpa

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