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20.05.2012

12:37 Uhr

Analyse des CL-Finales

Der Anti-Fußball siegt

VonThorsten Giersch

Chelsea hat die Champions League gewonnen. Selten war ein Triumph im Finale so schmeichelhaft. Zerstörung war einziges Mittel der „Blues“. Und am Ende das pure Glück. Warum die Bayern zu Recht mit dem Fußballgott hadern.

FC Bayern bitter enttäuscht

Video: FC Bayern bitter enttäuscht

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MünchenDie Briten sind faire Verlierer – aber auch ehrliche Gewinner: Es war ein Journalist von der Insel, der auf der Pressekonferenz Bayerns Trainer Jupp Heynckes fragte, ob er jemals in seiner langen Karriere ein so einseitiges Spiel verloren hatte. Heynckes konnte die Frage nicht bejahen, zeigte sich aber höflich und lobte den Gegner soweit es die Wahrheit zuließ: „Sie spielen so, wie sie das im Moment können. Chelsea hat toll gekämpft.“

Über seine Bayern sagte Heynckes: „Meine Mannschaft hat über weite Strecken ein überragendes Spiel gemacht. Aber wir müssen uns ankreiden, dass wir die Vielzahl der Möglichkeiten nicht genutzt haben und das 1:0 nicht über die Zeit gebracht.“

Bayern-Pleite: Koan Titel

Bayern-Pleite

Koan Titel

Der FC Bayern hat den großen Triumph im eigenen Stadion auf bitterste Weise verpasst.

Man kann dieses aufregende Spiel auf diesen einfachen Nenner bringen. Und es gibt noch eine Reihe von naheliegenden Antworten: Chelsea hatte beim dem 4:3-Sieg im Elfmeterschießen einfach mehr Glück. Die Bayern haben ihre Chancen, allen voran den Elfmeter in der 94. Minute, nicht genutzt. Oder aber das Argument, dass so ein Team eine 1:0-Führung sieben Minuten vor Schluss einfach auch mal über die Zeit bringen muss.

Die internationalen Pressestimmen zur Bayern-Pleite

England

„Die Könige von Europa. Glorreicher Abend für die Blues in München ... und sie haben die Deutschen im Elfmeterschießen besiegt!“ (Sunday Times)

„Als Didier Drogba ganz alleine war, die riesige Tribüne mit pfeifenden Bayern-Fans vor Augen - das war sein Moment, Geschichte zu schreiben.“ (Daily Telegraph)

„Didi did it! Endlich hat ein englisches Team ein deutsches im Elfmeterschießen besiegt. Die Underdogs von Chelsea haben sensationell die Champions-League-Trophäe geholt.“ (The Sun)

„Deutsche verschießen keine Elfmeter - aber es war der Holländer Robben, der sich den Ball nahm...“ (Daily Mirror)

„Abramowitsch macht seinen großen Traum wahr - Jubel für den russischen Milliardär, dessen riesiges Investment sich unter aufregenden Umständen endlich auszahlt.“ (The Independent)

„Momente, die nie vergessen werden und immer in Ehren gehalten werden.“ (The Guardian)

Spanien

„Der Fluch des FC Bayern geht weiter. Der Meister kann daheim nicht gewinnen. Es mag sein, dass man sich nicht in das Spiel des Chelsea verlieben kann, aber der FC Bayern hat viel dazu beigetragen, dass er das Finale verloren hat. Nach den puristischen Fußball-Gesetzen ist dies eine grausame und ungerechte Niederlage.“ (Marca)

„Ein Team mit einem ranzigen Parfüm und einer 20 Jahre alten Spielart hat es so weit gebracht. Über die Liebenswürdigkeit dieses Stils kann man diskutieren. Dennoch soll man die Teams aufgrund ihrer Kapazität beurteilten, ihr Potenzial maximal auszunutzen. Dieser Stil ist nicht in Mode, ist jedoch genau so zweckmäßig wie der Minimalismus der 90er Jahre.“ (As)

„Die verzweifelten Spieler des FC Bayern sind Opfer der Laune des Fußball-Gottes geworden, der sich in München blau gekleidet hat.“ (El País)

„Die Göttin Fortuna war großzügig gegenüber der alten Truppe des Zars Abramowitsch. Chelsea hat so viele Leben wie die Katze, und Drogba hat mit 34 Jahren mehr als sieben Leben.“ (El Mundo)

Italien

„Drogba d'Europa. Seine Majestät Chelsea. Di Matteo und Drogba triumphieren. Bayern weint. Robben war wieder Schuld.“ (La Gazzetta dello Sport)

„Es ist Chelsea! Ein unglaubliches Finale. Bayern geht zu Hause k.o.. Ein Triumph für Di Matteo.“ (Corriere dello Sport)

„Chelsea-Di Matteo über alles! Drogba erledigt die Bayern.“ (Tuttosport)

„Drogba zerreißt Bayern das Herz. Die Di Matteo-Boys holen den Champions League-Titel.“ (La Repubblica)

„Ein unglaublicher Triumph von Chelsea.“ (Il Tempo)

Frankreich

„Drogba, der Krimi-König. Wenn Roman Abramowitsch den Club einmal verkaufen sollte, kommt er nicht umhin, dem ivorischen Stürmer eine Statue zu errichten.“ (Journal du Dimanche)

„Ein heldenhafter Drogba sichert Chelsea den Sieg.“ (Le Monde)

„Drogba wie ein König. Mit dem Ausgleich und dem verwandelten fünften und entscheidenden Elfmeter katapultierte er Chelsea auf Europas Gipfel.“ (L'Equipe)

Schweiz

„Drogba macht Robi zum König! Wahnsinn! Irre! Unfassbar! Drama pur. Nach einem Hitchcock-Krimi holt Roberto Di Matteo Europas Fußball-Krone. Schweinsteiger steht nach seinem Fehlschuss unter Schock.“ (Sonntags-Blick)

„Chelsea am Ziel seiner Träume - Held Drogba. Für die Bayern wird es schwer werden, diese Pleite zu verkraften... National sind die Münchner längst nur noch die Nummer zwei hinter Dortmund, und eine derartige Chance wie gestern gegen Chelsea wird nie mehr kommen.“ (Basler Zeitung)

„Drogba avanciert zum Helden. Für die Herren Drogba, Lampard und Cech war es die letzte Chance auf einen großen Titel, und was würde sich als Rührstück besser eignen als der Triumph der alten Männer beim Abschied? Und so kam es.“ (NZZ am Sonntag)

Österreich

„München in Trauer! Das steckt in den Köpfen drin, bleibt hängen. Eventuell auch bei der EURO, wo Deutschland ja auf acht Spieler der Bayern setzt? Teamchef Jogi Löw wird in nächster Zeit viel Seelenmassage bei diesen Spielern betreiben müssen.“ (Kronen Zeitung)

„Drogba beendete Bayerns Träume. Und Chelsea? Man hatte den Eindruck, dass sie nicht wissen, dass sie in einem großen Finale stehen. Nur neun Mal schossen sie aufs Bayern-Tor, nur einen Eckball holten sie heraus. Was aber für den Ausgleich reichte.“ (Kurier)

Schweden

„In den Himmel, zur Hölle und wieder zurück. Didier Drogba war im vielleicht letzten großen Spiel seiner Karriere der absolute Mittelpunkt. Nach der ersten Gefühlsexplosion sah er Arjen Robben und gab ihm eine lange Umarmung. Der Held der Siegerelf und Bayerns großer Sündenbock in einem Augenblick, der alles sagte.“ (Aftonbladet Stockholm)

„Chelsea war erst Barcelona und dann Bayern unterlegen, konnte aber beide Giganten knacken. Schweinsteiger, Kroos und Lahm tut das Aufwachen jetzt sicher weh. Aber in anderthalb Monaten sind sie mit Deutschland Fußball-Europameister.“ (Expressen Stockholm)

Dänemark

„Bayern München war trotz alledem eins der großen Erlebnisse der Champions League. Die Elf hat der Welt gezeigt, wie schnell man von Verteidigung auf Angriff umschalten kann und zwei Weltklasse-Außen die meisten Gegner auseinandernehmen. Aber gegen Chelsea hat es nicht gereicht.“ (Ekstra Bladet Kopenhagen)

USA

„Bayern beendet die Saison ohne Titel - das ist ohne jede Frage der bitterste Geschmack von allen.“ (New York Times)

„Masters in München. Chelsea treibt die Geister von Moskau endgültig aus. Die Saison hätte ein Desaster sein können - jetzt ist sie an der Grenze zu einem Wunder.“ (ESPN)

„Manchmal macht Fußball einfach keinen Sinn. Während Chelseas Champions-League-Triumph war es schwer, nicht an eine höhere Macht zu glauben.“ (SportsIllustrated)

Russland

„Ironie der Geschichte: Ausgerechnet der Ex-Chelsea-Spieler Arjen Robben erfüllt Roman Abramowitsch nach neun Jahren Warten den Traum vom Sieg in der Champions League.“ (Sowjetski Sport)

So einfach kann man es sich machen, muss man aber nicht. Warum siegt der hässliche Anti-Fußball, für den die Londoner in diesem Finale standen wie lange keine Top-Mannschaft mehr auf diesem Niveau? Sei es auf Vereinsebene oder bei Europa- oder Weltmeisterschaften.

Die Bayern haben alles gemacht, was man gegen eine solche Taktik tun kann: Sie haben vor allem in der ersten Halbzeit extrem variabel gespielt: Ribery, Robben und Müller haben immer wieder die Positionen getauscht. Das brachte die Londoner Abwehr mächtig durcheinander.

Kommentare (10)

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DERRichter

20.05.2012, 12:56 Uhr

Chelsea mag schlecht gespielt haben. Gleichzeitig spiegelt sich in Kommentaren wie dem von Herrn Giersch und auch dem von Bundestrainer Löw zu den tollen Bayern und den angeblich so unverdienten Siegern aus London ein gegenwärtiges Dilemma des deutschen Fußballs wider. Man stellt in Deutschland das Schönspielen zunehmend über den Sieg, mit dem Resultat dass es zu Titeln nicht mehr so recht reichen will. Man sollte vorsichtig sein: Auch Portugal hatte seine "goldene Generation", die auf dem Fußballfeld zu gefallen vermochte, bei der aber die harten Resultate, sprich Erfolge, erkennbar unter den Erwartungen blieben. Hoffentlich reicht es bei der nächsten EM wenigstens mal wieder zu einem Titel. Starke Verlierer sind im Zweifelsfalle immer noch weniger sexy als glückliche Sieger. Da hilft alles idealistisches Gekläffe nichts.

Falk

20.05.2012, 13:10 Uhr

Völlig richtig. Und diesen geschönten Idealismus, wo man angeblich alles richtig gemacht hat und um Meilen besser war als der Konkurrent aber schließlich trotzdem das Nachsehen hatte, gibt es nicht nur im Fußball sondern auch im tatsächlichen Leben, womit nicht gesagt ist, das Fußball kein "tatsächliches" Leben ist, im Gegenteil.

Dei_mudder

20.05.2012, 13:15 Uhr

"Der Anti-Fußball siegt"

Naja, wenn Bayern die Chancen nicht nutzt, dann kommts halt so!

Ist es denn nur im Fussball so?

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