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01.11.2016

09:54 Uhr

Analyse einer Existenzkrise

Der HSV schafft sich selbst ab

VonAlexander Möthe

Der Hamburger SV droht der Niedergang: Durch einen beispiellosen Mangel an Geduld verbaut sich der Dino der Fußball-Bundesliga die Zukunft. Noch vor kurzem war der HSV auf dem richtigen Weg – Abstieg hin oder her.

Kein Sieg, zweites 0:3 am Stück: Der Hamburger SV hat sich wieder einmal selbst in den Sarg gelegt. AFP; Files; Francois Guillot

So sehen Verlierer aus

Kein Sieg, zweites 0:3 am Stück: Der Hamburger SV hat sich wieder einmal selbst in den Sarg gelegt.

DüsseldorfGeduld ist ein Baum, dessen Wurzel bitter, dessen Frucht jedoch süß ist. Das mag wie ein Sinnspruch aus einer Facebook-Gruppe klingen, ist aber tatsächlich ein altes persisches Sprichwort. „Mit der Zeit wird aus Gras Milch“, heißt es an anderer Stelle. Und in Deutschland meist: Geduld ist eine Tugend. Bei dieser kulturellen Überhöhung wundert es fast, dass eben jene Geduld so ein knappes Gut geworden ist. Denn Geduld hat kaum noch jemand. Dabei geht es nicht um einen Mangel an Beherrschung, wie ihn Kleinkinder in der Vorweihnachtszeit durchleben müssen. Es geht einen Mangel an Weitsicht, um teils blinden Aktionismus. Davor sind weder Politiker noch Unternehmenslenker gefeit. Und erst recht keine Fußballklubs.

So wie es im Sport immer Helden und Sieger gibt, muss es auch Schuldige, Verantwortliche und Sündenböcke geben. Wenn es nicht läuft am liebsten sofort. In diesem sehr schnelllebigen Geschäft schafft es der Hamburger SV ein ums andere Mal wie das plärrende Kind in der Schlange vor dem Kettenkarussell zu wirken. Markus Gisdol ist aktuell der 19. Trainer oder Interimstrainer seit der Jahrtausendwende. Und das noch ohne die doppelten Amtszeiten von Bruno Labbadia oder Rudolfo Cardoso zu berücksichtigen. Fünf verschiedene Sportdirektoren seit 2010 komplettieren das Bild. Hauen und Stechen prägen die Außendarstellung des HSV. Die vor wenigen Jahren noch durch sportlichen Erfolg positiv angehauchte Berichterstattung ist längst einem fortlaufenden Krisenreport gewichen. Immer steht die Frage im Raum: Wer ist der nächste Schuldige?

Es wird immer komplizierter, diese Frage zu beantworten, denn beim Hamburger SV wurde über die Jahre noch jedes Personal vom Hof gejagt. Trainer, Vorstand, Sportdirektor, Aufsichtsrat, Spieler – jeder Sitz beim Klub ist ein Schleudersitz geworden. Es mangelt an Konstanz, an Planung, an Geduld. Und es mangelt an Verantwortlichen. Solange reihum die Schuld verschoben wird, braucht niemand die Verantwortung zu übernehmen. Die Spieler etwa können sich darauf verlassen, dass ihre üppigen Gehälter weiter gezahlt werden und stattdessen der Trainer oder sonstwer im Mannschaftsumfeld gefeuert wird. Wenn sie dann wechseln, können sie sich in Ruhe beschweren, wie chaotisch alles beim HSV doch war und wie schwer sie es doch hatten. Spieler, die öffentlich in die Pflicht genommen werden? Ausgerechnet Bobby Wood, der Mann, der fast alle Saisontore der Hamburger erzielte, sich gegen Köln aber zu einer Tätlichkeit hinreißen ließ. Ausgerechnet diesen Fehler seziert Trainer Gisdol in aller Breite über die Medien.

Diese Inkonsequenz raubt dem Klub und seinen Fans aller Hoffnung. Eine kleine Rückblende: Sommer 2016, während der EM in Frankreich. Der HSV hat halbwegs sicher den Klassenerhalt gepackt. Bruno Labbadia ist Trainer. Als Neuzugänge stehen Wood, Stürmer von Union Berlin, und Christian Mathenia, Torhüter von Darmstadt 98, fest. Irgendwann kommt für kleines Geld auch noch Talent Luca Waldschmidt von Eintracht Frankfurt hinzu. Der Kader, ohnehin nie klein beim HSV, für die neue Saison ist gezielt verstärkt. Groß tönten die Bosse, man wolle vorausschauend in entwicklungsfähige Spieler investieren. Klassenerhalt gilt als Ziel, der langsame Wiederaufbau von Marke und Erfolg lauert irgendwo hinter dem Horizont. Und irgendwie sind alle zufrieden. Die Boulevardpresse nölt zwar, weil die Neuen so wenig Glamour versprühen. Aber unterm Strich gibt es wenig Kritik, auch die Fans scheinen die Linie, Geld am Kader zu sparen und den Verein auf ein Ausbildungsmodell umzustellen, mitzutragen.

Nicht einmal ein halbes Jahr später sind 32 Millionen für neue Spieler ausgegeben worden, Labbadia ist weg, Vereinsboss und Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer vom Aufsichtsrat öffentlich angezählt und der schlechteste Saisonstart der langen, langen Klubgeschichte perfekt. Während Beiersdorfer mit Investor und Gönner Klaus-Michael Kühne über die Ablösung und Umschichtung von Darlehen spricht, eskaliert die Transfersituation aus dem Nichts. Philip Kostic kommt von Absteiger Stuttgart, durch Verbindungen sichert sich der HSV Alen Halilovic vom FC Barcelona. Und als der ganze Kader bereits steht und die Vorbereitung durch hat, wird nach Olympia noch der Außenverteidiger Douglas Santos in die bunte Truppe geworfen. Das alles, weil Edelfan und Milliardär Kühne den Weg zurück ins internationale Geschäft abkürzen möchte und Geld für Stars locker macht.

Kommentare (2)

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Herr Thomas Behrends

01.11.2016, 10:52 Uhr

Ich bin HSV-Fan seit 1974. Das erste HSV-Spiel, welches ich gesehen habe fand im Dezember 1974 ausgerechnet gegen den FC Bayern München statt. Damals gewann der HSV mit 1:0 durch ein Tor von Peter Hidien, wie ich im Internet recherchiert habe.

Die große Zeit des HSV von 1976-1983 mit Pokal-, Europapokal der Pokalsieger- und Landesmeister- sowie 3 Deutsche Meisterschaftstitel (1979, 1982 und 1983) habe ich selbst live und in Farbe zumeiste in der Westkurve Block D und E miterlebt.

Damals hatten die führenden Köpfe des Vereins vorausschauende Entscheidungen getroffen, die den Verein immer weiter nach oben brachten.

Weshalb, vergleichbar mit der Erfolgsstory des FC Bayern München, der HSV nie mehr an die Erfolge jener Zeit anknüpfen konnte, kann man in meinen Augen nur noch mit dem Begriff "Missmanagement" beschreiben.

Ein letztes Aufflackern kam 1987 mit dem letzten, dem Pokaltitel, zustande.

Danach nur noch Mittelmaß und die letzten 3-4 Jahre waren eine Achterbahnfahrt bzw. eine Fahrt durch die Geisterbahn für jeden eingefleischten HSV-Fan.

Es war und es ist weiterhin für jeden Anhänger des HSV, so traurig es auch klingen mag, nervlich nicht mehr zu ertragen ...

Herr Robbie McGuire

01.11.2016, 11:28 Uhr

Im Laufe der Jahre hat mein Interesse am Fußball erheblich abgenommen.

An ein Spiel denke ich noch heute sehr gerne zurück, dass ich im Gelsenkirchener Parkstadion gesehen habe: S 04 gegen den HSV. Der HSV mit Keegan, Buljan, Magath, Kaltz etc. Welch eine große Mannschaft. Da passte es noch im Verein.

Für das Heute beim HSV finde ich nur ein Wort: trostlos

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