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27.05.2015

12:37 Uhr

Analyse zur Fifa-Razzia

Der Teflon-Blatter

VonAlexander Möthe

Jahrelang haben Behörden gegen den Weltfußballverband Fifa ermittelt. Nun wurden in Zürich hochrangige Funktionäre verhaftet. Doch einer bleibt unangetastet: Fifa-Präsident Sepp Blatter. Sein System schützt ihn.

Es ist kaum zu erwarten, dass die Ermittlungen den Fifa-Präsidenten in seinem Amt gefährden. Reuters

Das System Sepp Blatter

Es ist kaum zu erwarten, dass die Ermittlungen den Fifa-Präsidenten in seinem Amt gefährden.

DüsseldorfDer Zeitpunkt, an dem die Ermittler zuschlugen, war wohl gewählt: Am frühen Mittwochmorgen begaben sich Vertreter der Schweizer Polizei, in zivil und so diskret wie möglich, in das Zürcher Nobelhotel Baur au Lac. Sieben Personen wurden festgenommen. Gegen sie liegen Haftersuche aus den USA vor. Pikanterweise sind die Herren hochrangige Funktionäre des Weltfußballverbandes Fifa, darunter die beiden Blatter-Stellvertreter Jeffrey Webb und Eugenio Figueredo. Sie wurden am Rande der Jahrestagung des mächtigen Verbands festgenommen, kurz vor der Wiederwahl des umstrittenen Fifa-Präsidenten Sepp Blatter. Ermittelt wird gegen insgesamt 14 Personen – Stand jetzt. Das jedoch war nur der erste Streich der Behörden.

Der zweite Schlag gegen die Fifa: Nur wenige Stunden später eröffnete die Schweizer Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren rund um die Vergaben der Fußball-Weltmeisterschaften 2018 an Russland und 2022 an Katar. Dabei wurden im Hauptquartier des Weltverbandes in Zürich elektronische Daten und Dokumente sichergestellt.

Fifa-Razzia: Enge Blatter-Vertraute in Abschiebehaft

Fifa-Razzia

Enge Blatter-Vertraute in Abschiebehaft

Die Schweizer Staatsanwaltschaft eröffnet rund um die Vergaben der Fußball-WM 2018 und 2022 ein Strafverfahren. In Zürich wurden sieben Funktionäre verhaftet und Konten gesperrt. Der FIFA-Kongress findet aber statt.

Warum gerade jetzt? Die Ermittler nutzten offenbar den Zeitpunkt, an dem sich alle Funktionäre an einem Ort befinden, der ein Auslieferungsabkommen mit den USA besitzt. Spekulation ist, ob dies irgendetwas mit der Wiederwahl von Blatter zu tun haben könnte. „Das Timing ist nicht das beste“, sagte Fifa-Medienchef Walter de Gregorio unfreiwillig vielsagend. Grundsätzlich begrüße man aber die Maßnahme.

Dass die Razzia der Behörden ein Schlag gegen das System Blatter sein könnte, wünschen sich zwar viele Blatter-Gegner. Doch bisher gibt es dafür wenig Anzeichen. Laut Schweizer Behörden bestehe kein Zusammenhang zwischen beiden Verfahren. Allerdings wirkt die Aktion nach außen wie der mythische Versuch, der Hydra Fifa den Kopf abzutrennen.

Umsätze der Fifa von 1999 bis 2014

1999

Umsatz: 133 Millionen US-Dollar

Nettoergebnis: -66 Millionen US-Dollar

2000

Umsatz: 428 Millionen US-Dollar

Nettoergebnis: 94 Millionen US-Dollar

2001

Umsatz: 490 Millionen US-Dollar

Nettoergebnis: 42 Millionen US-Dollar

2002

Umsatz: 694 Millionen US-Dollar

Nettoergebnis: -2 Millionen US-Dollar

2003

Umsatz: 575 Millionen US-Dollar

Nettoergebnis: 114 Millionen US-Dollar

2004

Umsatz: 647 Millionen US-Dollar

Nettoergebnis: 138 Millionen US-Dollar

2005

Umsatz: 663 Millionen US-Dollar

Nettoergebnis: 162 Millionen US-Dollar

2006

Umsatz: 749 Millionen US-Dollar

Nettoergebnis: 249 Millionen US-Dollar

2007

Umsatz: 882 Millionen US-Dollar

Nettoergebnis: 49 Millionen US-Dollar

2008

Umsatz: 957 Millionen US-Dollar

Nettoergebnis: 184 Millionen US-Dollar

2009

Umsatz: 1059 Millionen US-Dollar

Nettoergebnis: 196 Millionen US-Dollar

2010

Umsatz: 1291 Millionen US-Dollar

Nettoergebnis: 202 Millionen US-Dollar

2011

Umsatz: 1070 Millionen US-Dollar

Nettoergebnis: 36 Millionen US-Dollar

2012

Umsatz: 1166 Millionen US-Dollar

Nettoergebnis: 89 Millionen US-Dollar

2013

Umsatz: 1386 Millionen US-Dollar

Nettoergebnis: 72 Millionen US-Dollar

2014

Umsatz: 2096 Millionen US-Dollar

Nettoergebnis: 141 Millionen US-Dollar

Mit den Mitteln des Wahlkampfs war dem Fifa-Herrscher Blatter bisher nicht beizukommen. Die Wiederwahl des 79-jährigen Sonnenkönigs des Weltfußballs gilt als sicher. Der Schweizer hat die Fifa reich gemacht, und damit auch deren Mitgliedsverbände. Die Einnahmen aus Fernsehgeldern und Marketingrechten sprudeln. Und das Geld fließt auch noch in den kleinsten Verband.

Fifa: Skandale unter Blatter

Präsidentschaftswahl 1998

Der damalige FIFA-Generalsekretär Joseph Blatter gewinnt die Präsidentschaftswahl gegen UEFA-Präsident Lennart Johansson kurz vor WM-Beginn in Frankreich. Bis heute stehen Vorwürfe über angebliche Zahlungen von je 50.000 Dollar an afrikanische Delegierte in einem Pariser Hotel im Raum, die Blatter beharrlich zurückweist.

ISL-Skandal (1)

Blatters Präsidentschafts-Vorgänger Joao Havelange und dessen ehemaliger Schwiegersohn Ricardo Teixera kassierten Millionen Schmiergeld für WM-Marketing-Deals mit dem später Pleite gegangenen Vermarkter ISL.

ISL-Skandal (2)

Blatter wurde von allen Verdächtigungen freigesprochen, obwohl er 1997 als Generalsekretär eine Zahlung an Havelange von 1,5 Millionen Schweizer Franken persönlich zurücküberwiesen und somit offenbar zumindest Kenntnis vom System hatte.

WM-Vergabe 2018 und 2022 (1)

Schon vor der Doppel-Vergabe an Russland und Katar wurden zwei FIFA-Exekutivmitglieder wegen nachgewiesener Bestechlichkeit suspendiert. Die Vorwürfe gegen die beiden künftigen Gastgeber wurden schließlich aufwändig von der FIFA untersucht, aber von den Ethikhütern ohne maßgebliche Ergebnisse eingestellt.

WM-Vergabe (2)

Der Generalverdacht wurde aber nie entkräftet. Vom damaligen Exekutivkomitee sind künftig wohl nur noch acht von damals 22 Mitgliedern in dem mächtigen Gremium.

Präsidentschaftswahl 2011 (1)

Lange schien es, als könne der Katarer Mohamed bin Hammam Blatter bei der Wahl 2011 tatsächlich gefährlich werden. Dann stolperte der Funktionär kurz vor der Abstimmung über konkrete Bestechungsvorwürfe aus der Karibik. Die 35 Stimmen aus der CONCACAF-Zone galten als entscheidend.

Präsidentschaftswahl 2011 (2)

Blatter hatte den Verbänden eine Million Dollar als offizielle FIFA-Zuwendung versprochen. Bin Hammam versuchte es inoffiziell mit 40.000 Dollar pro Verband – und flog auf, weil ihn andere mittlerweile der Korruption überführte Funktionäre anschwärzten.

WM-Tickets (1)

Der Umgang mit von Millionen Fans begehrten WM-Tickets im Exekutivkomitee war schon häufig lax. Jack Warner trieb es 2006 auf die Spitze, als er die Vermarktung in seinem für das Turnier in Deutschland qualifizierten Heimatland Trinidad und Tobago übernahm. Sein Familienunternehmen strich angeblich 900 000 Dollar Provisionen ein.

WM-Tickets (2)

Die FIFA-Untersuchungen konnte keine Verdachtsmomente gegen Warner, sondern nur gegen dessen Sohn ergeben. Warner senior kam mit einer Verwarnung davon. Warners Exko-Kollege Ismail Bhamjee aus Botswana wurde 2006 überführt, zwölf WM-Karten auf dem Schwarzmarkt verkauft zu haben.

WM-Tickets (3)

2014 in Brasilien gab es Berichte über vermutlich illegal veräußerte WM-Karten aus dem Besitz des mittlerweile verstorbenen argentinischen Topfunktionärs Julio Grondona.

Sperre

2015: Am 21. Dezember spricht die rechtsprechende Kammer ihr finales Urteil: Blatter und Platini werden für jeweils acht Jahre gesperrt. Zum Verhängnis wurden ihnen die dubiose Zahlung von 1,8 Millionen Euro, die Platini im Jahr 2011 von Blatter (79) angeblich für lange zurückliegende Beratertätigkeiten (von 1998 bis 2002) erhalten hatte.

Blatter hat durch die Zentralvermarktung der Fifa gerade den kleinen Mitgliedsländern eine unersetzliche Geldquelle eröffnet. Ebenso haben alle Verbände gleiches Stimmrecht. Egal, ob es der große, kritische DFB ist oder der Landesverband von Trinidad und Tobago. So überrascht die breite Unterstützung für Blatter in erster Linie in Europa, wo die Verbände zwar ebenso üppig von der Fifa entlohnt werden, aber in der Uefa eine eigene Dachorganisation haben.

Kommentare (3)

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Account gelöscht!

27.05.2015, 15:04 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich und achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette  

Herr Jürgen Dannenberg

27.05.2015, 17:25 Uhr

Das wird die Fußball Nation Katar schwer erschüttern

Herr mathias müller

27.05.2015, 18:01 Uhr

Hochrangige Funktionäre verhaftet ???

Die Rechtsgrundlage scheint mir aber etwas mager dargestellt.

Dafür sind einige Zufälle verdächtig
- Die USA zieht die Strippen
- Die USA / EU hat sich mit RU verkracht
- Die USA und EU sehen Katar als kritisch an

Wenn die Lage aus Sicht der USA und EU so bleibt, dann findet die WM 2018
in RU ohne den Westen statt.
Das geht schon mal gar nicht. Noch Fragen???

Ich sehe hier ganz andere Interessen mit den Verhaftungen.

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