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14.04.2017

13:41 Uhr

Anschlag auf BVB-Bus

Auch am Karfreitag noch kein Verdächtiger gefasst

Am Dienstag explodierten drei Sprengsätze nahe dem BVB-Mannschaftsbus – zwei Personen dabei wurden verletzt. Die Polizei nahm einen Verdächtigen fest, doch er ist nicht der Täter. Die Suche geht auch über Ostern weiter.

Das Champions-League-Spiel in Dortmund war nach der Sprengstoff-Attacke am Dienstag kurzfristig abgesagt worden – das Spiel wurde am Mittwoch nachgeholt. Bei dem Anschlag wurden der spanische BVB-Verteidiger Marc Bartra und ein Polizist verletzt. dpa

BVB-Bus

Das Champions-League-Spiel in Dortmund war nach der Sprengstoff-Attacke am Dienstag kurzfristig abgesagt worden – das Spiel wurde am Mittwoch nachgeholt. Bei dem Anschlag wurden der spanische BVB-Verteidiger Marc Bartra und ein Polizist verletzt.

DortmundDrei Tage nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus der Fußballer von Borussia Dortmund verfolgen die Ermittler nach eigenen Angaben noch keine heiße Spur. Gegen einen 26-jährigen Iraker wurde am Donnerstagabend zwar ein Haftbefehl wegen Mitgliedschaft in der Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) erlassen. Mit dem Anschlag hat er aber offenbar nichts zu tun. „Die Ermittlungen haben bislang keinen Beleg dafür ergeben, dass der Beschuldigte an dem Anschlag beteiligt gewesen ist“, erklärte die Bundesanwaltschaft. Eine Sprecherin der Behörde sagte am Karfreitag, es gebe nichts Neues mitzuteilen.

Aus Sicherheitskreisen verlautete, es werde in alle Richtungen ermittelt. Beim Anschlag am Dienstagabend wurden der Spieler Marc Bartra und ein Polizist verletzt. Der BVB twitterte, Bartra werde voraussichtlich in vier Wochen wieder zum Team stoßen.

Der Bundesanwaltschaft zufolge waren die drei gezündeten Sprengsätze mit Metallstiften bestückt. „Wir können von Glück sagen, dass nichts Schlimmeres passiert ist“, sagte die Sprecherin der Anklagebehörde. Einer der Stifte habe sich nach der Detonation in eine der Kopfstützen des Busses gebohrt.

Der Anschlag auf den BVB und das rätselhafte Islamisten-Schreiben

Ein ungewöhnlicher Tatort

Nach der Detonation von drei mit Metallstiften gespickten Sprengsätzen nahe dem BVB-Mannschaftsbus findet die Polizei drei gleichlautende Bekennerschreiben mit islamistischem Inhalt, der Generalbundesanwalt vermutet einen terroristischen Hintergrund. Es gibt zwei Verdächtige und eine Festnahme, doch auch eine Reihe von Ungereimtheiten. Wichtige Fragen und Antworten.

Steht schon fest, dass Islamisten oder die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hinter dem Anschlag stehen?

Keineswegs. Die Polizeibehörden gehen zahlreichen Tathypothesen nach. Neben dem islamistisch-salafistischen Hintergrund wollen sie am Mittwoch nicht ausschließen, dass es ganz andere Motive gibt. Die Spannbreite reicht von gewaltbereiten Fußballfans über Rechtsextreme oder auch Erpresser. Aus Sicherheitskreisen wird zur Zurückhaltung gemahnt: Dass die Festgenommenen tatsächlich mit dem BVB-Anschlag zu tun haben, sei noch keineswegs bewiesen.

Bei einem in der Nacht im Internet verbreiteten zweiten Bekennerschreiben bestehen laut der Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe „erhebliche Zweifel an der Echtheit“. In dem Schreiben war ein linksextremistischer Hintergrund behauptet worden.

Was ist so ungewöhnlich an den am Tatort hinterlassenen Bekennerschreiben?

Viel. Ermittler merken schon deswegen auf, weil überhaupt solche Schreiben zurückgelassen wurden. Das ist untypisch für Anschläge, die womöglich mit dem Islamischen Staat zusammenhängen. Bei jüngsten Attentaten wie dem Berliner Weihnachtsmarkt-Anschlag von Anis Amri mit zwölf Toten hat es das nicht gegeben. Üblich war bislang, dass das IS-Sprachrohr Amak Tage später ein Video-Bekenntnis ins Internet stellt.

Was könnten die Ermittler aus dem Schreiben noch herauslesen?

In Sicherheitskreisen wird von einem für Islamisten generell untypischen Vorgehen gesprochen. So gebe es auf dem Schreiben keinerlei IS-Symbole wie etwa die typische Fahne, die sonst oft zu finden ist. Der oder die Täter hätten keine der beliebten IS-Insignien hinterlassen.

Das Bekennerschreiben wurde in gleich dreifacher Ausfertigung gefunden. Warum?

Auch darüber rätseln die Ermittler. Ein solches Vorgehen gilt ebenfalls als nicht szene-typisch. Dass der oder die mutmaßlichen Täter ihren Zettel mit dem angeblichen Bekenntnis gleich drei Mal im Umkreis des Anschlagsorts ausgelegt haben, deute darauf hin, dass sie unbedingt wollten, dass er schnell gefunden wird. Warum, ist unklar.

Was sagen die Rechtschreibfehler im Bekennerschreiben aus?

Das Schreiben ist auf deutsch formuliert. Die 15 Zeilen enthalten einige Rechtschreibfehler - die Ermittler sind von Bekennerbriefen aus diesen Kreisen jedoch eigentlich weit mehr Fehler gewohnt. Zudem ungewöhnlich sei es auch, welche Rechtschreibfehler gemacht wurden. So habe der Verfasser schwierige Wörter richtig geschrieben, dafür aber ziemlich simple Fehler etwa bei der Groß- und Kleinschreibung gemacht.

Auch die Wortwahl dürfte manchen Ermittler zu denken geben. So werde die in dem Schreiben verwendete Bezeichnung „Untertan“ in der Islamisten-Szene eigentlich nicht benutzt, heißt es.

Wie gehen die Ermittler vor?

Nach Angaben der Sprecherin des Generalbundesanwalts, Frauke Köhler, sind die Wohnungen von zwei verdächtigen Islamisten durchsucht worden. In der Regel beschlagnahmt die Polizei in solchen Fällen Computer und Mobil-Telefone. Sie werden dann auf Verbindungen zu Kontaktleuten des Islamischen Staats in Syrien oder zu anderen Islamisten in Deutschland und Europa ausgewertet. So sollen auch mögliche Netzwerke aufgedeckt werden. Das dürften die Sicherheitsbehörden auch in diesem Fall so gemacht haben.

Werden jetzt die Überwachungsmaßnahmen gegen Islamisten verstärkt?

Üblicherweise klopfen Anti-Terror-Ermittler nach Terrordrohungen oder Anschlägen zunächst jene Verdächtigen in der Islamisten-Szene ab, die sie sowieso schon auf dem Schirm haben. Etliche sogenannte Gefährder, von denen die Behörden glauben, dass sie jederzeit einen Anschlag begehen können, werden routinemäßig abgehört, deren Internet-Kommunikation wird überwacht. In einem akuten Fall wie in Dortmund schalten sich die Ermittler dann gerne auch „live“ in die Überwachung ein. Sie wollen sehen, ob es Bewegung in der Szene gibt. Das dürfte auch jetzt der Fall sein.

Ein Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshof erließ Haftbefehl gegen den 26-jährigen Abdul Beset A., der im Zuge der Ermittlungen nach dem Anschlag festgenommen worden war. Er sei dringend verdächtig, sich an der ausländischen terroristischen Vereinigung „Islamischer Staat“ beteiligt zu haben. Die Behörden werfen dem Mann vor, sich spätestens Ende 2014 im Irak der IS-Miliz angeschlossen zu haben. „Aufgabe seiner Einheit war es, Entführungen, Verschleppungen, Erpressungen und auch Tötungen vorzubereiten“, erklärten die Ermittler.

Zudem soll er selbst an Kämpfen des IS beteiligt gewesen sein. Im März 2015 sei A. in die Türkei ausgereist und von dort aus Anfang 2016 weiter nach Deutschland gekommen. Auch in Deutschland habe er Kontakt zu IS-Mitgliedern gehalten. Nach Ansicht der Ermittler war A. aber wohl nicht an dem Anschlag auf den BVB-Bus beteiligt.

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Mit 2:3 hat Dortmund das Spiel gegen Monaco verloren. Doch das Ergebnis gerät zur Nebensache. Trainer Tuchel und einige Spieler hätten nach eigenen Aussagen deutlich mehr Zeit gebraucht, um den Anschlag zu verarbeiten.

Ermittelt wurde weiter in alle Richtungen. „Es gibt keine Festlegungen“, sagte eine mit den Ermittlungen vertraute Person. Bereits am Mittwoch waren Zweifel aufgetaucht, ob die drei identischen, am Tatort gefundenen Bekennerschreiben tatsächlich islamistischen Ursprungs sind.

Zwar geben die Autoren vor, im Namen Allahs zu handeln. Sie folgen damit der Rechtfertigungsrhetorik islamistischer Attentäter. Aber bislang wurden nie Bekennerschreiben nach islamistischen Anschlägen gefunden. Zudem entspricht der Sprachgebrauch der Schreiben Terrorismusexperten zufolge nicht den üblichen Verlautbarungen des IS. In den Sicherheitskreisen hieß es, ermittelt werde daher auch in Richtung rechter und linker Extremismus.

Die „Bild“-Zeitung berichtete, die drei Rohrbomben, die beim Vorbeifahren des Busses gezündet wurden, seien mit militärischen Zündern versehen gewesen. Dies deute auf besonders geschulte Attentäter, berichtete das Blatt unter Berufung auf Ermittler.

Von

rtr

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