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13.04.2017

13:21 Uhr

Anschlag auf den BVB

Warum Fußball-Busse nur Sicherheitsglas haben

VonLukas Bay

Lassen sich Mannschaftsbusse gegen Bomben schützen? Der Anschlag auf die Mannschaft von Borussia Dortmund wirft die Frage auf. Doch die Antwort ist gar nicht so einfach, wie eine Anfrage bei den Herstellern zeigt.

Der beschädigte Mannschaftsbus von Borussia Dortmund nach dem Sprengstoffanschlag am Dienstagabend. AP

Angriffsziel Bus

Der beschädigte Mannschaftsbus von Borussia Dortmund nach dem Sprengstoffanschlag am Dienstagabend.

DüsseldorfDer Schock sitzt immer noch tief. Der Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund ist auch ein Angriff auf das Selbstverständnis des Fußballs im Ruhrgebiets. Hier, wo die Spieler gleichermaßen verehrt werden und doch – anders als bei Großclubs wie Real Madrid oder Manchester United – bewusst nahbar bleiben.

Wenige Tage nach dem Anschlag ist die Angst noch nicht verschwunden. Doch in das Gefühl der Unsicherheit mischt sich auch die Erleichterung, dass bei der Explosion der drei Rohrbomben niemand lebensgefährlich verletzt oder getötet wurde.

Dass der Terroranschlag vergleichsweise glimpflich verlief, ist auch den hohen Sicherheitsstandards in modernen Reisebussen zu verdanken. „Wir nutzen kein Panzerglas, aber sehr robustes Sicherheitsglas“, erklärt ein MAN-Sprecher auf Handelsblatt-Anfrage. Im MAN Lion’s Coach L, den Borussia Dortmund nutzt, sind die Scheiben doppelt verglast. Ähnliches gilt für Busse der anderen 11 Bundesligisten, die mit MAN unterwegs sind.

Damit fahren die Bundesligisten

MAN

Bayern München, Borussia Dortmund, Borussia Mönchengladbach, VfL Wolfsburg, Hamburger SV, FC Augsburg, RB Leipzig

Neoplan (Marke von MAN)

1899 Hoffenheim, Schalke 04, FC Ingolstadt

Daimler

FSV Mainz 05, Eintracht Frankfurt, Hertha BSC Berlin

Setra (Marke von Daimler)

SC Freiburg, 1. FC Köln, Bayer Leverkusen

Und auch bei Daimler betont man, alles für die maximale Sicherheit der Insassen zu tun. Mit den Bussen der Schwaben sind unter anderem die deutsche Nationalmannschaft und sechs Bundesliga-Mannschaften unterwegs.

Beide Hersteller betonen, dass die Scheiben moderner Reisebusse robust genug für die meisten wahrscheinlichen Attacken von außen sind. Fliegen Flaschen gegnerischer Fans, gehen die Fenster in der Regel nicht zu Bruch. Selbst als beim Dortmunder Auswärtsspiel in Köln vor sieben Jahren ein Felsbrocken auf den Bus geworfen wurde, kamen die Spieler mit dem Schrecken davon.

Explosion am BVB-Bus: Die Fakten

19.15 Uhr

Am Dienstagabend gegen 19.15 Uhr detonieren drei Sprengsätze nahe dem Mannschaftsbus. Wie die Polizei später bekannt gibt, waren die Sprengsätze in einer Hecke versteckt. Die Ermittler sprechen von einem gezielten Anschlag auf die Mannschaft.

Große Wucht

Die verstärkten Scheiben des Busses gingen durch die Wucht der Detonationen teilweise zu Bruch, die Spieler versuchten, sich nach der Detonation auf den Boden des Fahrzeugs zu werfen, berichtete ein BVB-Sprecher.

20.30 Uhr

Um 20.30 Uhr gibt der Verein bekannt, dass das Spiel abgesagt ist. Es soll am Mittwoch um 18.45 Uhr nachgeholt werden.

Bekennerschreiben

In der Nähe des Tatorts wurde ein mögliches Bekennerschreiben gefunden. „In dem Schreiben wird Verantwortung für die Tat übernommen“, sagte Staatsanwältin Sandra Lücke am Dienstagabend in Dortmund.

Versuchte Tötung

Es werde wegen des „Verdachts eines versuchten Tötungsdelikts“ ermittelt, sagte ein Sprecher der Behörden.

Bartra schwer verletzt

Der BVB-Verteidiger und spanische Nationalspieler Marc Bartra wurde schwer an der Hand verletzt. Er brach sich eine Speiche im rechten Handgelenk. Außerdem verletzten ihn Glassplitter. Noch am Dienstagabend wurde er in einem Krankenhaus operiert.

Verdächtiger Gegenstand

Ein weiterer verdächtiger Gegenstand, der in der Nähe des Tatorts gefunden wurde, war nach ersten Erkenntnissen kein scharfer Sprengsatz. Es sei zwar ein sprengsatzähnlicher Gegenstand gefunden worden, dieser habe aber nicht gezündet, sagte Dortmunds Polizeipräsident Gregor Lange.

Mehr Polizei

Die Polizei hat vor dem Nachholspiel zwischen Borussia Dortmund und AS Monaco verschärfte Sicherheitsmaßnahmen für die Fußballer beider Mannschaften ergriffen. „Wir werden alles Menschenmögliche dafür tun, dass das Spiel morgen sicher ablaufen kann“, sagte Lange.

Keine Gefahr im Stadion

Im Stadion gab es nach Polizeiangaben keinerlei Gefahr. Die Fans verließen das Stadion nach der Absage friedlich, auch am Bahnhof kam es laut Polizei zu keinerlei Problemen.

Keine Pyrotechnik

Bei den Sprengsätzen handelte es sich nach Angaben der Ermittler nicht um Pyrotechnik.

Lob der Polizei

Die Dortmunder Polizei hat das Verhalten der Zehntausenden Fußballfans nach der kurzfristigen Absage des Champions-League-Spiel gegen den AS Monaco gelobt. „Das ist gestern mit sehr viel Ruhe abgelaufen, und das hat uns natürlich als Polizei und sicherlich auch dem Verein sehr geholfen“, sagte Nina Vogt, Sprecherin der Dortmunder Polizei, am Mittwochmorgen im ZDF. „Ich glaube, da können wir alle sagen, dass wir auf die Reaktionen gestern nur stolz sein können“, betonte sie.

Doch vollständigen Schutz gegen einen Terroranschlag mit militärischem Sprengstoff gibt es nicht. Denn einen Bus mit Panzerglas zu verkleiden, sei zwar technisch möglich, doch gesetzlich schwierig umsetzbar, betonen beide Hersteller.

Im Falle eines Unfalls müssten Sicherheitskräfte oder Insassen die Fenster zum Notausstieg einschlagen können, wenn die Türen blockiert sind. Ein verstärktes, militärtaugliches Chassis würde damit maximal das Gewicht erhöhen, aber nicht unbedingt die Absicherung gegen Terroranschläge.

Ohnehin ist ein Sprengstoffanschlag auf einen Bus ein sehr unwahrscheinliches Szenario. „Bis vorgestern hätten wir uns ein solches Ereignis nicht vorstellen können“, sagt ein MAN-Sprecher. Bei der der Entwicklung der Sicherheitssysteme stehe der wahrscheinlichere Fall eines Verkehrsunfalls in Zentrum. Mögliche Konsequenzen aus dem Terroranschlag von Dortmund hat das Unternehmen noch nicht gezogen. Dafür sei es noch zu früh.

Der Anschlag auf den BVB und das rätselhafte Islamisten-Schreiben

Ein ungewöhnlicher Tatort

Nach der Detonation von drei mit Metallstiften gespickten Sprengsätzen nahe dem BVB-Mannschaftsbus findet die Polizei drei gleichlautende Bekennerschreiben mit islamistischem Inhalt, der Generalbundesanwalt vermutet einen terroristischen Hintergrund. Es gibt zwei Verdächtige und eine Festnahme, doch auch eine Reihe von Ungereimtheiten. Wichtige Fragen und Antworten.

Steht schon fest, dass Islamisten oder die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hinter dem Anschlag stehen?

Keineswegs. Die Polizeibehörden gehen zahlreichen Tathypothesen nach. Neben dem islamistisch-salafistischen Hintergrund wollen sie am Mittwoch nicht ausschließen, dass es ganz andere Motive gibt. Die Spannbreite reicht von gewaltbereiten Fußballfans über Rechtsextreme oder auch Erpresser. Aus Sicherheitskreisen wird zur Zurückhaltung gemahnt: Dass die Festgenommenen tatsächlich mit dem BVB-Anschlag zu tun haben, sei noch keineswegs bewiesen.

Bei einem in der Nacht im Internet verbreiteten zweiten Bekennerschreiben bestehen laut der Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe „erhebliche Zweifel an der Echtheit“. In dem Schreiben war ein linksextremistischer Hintergrund behauptet worden.

Was ist so ungewöhnlich an den am Tatort hinterlassenen Bekennerschreiben?

Viel. Ermittler merken schon deswegen auf, weil überhaupt solche Schreiben zurückgelassen wurden. Das ist untypisch für Anschläge, die womöglich mit dem Islamischen Staat zusammenhängen. Bei jüngsten Attentaten wie dem Berliner Weihnachtsmarkt-Anschlag von Anis Amri mit zwölf Toten hat es das nicht gegeben. Üblich war bislang, dass das IS-Sprachrohr Amak Tage später ein Video-Bekenntnis ins Internet stellt.

Was könnten die Ermittler aus dem Schreiben noch herauslesen?

In Sicherheitskreisen wird von einem für Islamisten generell untypischen Vorgehen gesprochen. So gebe es auf dem Schreiben keinerlei IS-Symbole wie etwa die typische Fahne, die sonst oft zu finden ist. Der oder die Täter hätten keine der beliebten IS-Insignien hinterlassen.

Das Bekennerschreiben wurde in gleich dreifacher Ausfertigung gefunden. Warum?

Auch darüber rätseln die Ermittler. Ein solches Vorgehen gilt ebenfalls als nicht szene-typisch. Dass der oder die mutmaßlichen Täter ihren Zettel mit dem angeblichen Bekenntnis gleich drei Mal im Umkreis des Anschlagsorts ausgelegt haben, deute darauf hin, dass sie unbedingt wollten, dass er schnell gefunden wird. Warum, ist unklar.

Was sagen die Rechtschreibfehler im Bekennerschreiben aus?

Das Schreiben ist auf deutsch formuliert. Die 15 Zeilen enthalten einige Rechtschreibfehler - die Ermittler sind von Bekennerbriefen aus diesen Kreisen jedoch eigentlich weit mehr Fehler gewohnt. Zudem ungewöhnlich sei es auch, welche Rechtschreibfehler gemacht wurden. So habe der Verfasser schwierige Wörter richtig geschrieben, dafür aber ziemlich simple Fehler etwa bei der Groß- und Kleinschreibung gemacht.

Auch die Wortwahl dürfte manchen Ermittler zu denken geben. So werde die in dem Schreiben verwendete Bezeichnung „Untertan“ in der Islamisten-Szene eigentlich nicht benutzt, heißt es.

Wie gehen die Ermittler vor?

Nach Angaben der Sprecherin des Generalbundesanwalts, Frauke Köhler, sind die Wohnungen von zwei verdächtigen Islamisten durchsucht worden. In der Regel beschlagnahmt die Polizei in solchen Fällen Computer und Mobil-Telefone. Sie werden dann auf Verbindungen zu Kontaktleuten des Islamischen Staats in Syrien oder zu anderen Islamisten in Deutschland und Europa ausgewertet. So sollen auch mögliche Netzwerke aufgedeckt werden. Das dürften die Sicherheitsbehörden auch in diesem Fall so gemacht haben.

Werden jetzt die Überwachungsmaßnahmen gegen Islamisten verstärkt?

Üblicherweise klopfen Anti-Terror-Ermittler nach Terrordrohungen oder Anschlägen zunächst jene Verdächtigen in der Islamisten-Szene ab, die sie sowieso schon auf dem Schirm haben. Etliche sogenannte Gefährder, von denen die Behörden glauben, dass sie jederzeit einen Anschlag begehen können, werden routinemäßig abgehört, deren Internet-Kommunikation wird überwacht. In einem akuten Fall wie in Dortmund schalten sich die Ermittler dann gerne auch „live“ in die Überwachung ein. Sie wollen sehen, ob es Bewegung in der Szene gibt. Das dürfte auch jetzt der Fall sein.

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