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23.11.2014

09:47 Uhr

Anstoß – die Fußball-Kolumne

Warum Europa die WM boykottieren sollte

VonMarcel Reich

Die Fifa versinkt weiter im Korruptionssumpf, nach dem Garcia-Report wird alles nur noch schlimmer. DFL-Chef Seifert fordert nun einen europäischen Boykott der WMs in Russland und Katar. Warum eigentlich nicht?

DFL-Geschäftsführer Christian Seifert schlägt vor, dass Europa nicht an den Weltmeisterschaften in Russland 2018 und in Katar 2022 teilnimmt. Richtig so! dpa

DFL-Geschäftsführer Christian Seifert schlägt vor, dass Europa nicht an den Weltmeisterschaften in Russland 2018 und in Katar 2022 teilnimmt. Richtig so!

In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ regt Christian Seifert, Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL), einen europäischen Boykott der Weltmeisterschaften in Russland 2018 und Katar 2022 an. So deutlich zeigte bisher noch kein hochrangiger Funktionär Kante gegen die abenteuerlichen Zustände der Fifa, die mit ihrem Vorgehen im Zusammenhang mit den Korruptionsvorwürfen immer mehr im Chaos versinkt.

Seifert hat klare Vorstellungen, wie der Fifa Druck gemacht werden kann: „75 Prozent der Spieler einer WM sind in Europa unter Vertrag, und wenn Europa ‚Wir spielen nicht mehr mit‘ sagt, dann ändert das alles.“ Deutliche Worte, die wohl dennoch nichts ändern werden. Warum eigentlich?

Ein WM-Boykott der wichtigsten Verbände wäre das einzige Mittel, dem übermächtig gewordenen Fußball-Weltverband beizukommen. Korruption und Geldwäsche scheinen bereits fest installierte Mechanismen geworden zu sein. Die Vergaben der Weltmeisterschaften nach Russland und Katar umwehen seither Korruptionsvorwürfe. Der meistgenannte Vorwurf: Beide Länder haben sich die Turniere mit Stimmen von Mitgliedern des Fifa-Exekutivkomitees gekauft.

Der Druck auf die Fifa wurde so groß, dass sie den Amerikaner Michael Garcia beauftragte, die Vergabe der beiden Turniere zu untersuchen. Mehr als zwei Jahre war der ehemalige US-Bundesanwalt den Vorwürfen nachgegangen, im September legte er der Fifa-Ethikkommission mit dem vorsitzenden deutschen Richter Hans Joachim Eckert seinen knapp 350 Seiten umfassenden Bericht vor, den sogenannten „Garcia-Report“. Eckerts Urteil: Alles sauber, die Turniere können wie geplant stattfinden.

Den Garcia-Report will die Fifa aber nicht veröffentlichen, noch schlimmer: Garcia selbst ist mit dem Urteil der Kommission nicht einverstanden und sieht seinen Bericht falsch dargestellt, Eckerts 42 Seiten umfassendes Urteil enthalte „zahlreiche materiell unvollständige und fehlerhafte Darstellungen der Tatsachen und Schlussfolgerungen im Bericht der Untersuchungskammer“.

Der Amerikaner wird Eckerts Entscheidung bei der Berufungskommission anfechten. Sechs Millionen Dollar soll die Arbeit von Garcia und seinem Team übrigens gekostet haben. Peanuts für den Fußball-Weltverband, der mit Rücklagen von 1,432 Milliarden Dollar ausgestattet ist – und das war noch vor der diesjährigen WM.

Das sind die Vorgänge, die DFL-Chef Seifert zu folgenden Erkenntnissen bringen: „Man weiß nicht mehr, ob man sich wundern oder fremdschämen soll“, sagte er in der „SZ“. „Als seriöse Organisation fühlt man sich von dieser Fifa nicht mehr vertreten, man fühlt sich da auch nicht mehr zugehörig.“

Ein Boykott würde die Fifa nicht nur sportlich packen, sondern auch an einem Punkt, der mittlerweile fast noch wichtiger geworden ist: eine WM ohne die großen europäischen Fußball-Nationen samt ihrer kräftig zahlenden TV-Stationen wäre ein finanzielles Desaster. Die Fifa wird heutzutage wie ein reguläres Unternehmen geführt, heißt: Alles ist auf Gewinnmaximierung ausgelegt. Eine künftige WM ohne einen neuen Einnahmerekord wäre eine Vollkatastrophe.

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