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26.09.2013

13:43 Uhr

Arbeitsbedingungen in Katar

Englischer Fußballverband erwägt WM-Boykott

Beim Bau der Stadien in Katar für die WM 2022 sind laut dem „Guardian“ bereits Dutzende Arbeiter gestorben. Der englische Fußballverband kritisiert die Fifa nun scharf und zieht sogar einen WM-Boykott in Betracht.

Das Khalifa-Stadion in Doha während der Bauzeit Ende 2008: Laut einem Zeitungsbericht sollen Bauarbeiter wie Sklaven gehalten werden. Reuters

Das Khalifa-Stadion in Doha während der Bauzeit Ende 2008: Laut einem Zeitungsbericht sollen Bauarbeiter wie Sklaven gehalten werden.

London, BerlinNach dem alarmierenden Bericht über die katastrophalen Arbeitsbedingungen auf den Baustellen zur Fußball-WM 2022 in Katar werden Stimmen nach einem Boykott oder einer neuen WM-Vergabe lauter. „Ich frage mich, ob die Aspekte wie die Verlegung der WM (vom Sommer in den Winter), die Menschenrechte und die Störung des Sportkalenders nicht so groß sind, dass es die FA (englische Fußballverband) in Betracht ziehen sollte, nicht zu spielen“, sagte das englische Parlamentsmitglied Damian Collins der Tageszeitung „Guardian“.

Er regte eine internationale Kooperation von Politikern auch mit Blick auf die Korruptionsvorwürfe rund um die Vergabe der WM an. „Die Fifa versteht und respektiert nur Geld. Die einzige Macht der FA ist, nicht anzutreten.“

Sharan Burrow vom Internationalen Gewerkschaftsbund Ituc erneuerte ihre Kritik an den WM-Gastgebern und verwies via Twitter auf die Kampagne „www.rerunthevote.org“. Auch die Internationale Spielergewerkschaft FifPro fordert den Weltverband Fifa zum Handeln auf. „Wenn die Berichte wahr sind, muss der Fußball reagieren. Es ist unentschuldbar, dass das Leben der Arbeiter geopfert wird, zumal es moderne Gesundheits- und Sicherheitspraktiken in der Baubranche gibt“, sagte FifPro-Vorstandsmitglied Brendan Schwab. Zugleich forderte er die Fifa auf, mit der Internationalen Arbeitsorganisationen ILO Experten nach Katar zu schicken.

Fußballweltmeisterschaft in Katar

Katar

Das Emirat an der Ostküste der arabischen Halbinsel am Persischen Golf wird als absolute Monarchie regiert. Der Staat liegt auf einer Halbinsel und grenzt im Süden an Saudi-Arabien. Das Staatsgebiet schließt einige Inseln ein.

Hauptstadt

Katars Hauptstadt ist mit 521 283 Einwohnern Doha. Die Stadt beherbergt den Internationalen Flughafen Doha, sowie wichtige Teile der Öl- und Fischereiindustrie. Mit der „Education City“ ist die Stadt ebenso ein attraktives Gebiet in Katar für Forschung und Bildung.

Geographie und Klima

Das überwiegend flache Land ist von Salzsümpfen, Geröll- und Kieswüste geprägt. Das Grundwasser hat einen sehr hohen Salzgehalt, weshalb Trinkwasser in Meerwasserentsalzungs-Anlagen gewonnen wird.

Mit dem geringen Jahresniederschlag von unter 100 mm gehört Katar zu den trockensten Landschaften der Erde. Das Klima ist ganzjährig schwül, subtropisch und heiß. Die Luftfeuchtigkeit liegt bei 85 %. Im Sommer sind Temperaturen von 45 °C keine Seltenheit, im Winter sinken sie auf durchschnittlich 17 °C.

Bevölkerung

Die arabische Bevölkerung mit katarischer Staatsangehörigkeit beträgt nur rund 250.000 Menschen. Etwa 80 % der 1, 7 Millionen Einwohner Katars sind Migranten. Der sunnitische Islam ist Staatsreligion. Unter den Menschen mit Migrationshintergrund herrschen Schiiten vor. Zudem gibt es einen beträchtlichen Anteil an Hindus und 70.000 Christen in Katar. Die Amtssprache ist arabisch, Handelssprachen sind Persisch und Englisch.

Infrastruktur

In Doha sind sechs Stadien geplant, sechs weitere verteilen sich auf Städte in der näheren Umgebung. Damit die einzelnen Sportanlagen gut erreichbar sind, werden alle an das im Bau befindliche Stadtbahnsystem angeschlossen. Das Investitionsvolumen für die zwölf Spielstätten wird auf etwa 2,87 Milliarden bis 4 Milliarden US-Dollar geschätzt.

Nationalteam

Die Katarer Nationalmannschaft bestritt 1970 ihr erstes internationales Länderspiel während des Golfpokal-Turniers gegen Bahrain. Derzeit rangiert die Mannschaft auf der Fifa-Weltrangliste auf dem 96. Platz. An der letzten WM hat Katar nicht teilgenommen, ist nun aber als Gastgeber automatisch qualifiziert.

Kritik an der Vergabe

Die Kritik, das Land weise keine fußballerische Tradition vor, rechtfertigte die Fifa mit der Erklärung, man wolle neue Wege gehen.

Ein weiterer, eher praktischer Einwand gegen die Vergabe waren die hohen Temperaturen in dem Land. Aufgrund von fast 50 Grad Celsius im Sommer müssten die Stadien klimatisiert werden. Daraufhin regte Franz Beckenbauer eine Verlegung der Fußball-WM in den Winter an.

Eine weitere, viel grundsätzlichere Kritik ist, dass bei der Abstimmung des Fifa-Exekutivausschusses im Vorfeld schon Katar-Stimmen gekauft wurden.

Winter-WM

Wegen der Hitze im Sommer überlegt die Fifa nun, die WM im Winter, also kurz vor Weihnachten auszurichten. Das würde den Spielplan der großen Ligen über den Haufen werfen.

Die englische Tageszeitung „Guardian“ hatte am Donnerstag berichtet, dass allein zwischen dem 4. Juni und dem 8. August insgesamt 44 nepalesische Gastarbeiter für die großen Bauprojekte für die Weltmeisterschaft 2022 in Katar an Herzversagens oder bei Arbeitsunfällen gestorben seien und die Arbeiter insgesamt wie „moderne Sklaven“ behandelt würden.

Sollte die Zahl der Todesfälle so fortschreiten wie bisher, würden bis zum WM-Beginn mindestens 4000 ausländische Arbeitskräfte sterben, sagte ein Ituc-Vertreter der Zeitung. Der „Guardian“ beruft sich in seinem Bericht auf Unterlagen der nepalesischen Botschaft in Katar.

Aus Nepal kommen die meisten der ausländischen Arbeiter für die WM-Projekte in dem Golfstaat. Der Zeitung zufolge kamen im vergangenen Jahr mehr als hunderttausend Arbeiter aus Nepal in das reiche Emirat, um sich bei den Bauprojekten für die WM zu verdingen. Viele von ihnen würden seit Monaten nicht bezahlt, zugleich sei ihnen der Pass weggenommen worden, damit sie nicht abreisen können. Auch gebe es trotz der Hitze kein kostenloses Wasser für die Arbeiter.

Dass Katar zum Ausrichter der Fußball-WM 2022 gekürt wurde, ist sehr umstritten. Der Weltfußballverband Fifa zeigte sich am Donnerstag „sehr besorgt“ über die Berichte über die unmenschlichen Arbeitsbedingungen. Die Fifa werde deshalb Kontakt mit den Behörden in Katar aufnehmen, hieß es in einer Erklärung.

Von

afp

Kommentare (7)

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Witz

27.09.2013, 09:21 Uhr

Wie offentsichtlich! Einfach nur lächerlich! Jetzt versucht man über der Schiene sich etwas aus den Fingern zu saugen um Qatar doch die WM Austragung zu entziehen. Ist euch nix besseres eingefallen?? Wenn ihr von "modernen Sklaven" redet, dannn schaut euch lieber in Deutschland um bevor ihr über andere Länder redet.

Staatssklave

27.09.2013, 10:08 Uhr

@witz

Sie haben sich anscheinend bisher wirklich nur in Deutschland umgeschaut und ich denke auch hier nur rund um ihre Haustür.

Die Araber halten sich von jeher rechtlose Arbeitssklaven - heutzutage sind dies hunderttausende Südostasiaten die gehalten werden wie rechtlose Tiere.

Äußern sie sich zu den Dingen die sie beurteilen können - also eher ihrer Balkonbepflanzung oder ähnlichem.

sailing

27.09.2013, 10:25 Uhr

In den GCC-Staaten führen die "niedrigen/einfachen" Arbeiten im Baugewerbe typischerweise Pakistani, Malaien, Nepalesen, Philipinos aus. Ägypter, Palestinänser haben sich bereits hochgearbeitet, verfügen aber auch nicht über einen hohen sozialen Status und können oft auch nicht Reisen, da sie keinen Pass haben.
Der Pass, von diesen sogenannten "zweite Klasse" arbeitern wird vom Arbeitgeber eingezogen. Damit können sie nicht von einem anderen Arbeitgeber angestellt werden. (Man findet permanent Personen die "gesucht" werden in den Zeitungen, mit Passbild, verbunden mit der Warnung diese nicht einzustellen. D.h. sie haben "gekündigt", weil sie unter diesen Bedingungen nicht mehr arbeiten wollten.)
Was die Zahlungsmoral von Arabern gegenüber Personen angeht die keinerlei Rechte besitzen muss man nicht viel Worte verlieren.
Die FIFA die sonst alles minitiös vorgibt muss von dieser Praxis Kenntnis besitzen, denn sonst ist man weltfremd. Somit wurde diese Situation billigend in Kauf genommen.

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