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22.07.2014

18:19 Uhr

Auswirkungen des Bürgerkrieges

Ukrainische Profis haben Angst vor der Heimkehr

Was das ganze Volk betrifft, schont auch Bereiche wie den Profisport nicht: Mehrere in der Ukraine aktive Fußballer verweigern die Rückreise zu ihren Vereinen wie Schachtjor Donezk – aus blanker Angst um ihr Leben.

Er mag Donezsk – eigentlich: Aktuell will Douglas Costa aus Angst um sein Leben nicht in die Ukraine und zu seinem Verein zurückkehren. Reuters

Er mag Donezsk – eigentlich: Aktuell will Douglas Costa aus Angst um sein Leben nicht in die Ukraine und zu seinem Verein zurückkehren.

BerlinDer bewaffnete Konflikt in der Ukraine schränkt den Profi-Fußball im Land mehr und mehr ein. Der Brasilianer Douglas Costa sieht das Leben der Spieler beim Fußballclub Schachtjor Donezk in Gefahr. Die Profis gingen „alle ein tödliches Risiko ein, falls sie in der Region sind“, teilte der 23-Jährige mit. „Ich mag den Verein, die Leute, die Stadt, aber ich habe Angst.“

Er und seine Landsleute Alex Teixeira, Fred, Dentinho, Ismaily sowie der Argentinier Facundo Ferreyra hatten am Samstag nach einem Freundschaftsspiel in Frankreich den Rückflug zu ihrem Verein nach Donezk verweigert. „Wir wollen im Club bleiben, aber wir brauchen risikofreie Arbeitsbedingungen“, rechtfertigte der Rechtsaußen Costa den Entschluss der Spieler.

Schachtjor-Besitzer Rinat Achmetow hatte den abtrünnigen Profis mit hohen Geldstrafen gedroht, sollten sie nicht umgehend zurückkehren. „Falls sie nicht kommen, denke ich, werden sie zuerst leiden“, warnte der Oligarch die Profis auf der Vereins-Homepage.

Solche Vertragsangelegenheiten werden in der Regel von der Fifa geklärt. Sollte der Weltverband die Lage in der Ukraine nicht als entsprechend prekär einstufen, müsste er die Spieler international sperren. Die Profis bräuchten laut Achmetow aber keine Angst haben. „Wir werden kein Risiko eingehen und in keinem Fall Spieler an gefährliche Orte bringen“, versicherte der Oligarch am Sonntagabend.

Schachtjor-Trainer Mircea Lucescu beschuldigte den Agenten Kia Zhoorabkhyan, den Konflikt auszunutzen, um die Spieler an andere Vereine zu vermitteln. „Das ist ein echter Skandal“, sagte er der französischen Zeitung „L'Equipe“. „Er nutzt die Situation aus, um sie zu entführen.“

Flugzeugabsturz über der Ukraine

Absturz mit 298 Toten

Beim Absturz der Boeing 777 kamen wohl alle 298 Menschen an Bord ums Leben. Ein Überblick darüber, was bisher über die Katastrophe bekannt ist.

Das Flugzeug

Es handelt sich eine Boeing 777-200ER der Malaysia Airlines, die sich mit 283 Passagieren und einer 15-köpfigen Crew an Bord auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur befand. Die Maschine verließ Amsterdam am Donnerstag um 12.15 Uhr Ortszeit, ankommen sollte sie am Freitag um 6.10 Uhr morgens (wiederum Ortszeit).

Die Route

Die Ostukraine ist Schauplatz heftiger Kämpfe zwischen prorussischen Rebellen und ukrainischen Sicherheitskräften. Die Separatisten haben im Zuge des Konflikts ukrainische Militärflugzeuge über der Region abgeschossen. Die Route, auf der die Boeing flog, war aber anscheinend keinen Beschränkungen unterworfen, wie die International Air Transport Association, eine Vereinigung der Luftfahrt-Industrie, sagt. Eurocontroll, eine auf Flugsicherheit spezialisierte europäische Organisation, teilt mit, dass die Maschine anscheinend in einer Höhe von 10.000 Metern flog, die genehmigt war. Dagegen hätten ukrainische Stellen den Luftraum für Flüge in geringerer Höhe gesperrt.

Der Absturz

Ukrainische Behörden teilten Malaysia Airlines nach deren eigenen Angaben mit, dass sie den Kontakt mit dem Flugzeug verloren hätten, als es sich etwa 50 Kilometer von der ukrainisch-russischen Grenze entfernt befand. Laut dem Service FlightAware.com, der den Weg von Flugzeugen verfolgt, war die letzte bekannte Position von Flug MH17 in 10.000 Meter Höhe knapp westlich der ukrainischen Grenze zu Russland. Ukrainische Stellen meldeten den Absturz, und ein Journalist der Nachrichtenagentur AP entdeckte die Stelle in der Nähe eines Dorfes, das 40 Kilometer von der russischen Grenze entfernt liegt und von prorussischen Kämpfern kontrolliert wird. Nach den Schilderungen des Reporters brach das Flugzeug anscheinend vor dem Aufprall auf der Erde auseinander. Brennende Wrackteile und Gegenstände, die den Passagieren gehörten, waren über ein großes Gebiet verstreut.

Die Ursache

Ein Berater des ukrainischen Innenministeriums sagte, das Flugzeug sei von einer Rakete abgeschossen worden, aber er legte keine Beweise dafür vor. Umgekehrt erklärte ein prorussischer Separatistenführer, er sei sich sicher, dass ukrainische Truppen den Airliner zum Absturz gebracht hätten. Aber auch er belegte seine Behauptung nicht. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko wies Anschuldigungen zurück, dass das Militär des Landes die Tragödie verursacht habe.

Auch die US-Geheimdienste gehen inzwischen einem Regierungsvertreter zufolge davon aus, dass die Maschine mit einer Boden-Luft-Rakete vom Himmel geholt wurde. Wer sie abschoss, sei aber noch unklar.

Unabhängige westliche Verteidigungsexperten sagten AP, dass sowohl die ukrainischen als auch die russischen Streitkräfte über die Kapazitäten verfügten, SA-17-Raketen zu starten. Diese Raketen können eine Höhe von 20.000 Metern erreichen. Es ist möglich, dass ein paar dieser Waffensysteme beim Rückzug ukrainischer Truppen in die Hände prorussischer Rebellen fielen. AP-Journalisten sahen einen Raketenwerfer ähnlich dem SA-17-System am Donnerstag nahe der ostukrainischen Stadt Snischne, die von Aufständischen kontrolliert wird.

Die Passagiere

Mindestens 154 Menschen an Bord waren Niederländer, wie Huib Gorter, Vizepräsident von Malaysia Airlines in Europa, sagt. Zu den Insassen zählten demnach ferner 27 Australier, 23 Malaysier (darunter alle 15 Crewmitglieder) und 11 Indonesier. Darüber hinaus wurden bis Donnerstagnacht sechs britische, vier deutsche, vier belgische und drei philippinische Passagiere sowie ein Kanadier identifiziert. Unter den Toten waren jüngsten Angaben zufolge drei Kleinkinder, die nicht in die Passagierliste aufgenommen worden waren. Die Nationalität von 41 weiteren Insassen war zunächst noch ungeklärt.

In der Ostukraine liefern sich die ukrainische Armee und prorussische Separatisten seit Langem heftige Gefechte. Rund 60 Kilometer von Donezk entfernt war die Passagiermaschine MH17 am vergangenen Donnerstag abgestürzt. Auch die argentinischen Profis Jose Sosa, Jonathan Cristaldo, Alejandro Gomez und Sebastian Blanco weigerten sich, zum ostukrainischen Erstligisten Metalist Charkow zurückzukehren, wie argentinische Medien berichten.

Die neue Saison startet am Freitag mit 14 statt 16 Clubs, nachdem zwei Vereine wegen der russischen Annexion der Krim nach der letzten Saison ausgeschieden sind. Nach Entschluss der Europäischen Fußball-Union (Uefa) soll es vorerst keine Partien zwischen Teams aus der Ukraine und Russland geben.

Die ukrainische Fußball-Föderation muss nun entscheiden, wo Schachtjor seine Heimspiele in der kommenden Saison austragen wird. Neben dem ukrainischen Meister müssen auch die ostukrainischen Vereine Metalurg Donezk, Olimpik Donezk and Zorya Luhansk auf alternative Orte ausweichen, weil ihre Heimatstädte von prorussischen Separatisten kontrolliert werden.

Von

dpa

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