Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

21.10.2015

17:19 Uhr

Beckenbauer unter Druck

Fifa geht erneut gegen den „Kaiser“ vor

Die Fifa-Ethikkommission erhebt Anklage gegen Franz Beckenbauer. Damit droht dem Weltmeister im Extremfall eine Sperre für alle Fußball-Aktivitäten. Es geht um seine Rolle bei den WM-Vergaben an Russland und Katar.

Die Lichtgestalt des deutschen Fußballs gerät erneut ins Visier der Fifa-Aufklärer. Ihm droht eine Strafe des Weltfußballverbandes. Es geht um die Vergaben der Weltmeisterschaften an Russland und Katar. dpa

Franz Beckenbauer

Die Lichtgestalt des deutschen Fußballs gerät erneut ins Visier der Fifa-Aufklärer. Ihm droht eine Strafe des Weltfußballverbandes. Es geht um die Vergaben der Weltmeisterschaften an Russland und Katar.

ZürichDie Ethikkommission des Weltfußballverbands geht gegen Franz Beckenbauer vor. Das teilte die Fifa am Mittwoch mit. Die Untersuchungskammer habe ihre Ermittlungen abgeschlossen. Das Verfahren sei zur rechtsprechenden Kammer weitergeleitet worden, teilte das Gremium des Fußball-Weltverbands am Mittwoch mit, ohne weitere Details zu nennen.

Die Fifa untersucht Beckenbauers Rolle bei der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaften an Russland (im Jahr 2018) und Katar (2022). Der Münchner Richter Hans-Joachim Eckert als Chef der rechtsprechenden Kammer wird die Entscheidung als Landsmann Beckenbauers aber nicht treffen.

Stattdessen soll der Australier Alan Sullivan das Urteil sprechen. Wann er seinen Beschluss fällen wird, ist nicht bekannt. 2014 war Beckenbauer wegen mangelnder Zusammenarbeit mit den Ethikern vorübergehend suspendiert worden. Nun droht ihm erneut eine Sperre von allen Aktivitäten im Fußball, auch den Besuch von Stadien.

Die Aufräumarbeiten bei der Fifa

Wahltermin

Bisher ist die Kür des Nachfolgers von Blatter für den 26. Februar 2016 angesetzt. Sollte die Wahl nicht nach hinten verschoben werden und dazu wie bisher kurz nach Ablauf der Bewerbungsfrist am 26. Oktober ein Integritätscheck der Kandidaten folgen, würde dies so gut wie sicher das Aus der FIFA-Ambitionen von Platini bedeuten.

Die Kandidaten

Bislang haben der französische UEFA-Chef, der zuletzt bei der FIFA-Wahl Blatter unterlegene Jordanier Prinz Ali bin al-Hussein und Ex-Profi David Nakhid aus Trinidad und Tobago erklärt, fristgerecht fünf Unterstützerstimmen eingereicht zu haben. Dieser Schritt wird auch vom asiatischen Konföderationspräsidenten Scheich Salman bin Ebrahim Al-Khalifa aus Bahrain erwartet.

Beckenbauers Favorit

Eine Bewerbung des von Franz Beckenbauer favorisierten Südafrikaners Tokyo Sexwale, ist derzeit offen. Spannend wird sein, ob sich die europäischen Verbände angesichts der schwierigen Lage von Platini noch zur Aufstellung eines Ersatzkandidaten durchringen oder in das Lager eines anderen Bewerbers wechseln.

Reformen

Bei dem Treffen erhält das Exko ein Update der Arbeit des neuen Reformkomitees unter Führung des Schweizer Anwalts François Carrard. Bei der nächsten Exekutivsitzung am 2. und 3. Dezember in Zürich soll dann eine Abstimmung über die Vorschläge folgen. Angesichts des „beschädigten“ Bilds der FIFA müsste die Reform nun „oberste Priorität“ haben, forderte das kooptierte Exko-Mitglied Moya Dodd aus Australien im BBC-Rundfunk. „Es ist wichtiger als die Wahlen, über die die Leute anscheinend am liebsten reden.“

Ethikcode

Blatter und Platini wurden von der rechtsprechenden Kammer der FIFA-Ethikkommission gesperrt. Über den genauen Grund für Suspendierungen dürfen die Ethikhüter aber derzeit genau wie über laufende Ermittlungen nicht die Öffentlichkeit informieren. Dies verbietet bislang der Ethik-Code des Weltverbands, die Ethikkommission drängt auf Aufhebung dieser Verschwiegenheitsklausel. Zuletzt schob das Exko das Thema an die Kommission für rechtliche Angelegenheiten zur „Beratung“ weiter, nun könnte die Transparenz-Reform endgültig kommen.

Sommermärchen

Offiziell steht der Medienbericht über vermeintliche „schwarze Kassen“ bei der deutschen Bewerbung für die WM 2006 nicht auf der Agenda. Diese wurde vor der „Spiegel“-Veröffentlichung publik gemacht. Doch auch bei der FIFA wird die laut Deutschem Fußball-Bund durch das WM-Organisationskomitee vorgenommene Zahlung an den Weltverband in Höhe von 6,7 Millionen Euro untersucht. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, der die Vorwürfe am Montag erneut abstritt, wird als Mitglied des Exekutivkomitees in Zürich erwartet.

Ob die FIFA-Fahnder wegen der Bestechungsvorwürfe gegen das Organisationskomitee der WM-Endrunde 2006 in Deutschland weitere Untersuchungen gegen Beckenbauer und Präsident Wolfgang Niersbach vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) aufgenommen haben, teilte die ermittelnde Kammer nicht mit.

Wie die Untersuchungen gegen Beckenbauer sind auch die Ermittlungen gegen den spanischen Verbandschef Angel Maria Villar Llona wegen seiner Rolle bei Spaniens Bewerbung um das WM-Turnier 2018 abgeschlossen worden. Im Fall des Vizepräsidenten der Europäischen Fußball-Union (UEFA) wird Richter Eckert die Entscheidung treffen.

Die Anklagepunkte gegen die Fifa-Funktionäre

Copa Americà

1986 erwirbt das Unternehmen Traffic Brazil die weltweiten Vermarktungsrechte für die Südamerika-Meisterschaft. Fünf Jahre später fordert CONMEBOL-Präsident Nicolas Leoz für eine Vertragsverlängerung eine sechsstellige Summe an Schmiergeld. Ein namentlich nicht genannter Mitverschwörer (#2) veranlasst die Zahlung einer sechsstelligen Summe in US-Dollar auf ein Konto, das Leoz zugeschrieben wird. Bis 2011 erhält Leoz Zahlungen für jede Auflage des Turniers, diese erhöhen sich jedes Mal und erreichen einen Millionenbetrag. Für die weltweiten Vermarktungsrechte der vier Copa Americas von 2015 an werden bereits insgesamt Schmiergelder in Höhe von 110 Millionen an elf CONMEBOL-Offizielle vereinbart.

Gold Cup

Mit Hilfe des gleichen Mit-Verschwörers (#2) wird ein System wie bei der Copa America aufgebaut. Traffic USA erwirbt von 1996 an für fünf Auflagen auch die Vermarktungsrechte der Nord- und Mittelamerika-Meisterschaft. Bis zum Turnier 2003 fließen Hunderttausende Dollar an Schmiergeldzahlungen an CONCACAF-Präsident Jack Warner. Diese werden ebenfalls versucht, über Mittelsmänner zu verschleiern. Warners Nachfolger Jeffrey Webb erhält 1,1 Millionen für seine Zusage der Rechte am Gold Cup und CONCACAF Champions League 2012 an Traffic USA. Für die Turniere im folgenden Jahr sind es bereits zwei Millionen.

Copa Libertadores

Rund um 2000 hält Leoz auch hier die Hand auf und bekommt von einem Mit-Verschwörer (#5) einer Sport-Marketing-Agentur Schmiergeld- und Kickback-Zahlungen für die Werberechte an der südamerikanischen Vereins-Königsklasse. 2006 weist Leoz #5 an, aus dem Werbekontrakt mit dem CONMEBOL mehr als zwei Millionen US-Dollar auf persönliche Konten in Schweiz und Paraguay zu lenken.

Brasilianische Nationalmannschaft

Ein multinationaler Sport-Ausrüster aus den USA erwirbt 1996 die Ausrüsterrechte für zehn Jahre für 160 Millionen US-Dollar. Der Ausrüster stimmt zu, weitere 40 Millionen an eine Tochter von Traffic Brasil zu zahlen. Die Hälfte fließt als Schmiergeld von Mit-Verschwörer (#2) an eine weitere namentlich nicht genannte Person. 2002 wird der Ausrüstervertrag vorzeitig aufgelöst.

WM-Vergabe 2010

CONCACAF-Präsident Warner berichtet einem Mitverschwörer, dass hohe FIFA-Offizielle, die südafrikanische Regierung und das südafrikanische Bieter-Komitee bereit seien, eine Zahlung von Südafrikas Regierung in Höhe von 10 Millionen Dollar an den CFU zu arrangieren. Diese soll „die afrikanische Diaspora unterstützen“. Mitverschwörer #1 versteht, dass Warner, er selbst und Mitverschwörer #17 für Südafrika als Gastgeber der WM 2010 stimmen sollen. Warner deutet an, dass er das Angebot akzeptiert und sagt Mitverschwörer #1 zu, eine Million Dollar weiterzureichen.

Die südafrikanische Regierung soll die Zahlungen daraufhin jedoch nicht direkt aus Regierungstöpfen vornehmen können. In drei Margen weist ein hochrangiger FIFA-Funktionär an, dass zehn Millionen Dollar von einem FIFA-Konto in der Schweiz auf ein US-Konto fließen. Das Geld landet schließlich auf Konten im Namen der Karibischen Fußball-Union CFU und CONCACAF, kontrolliert von Warner, in Trinidad und Tobago. Durch Geldwäsche bei Mittelsmänner fließen Teile des Geldes schließlich zu Unternehmen in Trinidad und Tobago sowie Warners Privatkonten. Mit-Verschwörer #1 erhält mehr als 750.000 Euro von Warner.

Fifa-Präsidentschaftswahl 2011

Mit-Verschwörer #7, ein hoher Funktionär der FIFA und des asiatischen Verbands AFC, erklärt 2011 seine Kandidatur für das FIFA-Präsidentenamt. Ende April fließen 363 537,98 Dollar von einem Konto, das Mit-Verschwörer #7 kontrolliert auf ein Konto des CFU, das Warner kontrolliert. Im Mai stellt #7 den CFU-Verbänden seine Kandidatur vor, Warner sagt den Funktionären, dass sie sich ein „Geschenk“ abholen könnten. Die Repräsentanten erhalten jeweils einen Umschlag mit 40 000 US-Dollar. Nachdem das System aufliegt und Warner von seinen Posten zurücktritt, veranlasst Mit-Verschwörer #7 eine Zahlung von mehr als 1,2 Millionen Dollar auf ein Konto, das Warner kontrolliert.

Die ermittelnde Kammer bestätigte außerdem am Mittwoch, dass die Ermittlungen gegen den suspendierten FIFA-Chef Joseph S. Blatter (Schweiz), den gleichfalls vorläufig gesperrten UEFA-Boss Michel Platini (Frankreich) und den schon von der FIFA zuvor abgesetzten Generalsekretär Jerome Valcke (Frankreich) fortgesetzt werden. "Die ermittelnde Kammer tut alles in ihrer Macht stehende, dass innerhalb der 90-tägigen Suspendierung von Herrn Blatter und Herrn Platini eine endgültige Entscheidung gefällt werden kann", teilte das Gremium mit.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×