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29.04.2015

17:27 Uhr

Bielefeld im Pokalhalbfinale

Das Wunder von der Alm

VonVictor Fritzen

Arminia Bielefeld feiert unerwartete Erfolge – sportlich wie wirtschaftlich. Der Klub spielt heute im DFB-Pokal gegen den VfL Wolfsburg. Und steht vor der Rückkehr in die 2. Liga. Der Imagewandel der Ostwestfalen.

Christian Mueller (M.) feiert mit seinen Teamkollegen den Einzug ins Pokal-Halbfinale. Reuters

Arminia Bielefeld

Christian Mueller (M.) feiert mit seinen Teamkollegen den Einzug ins Pokal-Halbfinale.

DüsseldorfEs gibt da diesen hartnäckigen Mythos. „Bielefeld? Gibt’s doch gar nicht“, rutschte es einst einem Freund des deutschen Informatikers Achim Held heraus, als er auf einer Studentenparty jemanden aus Ostwestfalen traf. Geboren war die so genannte Bielefeld-Verschwörung, eine Satire, die seither Existenz und Existenzrecht der Stadt anzweifeln.

Die meisten Bielefelder reagieren auf den sich hartnäckig haltenden Scherz knorrig und genervt, stur ertragen sie den Spott. Dass es an der Existenz der Stadt im Herzen Ostwestfalens mit ihren mehr als 320.000 Einwohnern keine Zweifel gibt, veranschaulichen nicht nur umsatzstarke Mittelständler wie Dr. Oetker oder Schüco, sondern derzeit vor allem die Fußballer des DSC Arminia.

Der Verein, einstmals in der 1. Bundesliga etabliert, steht kurz vor der Rückkehr in die 2. Liga. Bundesweit erregt die Mannschaft von Trainer Norbert Meier allerdings mehr Aufsehen, weil sie bis ins Halbfinale des DFB-Pokals vorgedrungen ist. Die Bundesligisten Hertha BSC, Werder Bremen und Borussia Mönchengladbach erfuhren leidvoll, was es heißt, sich gegen einen Außenseiter zu blamieren.

Heute Abend nun könnte der DSC mit einer erneuten Sensation gegen den VfL Wolfsburg den größten Erfolg der Vereinshistorie feiern. „Wir erleben jetzt die Ernte von dem, was wir vor zwei, drei Jahren angefangen haben. Das Umdenken, das neue Konzept der Außendarstellung war ein wichtiger Schritt“, sagt Marketing-Leiter Christian Venghaus, der vor fast drei Jahren eine Marketing- und Imageoffensive mit angestoßen hat. Und die hatten die Arminen auch bitter nötig.

Bielefelds Hauptsponsor Alpecin

Familienunternehmen

Der Bielefelder Apotheker August Wolff gründete 1905 die Nährmittelwerke Sudbrack. Später wurde daraus die Dr. August Wolff GmbH & Co. chemisch-pharmazeutische Fabrik; produziert wurden Aufbaupräparate, dermatologische Produkte und andere Kosmetika. Heute ist die Dr. Wolff-Gruppe GmbH die Familienholding der Dr. August Wolff GmbH & Co. KG Arzneimittel (zuständig für Arzneimittel) und der Dr. Kurt Wolff GmbH & Co. KG (zuständig für Kosmetik). Das Unternehmen ist in mehr als 40 Ländern aktiv.

Personal

Die Dr. Wolff-Gruppe hat etwa 530 Mitarbeiter.

Umzug nach Asien

Alpecin soll langfristig zu einer Weltmarke ausgebaut werden. Der geschäftsführende Gesellschafter Eduard Dörrenberg wohnt deswegen seit August nicht mehr am Stammsitz Bielefeld, sondern mit der gesamten Familie in Singapur. Etwa zwei Jahre will er das Geschäft im Wachstumsmarkt Asien vorantreiben.

Rekordabsatz

Am 14. April lief laut Unternehmensangaben die 100-millionste Flasche Alpecin übers Band. In der 110-jährigen Geschichte liegt das erfolgreichste Jahr hinter der Gruppe. Mit neu erschlossenen Märkten in Europa und Asien und neuen dermatologischen Produkten steigerte die Dr. Wolff-Gruppe mit 243 Millionen Euro zum zehnten Mal in Folge den Umsatz auf ein Rekordergebnis.

Doping für die Haare

Eines der namhaftesten Produkte ist sicherlich das Haarshampoo Alpecin, bekannt geworden durch den so genannten Glatzenrechner im Internet und dem Slogan „Doping für die Haare“. Die weiteren Produkte heißen unter anderem Alcina, Plantur 21 und Linola.

Einstieg in den Radsport

Seit Jahresbeginn soll globales Sport-Sponsoring im Radsport die Bekanntheit der Marken auf ein neues Level heben: Mit dem Team Giant-Alpecin startet erstmals seit 2010 ein deutsches Profi-Radsportteam in der UCI-World-Tour.

Insolvenz-Meldungen, eine Rotlicht-Affäre von Ex-Geschäftsführer Ralf Schnitzmeier und sportliche Abstürze: Der Ruf des DSC war mächtig ramponiert. Und so saßen nach einer verkorksten Drittliga-Saison im Jahr 2012 Vertreter der größten Sponsoren, Fans, Mitglieder und Gremiumsmitglieder an einem Tisch und sinnierten über eine Neuausrichtung.

„Unsere zentrale Frage war: Wer sind wir? Was zeichnet uns als Verein aus?“, erinnert sich Christian Venghaus. Die Antwort und damit die Kernbotschaft: „Wir sind vor allem ein regionaler Verein. Darauf müssen, darauf wollen wir uns konzentrieren“, sagt der Marketing-Chef. Das ist klassische Markenarbeit, wie sie in der Regel Wirtschaftsunternehmen betreiben.

Am Ende stand ein Leitkonzept – überschrieben mit der Botschaft: Wir sind Ostwestfalen – stur, hartnäckig, kämpferisch. Venghaus: „Eben das, was uns als Arminen seit Jahren auszeichnet. Wir fallen hin, stehen auf und machen weiter.“ So wie nach dem erneuten Absturz in die 3. Liga, als der DSC 2014 den Klassenerhalt im Relegationsrückspiel gegen Darmstadt in der 121. Minute noch verspielte.

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