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29.05.2015

17:24 Uhr

Blatter beim Fifa-Kongress

„Wir brauchen keine Revolution, wir brauchen Evolution“

VonHolger Alich

Es wird ernst in Zürich: Der Fifa-Kongress kürt zur Stunde den Verbandspräsidenten. Herausforderer al Hussein bleibt mit seiner Rede blass. An Sepp Blatters Stuhl rüttelt inzwischen aber auch die deutsche Kanzlerin.

Cameron bei Merkel

Cameron fordert Blatters Rücktritt

Cameron bei Merkel: Cameron fordert Blatters Rücktritt

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ZürichDie Wahl, sie geht in ihre heiße Phase. Zur Stunde stimmen die Fifa-Delegierten über den alten oder womöglich neuen Präsidenten ab. Doch zuvor gibt es noch Reden der einzigen Kandidaten. Und Sepp Blatter wählt große Wirte. „Ich trete mit großer Emotion hier vor Ihnen", beginnt der Fifa-Präsident langsam. Er redet frei, blickt die Delegierten direkt an. „Wir brauchen keine Revolution, wir brauchen eine Evolution“, stellt Blatter fest. Es ist wohl seine beste Rede an diesem Tag. Er wirkt kämpferisch, im Laufe des langen Kongresses hat sich seine anfängliche Anspannung etwas gelöst.

„Die vergangenen Tage wurde ich für den Sturm verantwortlich gemacht. Gut, ich nehme diese Verantwortung an“, ruft er. „Ich will mit Ihnen zusammen die Fifa verändern. Um am Ende meines Mandats eine starke Fifa zu hinterlassen, die den Sturm hinter sich gelassen hat“, sagt Blatter und fährt fort: „Das wird eine starke Fifa sein. Das verspreche ich Ihnen. Aber dazu brauche ich Sie, das kann ein Mann nicht alleine.“ Er wolle gegen Korruption, aber auch gegen Diskriminierung und Spielmanipulationen vorgehen. Blatter kündigt an, dass es innerhalb der Fifa künftig eine Extra-Abteilung für den Profifußball geben soll. Damit will Blatter offenbar die großen Clubs besser an sich binden.

Fifa: Skandale unter Blatter

Präsidentschaftswahl 1998

Der damalige FIFA-Generalsekretär Joseph Blatter gewinnt die Präsidentschaftswahl gegen UEFA-Präsident Lennart Johansson kurz vor WM-Beginn in Frankreich. Bis heute stehen Vorwürfe über angebliche Zahlungen von je 50.000 Dollar an afrikanische Delegierte in einem Pariser Hotel im Raum, die Blatter beharrlich zurückweist.

ISL-Skandal (1)

Blatters Präsidentschafts-Vorgänger Joao Havelange und dessen ehemaliger Schwiegersohn Ricardo Teixera kassierten Millionen Schmiergeld für WM-Marketing-Deals mit dem später Pleite gegangenen Vermarkter ISL.

ISL-Skandal (2)

Blatter wurde von allen Verdächtigungen freigesprochen, obwohl er 1997 als Generalsekretär eine Zahlung an Havelange von 1,5 Millionen Schweizer Franken persönlich zurücküberwiesen und somit offenbar zumindest Kenntnis vom System hatte.

WM-Vergabe 2018 und 2022 (1)

Schon vor der Doppel-Vergabe an Russland und Katar wurden zwei FIFA-Exekutivmitglieder wegen nachgewiesener Bestechlichkeit suspendiert. Die Vorwürfe gegen die beiden künftigen Gastgeber wurden schließlich aufwändig von der FIFA untersucht, aber von den Ethikhütern ohne maßgebliche Ergebnisse eingestellt.

WM-Vergabe (2)

Der Generalverdacht wurde aber nie entkräftet. Vom damaligen Exekutivkomitee sind künftig wohl nur noch acht von damals 22 Mitgliedern in dem mächtigen Gremium.

Präsidentschaftswahl 2011 (1)

Lange schien es, als könne der Katarer Mohamed bin Hammam Blatter bei der Wahl 2011 tatsächlich gefährlich werden. Dann stolperte der Funktionär kurz vor der Abstimmung über konkrete Bestechungsvorwürfe aus der Karibik. Die 35 Stimmen aus der CONCACAF-Zone galten als entscheidend.

Präsidentschaftswahl 2011 (2)

Blatter hatte den Verbänden eine Million Dollar als offizielle FIFA-Zuwendung versprochen. Bin Hammam versuchte es inoffiziell mit 40.000 Dollar pro Verband – und flog auf, weil ihn andere mittlerweile der Korruption überführte Funktionäre anschwärzten.

WM-Tickets (1)

Der Umgang mit von Millionen Fans begehrten WM-Tickets im Exekutivkomitee war schon häufig lax. Jack Warner trieb es 2006 auf die Spitze, als er die Vermarktung in seinem für das Turnier in Deutschland qualifizierten Heimatland Trinidad und Tobago übernahm. Sein Familienunternehmen strich angeblich 900 000 Dollar Provisionen ein.

WM-Tickets (2)

Die FIFA-Untersuchungen konnte keine Verdachtsmomente gegen Warner, sondern nur gegen dessen Sohn ergeben. Warner senior kam mit einer Verwarnung davon. Warners Exko-Kollege Ismail Bhamjee aus Botswana wurde 2006 überführt, zwölf WM-Karten auf dem Schwarzmarkt verkauft zu haben.

WM-Tickets (3)

2014 in Brasilien gab es Berichte über vermutlich illegal veräußerte WM-Karten aus dem Besitz des mittlerweile verstorbenen argentinischen Topfunktionärs Julio Grondona.

Sperre

2015: Am 21. Dezember spricht die rechtsprechende Kammer ihr finales Urteil: Blatter und Platini werden für jeweils acht Jahre gesperrt. Zum Verhängnis wurden ihnen die dubiose Zahlung von 1,8 Millionen Euro, die Platini im Jahr 2011 von Blatter (79) angeblich für lange zurückliegende Beratertätigkeiten (von 1998 bis 2002) erhalten hatte.

Der Fifa-Präsident präsentiert sich nicht nur als Chef-Reformer, sondern auch erneut als Friedensvermittler – und verwies auf den „historischen Händedruck“ zwischen den Verbandspräsidenten Israels und Palästinas. Nun macht er am Ende doch Wahlkampf: „Mit mir wissen Sie, woran Sie sind. Ich möchte nur einfach bei Ihnen bleiben“, ruft er mit ausgebreiteten Armen ins Plenum. Dafür erntet Blatter sogar Applaus, auf der Pressetribüne brechen dagegen einige britische Sportjournalisten in höhnisches Gelächter aus. „Der Fußball braucht jetzt einen erfahrenen Anführer. Ich stehe Ihnen zur Verfügung“, schließt Blatter.

Als erstes tritt zuvor Prinz Ali bin al Hussein von Jordanien ans Rednerpult, Blatters einziger Gegenkandidat: „Die Fifa ist mehr als eine Sportorganisation. Wir sind die Wächter über diesen Sport“, beginnt er seine Rede.

Enthusiastisch klingt er bei der wohl wichtigsten Rede seines Lebens aber nicht. Er liest sie stur vom Blatt ab, seine Stimme klingt monoton. Was er konkret ändern will, bleibt vage. Er bittet um die Stimmen des Kongresses, erklärt aber nicht, warum sie ihn wählen sollen. Von seiner Redezeit von 15 Minuten lässt er über vier Minuten ungenutzt. „Unsere Reputation kommt nur durch die Aktionen, die wir vornehmen“, sind Sätze aus der Rede, die so beispielhaft wie schematisch sind. „Heute ist der erste Tag, um den Wechsel einzuleiten“, sagt der Prinz und empfiehlt sich als entschlossenen Anführer, der die Fifa aus dem Schlamassel, in dem sie steckt, befreien kann.

Er verspricht Präsenz: „Ich werde mich nicht verstecken, wenn Dinge schief laufen.“ Die Fifa sei keine Firma, sondern eine Service-Organisation für ihre Mitglieder. Er verspricht bessere Governance-Regeln und klarere Finanzströme. Wie er das jedoch konkret bewerkstelligen will, lässt er offen. Blatters Rede folgt auf den Fuße.

Kommentare (5)

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Herr Phillip Schneider

29.05.2015, 11:39 Uhr

Ich sehe die Fifa als eine der größten legalen Mafia-Organisationen. Mit Blatter als Paten.

Sergio Puntila

29.05.2015, 12:11 Uhr

„Ich will gerne als Fifa-Präsident für alles verantwortlich sein“
____________

Gott hat gesprochen und was für ein Gott.

Herr wolfgang becker

29.05.2015, 13:01 Uhr

Die FIFA gehoert endlich aufgeloest und durch eine neue Organisation mit vernuenftigen Strukturen ersetzt - nur ein neuer Praesident bringt gar nichts. Wenn England und Spanien aus der FIFA austreten ist Vortrag Ende fuer diesen unsaeglichen Verein. Was ist die Hauptattraktion Champions Leguae ohne England / Spanien - nichts . So einfach ist das. - Herr Rauball - von wegen Boykott bringt nichts - fuer wen?

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