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08.03.2016

15:48 Uhr

Blatter über Beckenbauer

„Unglaubwürdig und falsch. Das ist abstrus“

Ex-Fifa-Präsident Joseph Blatter will sich dem DFB bei der Untersuchung der WM-Affäre 2006 nicht mehr verweigern. Einer Erklärung von Franz Beckenbauer zu den Millionenzuwendungen für die WM 2006 widerspricht er.

Ex-Fifa-Präsident Joseph Blatter gibt 2000 bei der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Zürich bekannt, das Deutschland die WM ausrichten wird. dpa

Sepp Blatter

Ex-Fifa-Präsident Joseph Blatter gibt 2000 bei der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Zürich bekannt, das Deutschland die WM ausrichten wird.

ZürichEx-Fifa-Präsident Joseph Blatter ist bereit, sein Schweigen vor den Ermittlern des deutschen Sommermärchen-Skandals zu brechen. „Ich habe mich nicht geäußert, denn ich war ja der Präsident. Jetzt kann ich sagen, was ich weiß“, sagte Blatter der Deutschen Presse-Agentur kurz vor seinem 80. Geburtstag am Donnerstag.

Die Version von Franz Beckenbauer über einen Vorschuss der deutschen WM-Organisatoren an die Fifa als Sicherheit für spätere Millionenzuwendungen für die Fußball-WM 2006 bezeichnete er als unsinnig. „So lange ich in der Fifa war, hat es so etwas nicht gegeben. Das halte ich für unglaubwürdig und falsch. Das ist abstrus“, sagte Blatter.

Warum im Jahr 2002 insgesamt zehn Millionen Franken (6,7 Millionen Euro) von Beckenbauer und dem französischen Unternehmer Robert Louis-Dreyfus letztlich auf dem Konto einer Firma des damaligen Fifa-Vorstands Mohamed bin Hammam in Katar landeten, kann sich Blatter nach eigener Aussage nicht erklären. „Sicher sieht das komisch aus. Aber das ist ein deutsches Problem“, sagte der langjährige Fifa-Boss.

Fragen und Antworten zum Freshfields-Bericht (1)

Was ist passiert?

Die vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) beauftragte Wirtschaftskanzlei Freshfields hat ihren Abschlussbericht zur Affäre um die WM 2006 in Deutschland vorgelegt. Damit ist die interne Untersuchung der Vorgänge abgeschlossen. Das Dokument umfasst 361 Seiten, allein der Name Franz Beckenbauer wird 564-mal erwähnt. Laut Schatzmeister Reinhard Grindel kostet der Bericht den DFB einen Betrag in siebenstelliger Höhe.

Quelle: SID

Was ist die Haupterkenntnis? (1)

Der Weg der 6,7-Millionen-Euro-Zahlung seitens des WM-OK von 2002 ist nun nachvollzogen. Die Spur führt zu Beckenbauer: Von einem Oder-Konto auf die Namen Beckenbauer und Robert Schwan, dessen Ex-Manager, flossen im Sommer 2002 in vier Tranchen sechs Millionen Schweizer Franken auf das Konto einer Schweizer Anwaltskanzlei. Von dort wurde das Geld nach Katar an eine Firma (KEMCO) weitergeleitet, die offenkundig Mohamed Bin Hammam gehört - damals Mitglied der FIFA-Exekutive und -Finanzkommission.

Was ist die Haupterkenntnis? (2)

Schließlich überwies der frühere adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus zehn Millionen Franken auf das Schweizer Konto. Mit sechs Millionen wurde Beckenbauer "ausgelöst", Schwan war verstorben. Vier Millionen gingen erneut nach Katar. So ergeben sich die 6,7 Millionen Euro. Beckenbauer will von den Zahlungen nichts mitbekommen haben, was der Bericht schwer in Zweifel zieht: "Das ist für uns kaum vorstellbar."

Was ist ein Oder-Konto?

Gemeinschaftskonten bei Banken werden als Und-Konto oder als Oder-Konto angeboten. Beim Oder-Konto können alle Kontoinhaber unabhängig voneinander agieren. Für Überweisungen oder andere Transaktionen ist nicht die Zustimmung des oder der anderen Kontoinhaber notwendig.

Wurde die WM 2006 gekauft?

Vieles spricht dafür, aber es bleibt offen. Zumindest gibt es laut Freshfields keine Beweise. Ein Stimmenkauf kann aufgrund der lückenhaften Akten- und Informationslage aber auch nicht ausgeschlossen werden. Ob das Geld 2002 nur der Sicherung des FIFA-WM-Zuschusses diente, wie von Beckenbauer und seinen WM-Mitstreitern behauptet, oder ein "weiterer, dahinterliegender Zweck" verfolgt wurde - ungewiss. Zweifel schürt außerdem, dass KEMCO eine Baugerüst-Firma ist und schon früher in Zusammenhang mit dubiosen Fußball-Geschäften aufgefallen war,

Was spricht noch gegen Beckenbauer?

Er hat vier Tage vor der WM-Vergabe 2000 einen Vertragsentwurf mit dem zwielichtigen FIFA-Funktionär Jack Warner aus Trinidad und Tobago unterschrieben. Dieser Entwurf bleibt laut Freshfields "rätselhaft". Die von Beckenbauer unterzeichneten Zusagen an den früheren FIFA-Vize seien "jedenfalls teilweise erbracht" worden.

Wie ist dies zu werten?

Bisher sprach der DFB von einem "Bestechungsversuch" - durch die neuen Erkenntnisse spricht alles für vollzogene Bestechung. Immerhin trat der Entwurf laut Angaben der Ermittler "formal wohl nicht in Kraft".

Der Deutsche Fußball-Bund hatte durch die Ermittlungen der von ihm beauftragten Kanzlei Freshfield lediglich den Zahlungsfluss der Millionen in Richtung Katar, nicht aber den Verwendungszweck aufklären können. Blatter hatte zu den mehrmonatigen Untersuchungen keinen Beitrag geleistet.

Im Raum steht neben möglichen Schmiergeldzahlungen an Fifa-Wahlmänner weiter der Verdacht, dass die deutschen Millionen in einer Schwarzen Kasse landeten, aus denen Blatter den Wahlkampf für seine erste Wiederwahl im Jahr 2002 finanzierte. Letzteres wird von Blatter bestritten.

Der Schweizer kritisierte den DFB für dessen Einschalten einer Kanzlei. „Eine externe Firma zu beauftragen, ist nicht die Lösung. Warum macht der DFB das nicht mit seinen Organen. Man könnte dann ja auch den CAS einschalten.“ In seinem eigenen juristischen Kampf gegen die auf sechs Jahre verkürzte Ethiksperre wegen einer unerlaubten Millionen-Zahlung an Michel Platini im Jahr 2011 hofft Blatter bis Mitte April auf eine Entscheidung des Internationalen Sportgerichtshofes CAS.

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