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24.12.2015

17:01 Uhr

Blatters letzte Bastion

Der Geburtsort eines Scheinheiligen

VonHolger Alich

Die Welt hat den Stab über Ex-Fifa-Chef Joseph Blatter längst gebrochen. Doch an einem Ort ist Freundschaft stärker als alle Skandale. Ein Rundgang durch Visp, wo Blatter geboren wurde. Wo er einfach der Sepp ist.

Von fast allen Seiten wird der scheidende Fifa-Präsident Sepp Blatter angefeindet. In seiner Heimat Visp hat er noch Unterstützer. dpa

Blatter

Von fast allen Seiten wird der scheidende Fifa-Präsident Sepp Blatter angefeindet. In seiner Heimat Visp hat er noch Unterstützer.

VispIn der Fußgängerzone plärrt „Let it snow“ aus den Lautsprechern, die Schaufenster sind mit Krippen geschmückt. Viele Gebäude der Innenstadt scheinen aus den frühen 80er Jahren zu stammen und versprühen wenig Charme. Wer die Straßen Richtung des historischen Dorfkerns folgt, kommt auf dem Weg am kleinen Kaufplatz vorbei.

Dort steht ein blassgrün getünchtes Appartementhaus, die Lamellen-Jalousie im ersten Stock ist herunter gelassen. Hier hat der wohl bekannteste Einwohner seine Privatwohnung: Sepp Blatter. Willkommen in Visp im Oberwallis, dem Geburtsort und Heimat des Fifa-Präsidenten. Hier wird er eher traurige Weihnachten bei seiner Tochter verbringen, die immer noch im Ort wohnt.

Denn 2015 war für Blatter ein Horror-Jahr. Seine Fifa ist in das Visier der US-Justiz geraten. In zwei Wellen verhaftete die Polizei in Zürich ranghohe Fifa-Funktionäre. Zunächst ließ sich Blatter im Frühjahr unbeirrt zum fünften Mal zum Fifa-Präsidenten wählen. Doch der Druck wurde zu groß und er stellte sein Amt im Juni zur Verfügung.

Joseph Blatter

Blatter als Fußballer

Blatter war selbst von 1948 bis 1971 aktiver Fußballer und schaffte es bis in die oberste Schweizer Amateurliga.

Karriere vor der Fifa

Joseph Blatter studierte an der Rechtsfakultät der Universität Lausanne und schloss sein Studium mit dem Lizentiat der Handels- und Volkswirtschaftswissenschaften ab. Er begann er seine Karriere als Journalist und PR-Fachmann im sportlichen und privatwirtschaftlichen Sektor. Kontakte zur internationalen Sportszene knüpfte Blatter als Direktor für PR und Sport der Longines S.A., die an der Organisation der Olympischen Spiele 1972 und 1976 beteiligt war.

Mitgliedschaft im Exekutivkomitee

Schon seit 1981 gehört Blatter zum Exekutivkomitee des Fussball-Weltverbandes und war somit an insgesamt fünf Weltmeisterschaften beteiligt. Einen Namen machte sich Blatter zusammen mit dem damaligen Präsidenten Havelanges bei den Verhandlungen für Fernseh- und Marketingverträge zur kommerziellen Verwertung der Fussball-Weltmeisterschaften bis 2006.

Präsidentschaft

1998 wurde Blatter zum achten Präsidenten der Fifa gewählt. Seit 1999 ist er auch Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOK). Im Laufe seiner Amtszeit setzte Blatter viele Projekte um, die sein Vorgänger João Havelanges initiiert hatte. Dazu gehören die Wettbewerbs- und Ausbildungsprogramme der Fifa, die Weltmeisterschaften in den Alterskategorien U-20 und U-17 sowie im Frauen- und Hallenfußball. Blatter wurde 2002 für eine zweite Amtsperiode gewählt und 2007 erneut für eine weitere Amtszeit bestätigt.

Soziales Engagement

Joseph Blatter engagiert sich seit langem für verschiedene humanitäre Projekte und untermauert dadurch seine Überzeugung, dass Fußball eine gesellschaftliche Verantwortung trägt. Er begann 1994 eine Partnerschaft mit den SOS Kinderdörfern, die die Fifa finanziell und materiell unterstützt. Seit 1998 führt Blatter auch immer wieder Kampagnen mit UNICEF, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, durch.

Seine Fußballphilosophie

„Fußball für alle, alle für den Fußball“ - Neben der gesellschaftlichen Verantwortung liegt Blatter das Fairplay am Herzen. Fußball ist für ihn eine Möglichkeit für eine bessere Völkerverständigung. Er setzt zudem darauf, sämtliche Akteure des Fußballs über ein modernes Kommunikationsnetz zu verknüpfen und mit Politik und Wirtschaft in Kontakt zu treten. In erster Linie aber bedeutet der Fußball für Blatter natürlich Leidenschaft und Emotionen.

Doch es kam noch schlimmer: Seit September ermittelt offiziell die Schweizer Bundesanwaltschaft wegen des Verdachts der Untreue gegen Blatter. Daraufhin sperrte ihn die Fifa-Ethik-Kommission vorläufig für 90 Tage. Kurz vor dem Fest erfolgte der finale Knockout: Blatter bleibt für alle Aktivitäten im Fußball gesperrt – für acht Jahre – und darf daher nicht seinen Abschiedskongress Ende Februar leiten.

Die Welt hat den Stab über Blatter längst gebrochen. Doch hier in Visp ist Freundschaft stärker als Skandale. Ein Rundgang durch Blatters wohl letzte Bastion.

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Seit 1975 stand Sepp Blatter im Zentrum der erstaunlichen Entwicklung, die aus dem Fußball einen rasant wachsenden Markt gemacht hat. Nun ist der Präsident des Weltverbands Fifa Vergangenheit. Gut so.

Der erste Lokaltermin führt zum Gemeindepräsidenten – dem Schweizer Pendant zum Bürgermeister - von Visp. Niklaus Furger hat sein Büro in einem schlichten Bau am St. Martiniplatz. Haben die Skandale Blatter in Visp zu einer persona non grata gemacht? Der joviale Lokalpolitiker winkt ab. „Hier ist er einfach der Sepp“, erzählt Furger, der allein von Amtswegen mit Blatter zu tun hat.

Denn der Gemeindepräsident Visps ist automatisch Präsident der Sepp-Blatter-Stiftung, die sowohl karitative wie sportliche Einrichtungen in der Region fördert. Was die Fifa im Großen unternimmt, macht Blatter mit seiner Stiftung quasi im Kleinen. In einer Ecke Furgers Büro hängt eine kleine blaue Fahne, auf der Blatter Furger zur Wiederwahl gratuliert.

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