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12.01.2018

13:55 Uhr

Bundesliga-Talk

„Die Bilanz von Heynckes ist überragend“

VonThomas Schmitt

Die Superstars im Fußball spielen in England und Spanien. Die Bundesliga hält die Fans dagegen mit Spannung bei Laune, meint Branchenexperte Jörg Heidjann vom Prognosespezialisten KickForm. Ein Rück- und Ausblick.

Seine Saison-Bilanz zur Halbzeit: 16 Spiele, 15 Siege und nur eine Niederlage bei insgesamt 39 zu 13 Toren. Das entspricht einer Siegquote von 94 Prozent. AP

Jupp Heynckes

Seine Saison-Bilanz zur Halbzeit: 16 Spiele, 15 Siege und nur eine Niederlage bei insgesamt 39 zu 13 Toren. Das entspricht einer Siegquote von 94 Prozent.

Das Unternehmen KickForm aus Münster analysiert die Partien der Bundesliga und berechnet Wahrscheinlichkeiten für Sieg, Unentschieden und Niederlage. Die Prognose, die das Handelsblatt regelmäßig vor einem Bundesliga-Spieltag online übernimmt, ist wissenschaftlich fundiert und beruht auf einem komplexen mathematischen Modell. Die wahrscheinlichsten Ergebnisse für eine Begegnung nennt KickForm auf seiner Internetseite. Jörg Heidjann ist Geschäftsführer des Startups. Er blickt im Handelsblatt-Interview zurück auf die Hinrunde, vergleicht die Liga mit der internationalen Konkurrenz und nennt Champions-League-Teilnehmer sowie Absteiger der Bundesliga.

Herr Heidjann, Sie prognostizieren mit einem mathematischen Modell jedes Spiel der Fußballbundesliga. Was hat Sie in der Hinrunde der Bundesliga am meisten überrascht?
Am meisten überrascht hat das schlechte Abschneiden des 1. FC Köln. Auch den HSV hatte unser Algorithmus etwas besser eingeschätzt. Ansonsten haben wir nur marginale Abweichungen von unserer Saison-Anfangsprognose. Die Tabellenspitze hatten wir exakt so vorhergesagt, nur dass wir den BVB vor Schalke gesehen haben.

Borussia Dortmund erlebte eine beispiellose Berg- und Talfahrt…
Wenn man sich die Leistungsdaten des BVB genauer ansieht, dann erkennt man beim BVB die Probleme in der Defensive. So haben die Dortmunder in der Hinrunde zwar die meisten Tore erzielt (39 Tore) aber auch 24 Gegentore kassiert. Das ist nur ein Gegentor weniger als beim HSV, der auf Platz 17 in der Tabelle nach der Hinrunde steht.

Die Hingucker der Bundesliga: neun Fragen zum Rückrunden-Start

Die großen Fragen

Die Bundesliga geht wieder los - und der Fan weiß kaum, wo er zuerst hinschauen soll. Das Halbjahr vor der Fußball-Weltmeisterschaft birgt abgesehen vom Spitzen- und Abstiegskampf zahlreiche spannende Personalien und Fragen:

Hat der 1. FC Köln noch eine Chance auf ein Wunder?

Mit sechs Punkten und zehn geschossenen Toren spielte der Club die drittschlechteste Hinrunde der Bundesliga-Geschichte. Der Rückstand auf den Relegationsplatz beträgt neun Punkte. Kölns Trainer Stefan Ruthenbeck sagt dazu: „Wenn ich jetzt sage: Wir holen 30 Punkte, dann denkt jeder, der Ruthenbeck dreht durch. Aber wenn die anderen schwächeln, müssen wir da sein.“ Neuzugang Simon Terodde vom VfB Stuttgart soll endlich auch im Oberhaus treffen. Zudem kehrt der lange verletzte Nationalspieler Jonas Hector zurück.

Ist der FC Bayern fit für das Triple?

Reif für das Double sind die Münchner auf jeden Fall. Elf Punkte Vorsprung in der Meisterschaft sind fast schon eine Garantie für den sechsten Meistertitel in Serie. Im DFB-Pokal konnte sich der Rekordchampion gegen RB Leipzig und Borussia Dortmund durchsetzen. Der Weg zum Finale nach Berlin scheint damit geebnet. „Die Favoritenrolle im Pokal ist klar bei uns“, sagte Thomas Müller. Trainer Jupp Heynckes weiß, wie Triple geht, aber er weiß auch, dass der FC Bayern München nicht der Topfavorit in der Champions League ist. Der 72-Jährige setzt auf das Kollektiv, auf die Rückkehr verletzter Stars wie Manuel Neuer und Thiago - und auf das Losglück. Das hatten die Bayern schonmal fürs Achtelfinale: Da heißt der Gegner Besiktas Istanbul.

Kann sich der Hamburger SV wieder retten?

2014 und 2015 in der Relegation, jetzt Vorletzter mit nur jeweils 15 Toren und Punkten: Für den Hamburger SV geht es mal wieder ums sportliche Überleben. Die Defensive des Bundesliga-Dinos ist stabiler geworden. Der wichtigste Vollstrecker und Vorbereiter, Nicolai Müller, aber fehlt wegen seines Kreuzbandrisses noch bis etwa April. „Die Rückrunde wird brutal für uns. Wir müssen 22, 23 Zähler holen, um in der Liga zu bleiben“, sagte Sportchef Jens Todt.

Kommt Dortmund-Star Marco Reus rechtzeitig zurück?

Sieben Monate nach seinem Kreuzbandriss absolvierte der Nationalspieler wieder Teile des Mannschaftstrainings. „Ich bin ein Mann der kleinen Schritte. Aber jeder, der mich kennt, weiß, dass ich bei so etwas ungeduldig bin“, so der 28-Jährige. Trainer Peter Stöger erklärte: „Er wird noch seine Zeit brauchen.“ Reus will unbedingt zur Weltmeisterschaft nach Russland. Die WM 2014 und EM 2016 hatte er verletzt verpasst: „Ich kann mich nicht schonen, schließlich muss ich mich anbieten.“

Können sich die Rückkehrer Mario Gomez beim VfB Stuttgart und Sandro Wagner beim FC Bayern für die WM empfehlen?

Auf Gomez lastet der Druck, die Schwaben mit seinen Treffern vor dem sofortigen Wiederabstieg zu retten. „Er hat Qualität und Persönlichkeit. Er weiß, wie er der Mannschaft hilft“, sagte VfB-Trainer Hannes Wolf über den Ex-Wolfsburger und 71-fachen Nationalspieler. Gomez selbst sagte: „Ich bin noch nicht fertig, ich kann auch noch ein bisschen.“ Der Ex-Hoffenheimer Wagner war als Backup für Robert Lewandowski geholt worden, darf aber nach dessen Verletzung schneller ran als erhofft. Heynckes bescheinigt dem zwölf Millionen Euro teuren Neuzugang, „sich sehr gut eingegliedert“ zu haben: „Sandro ist die erste Option.“

Ist Leipzigs Turboflitzer Timo Werner fit?

Die große WM-Hoffnung der Nationalmannschaft plagte nach dem Jahreswechsel ein grippaler Infekt. Er muss - mal wieder - einen Trainingsrückstand aufholen. „Er hat großes Potenzial, aber bevor er uns zum WM-Titel schießt, muss er seine Leistung bei uns auf Top-Niveau bestätigen und stabilisieren“, hatte RB-Sportdirektor Ralf Rangnick bereits vor der Winterpause betont.

Wer wird Torschützenkönig?

Bayerns Robert Lewandowski führt mit 15 Toren, gefolgt von Dortmunds Pierre-Emerick Aubameyang (13) und Augsburgs Alfred Finnbogason (11). Im Vorjahr schnappte sich Aubameyang (31) die Kanone. Eine unrunde Vorbereitung erlebten beide: Lewandowski verpasste wegen Problemen an der Patellasehne einen Großteil. Aubameyang stieg wegen der Ehrung zur „Afrikas Fußballer des Jahres“ (Platz drei) später ins Trainingslager ein. Und es gab um den Gabuner wieder Spekulationen wegen eines möglichen Wechsels nach China.

Was bleibt vom Hype um Schalkes Trainer-Entdeckung Domenico Tedesco?

Beim Tabellenzweiten und Pokal-Viertelfinalisten herrschen beste Voraussetzungen, dass es unter dem 32-jährigen Bundesliga-Novizen so schwungvoll weitergeht. Die Gelsenkirchener hatten eine Top-Vorbereitung - abgesehen davon, dass Leon Goretzka lange verletzt war. Der Nationalspieler wird im Sommer wohl zum FC Bayern wechseln. Schalke hat schon jetzt die Angreifer Marko Pjaca (Juventus Turin) und Cedric Teuchert (1. FC Nürnberg) verpflichtet. „Gerade im Offensivspiel haben wir in meinen Augen noch einmal einen Schritt nach vorne machen können“, sagte Tedesco.

Was ist vom SC Freiburg und Trainer Christian Streich zu erwarten?

Der vom „Kicker“ als „Mann des Jahres“ ausgezeichnete Coach wird sicher auch 2018 wieder so etwas wie das gesellschaftskritische Gewissen der Liga sein und sie mit seiner offen vorgetragenen Meinung bereichern. Sportlich erwartet der 52-Jährige einen „Ritt auf der Rasierklinge“ und Abstiegskampf bis zum Schluss mit seinem SC.

Wie erklären Sie die Gegentore des BVB?
Eine Erklärung hierfür ist das offensive Spielsystem unter Peter Bosz, bei dem die Dortmunder anfällig für schnelles Gegenpressing waren und damit viele Punkte liegengelassen haben. So hatten die anderen Bundesligisten den BVB-Code recht schnell entschlüsselt und konnten sich auf die Spielweise optimal einstellen.

Ein Trainerwechsel war wohl noch nie so entscheidend wie der von Bayern München. Wie spiegelt sich Jupp Heynckes in ihren Datenbanken?
Die Bilanz von Jupp Heynckes ist wahrlich überragend. 16 Spiele, 15 Siege und nur eine Niederlage bei insgesamt 39 zu 13 Toren. Das entspricht einer Siegquote von 94 Prozent. Unter Carlo Ancelotti gab es bei 10 Spielen 7 Siege, ein Unentschieden und zwei Niederlagen bei 29:14 Toren. Diese Siegquote von 70 Prozent ist für den FC Bayern deutlich zu wenig, daher musste Ancelotti gehen. Jupp Heynckes hat es ideal verstanden, aus den Bayern wieder eine erfolgreiche und siegessichere Mannschaft zu formen.

Münchens Co-Trainer Hermann: Peter, der Große

Münchens Co-Trainer Hermann

Peter, der Große

Ohne Peter Hermann hätte es das Trainer-Comeback von Jupp Heynckes beim FC Bayern nicht gegeben. Eine Millionenablöse war für den ewigen Assistenten fällig. Im Trainingslager gibt der „Co“ den Ton an.

Bayern München dominiert die Liga wieder, ansonsten kann jeder jeden schlagen. Das macht doch Prognosen zu einem Glückspiel?
Ja, Bayern München dominiert klar die Liga und ist mit Abstand das leistungsstärkste Team der Bundesliga. Dennoch kann nicht jeder jeden schlagen, denn dafür ist das Gefälle der Leistungsstärke innerhalb der Bundesliga zu groß. So gibt es sehr große Unterschiede zwischen den Spitzenteams (Schalke, Dortmund, Leipzig, Leverkusen) und den Teams am Tabellenende (Köln, Bremen, HSV, Stuttgart). Hier spielt dann der Heimvorteil und Zufall eine Rolle, so dass eine leistungsschwächere Mannschaft gelegentlich gegen einen besseren Gegner gewinnen kann.

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