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18.02.2017

18:27 Uhr

BVB gegen Wolfsburg

Das Südtribünal

VonAlexander Möthe

Borussia Dortmund hat gegen VfL Wolfsburg gewonnen – trotz leerer Südtribüne. Die Strafe des DFB ist umstritten, klare Meinungen gibt viele – leichte Antworten jedoch keine.

Die Südtribüne des Signal-Iduna-Parks ist für ein Spiel gesperrt. Die Diskussionen um die Strafe reißen nicht ab. dpa

Leere Ränge

Die Südtribüne des Signal-Iduna-Parks ist für ein Spiel gesperrt. Die Diskussionen um die Strafe reißen nicht ab.

DüsseldorfBei Borussia Dortmund will es diese Saison einfach nicht rund laufen. Der Klub habe „mehr Baustellen als eine durchschnittliche deutsche Innenstadt“, frotzelte noch am Freitag die „Sportschau“. Tatsächlich ist die Lage beim börsennotierten Traditionsverein unübersichtlicher, als es den Verantwortlichen lieb sein könnte. Sportlich droht das Saisonziel Champions-League-Qualifikation verfehlt zu werden, zuletzt setzte es eine reichlich unangenehme Niederlage bei Tabellenschlusslicht Darmstadt 98. Im laufenden Champions-League-Wettbewerb gab es noch eine eher unnötige Niederlage bei Benfica Lissabon obendrauf.

Eigentlich genau der richtige Zeitpunkt für ein Heimspiel. Für bedingungslosen Rückhalt der 80.000 Zuschauer im Dortmunder Signal-Iduna-Park, allen voran der „gelben Wand“, den 25.000 auf Südtribüne, davon 500 „Ultras“, der härteste Kern der Fanszene. Doch in der Partie gegen den VfL Wolfsburg bleibt die Tribüne einmalig leer. Es ist die Strafe des DFB-Sportgerichts für eine Vielzahl anstößiger, teils strafrechtlich relevanter Spruchbanner in der Partie Dortmund gegen RB Leipzig und Sprechchören im Auswärtsspiel bei der TSG Hoffenheim. Der Klub akzeptierte die Strafe, weniger zähneknirschend als in diesen Situationen üblich. Einen Sieg konnte der schwarz-gelbe Verein dennoch einfahren. Am Ende des Spiels stand es 3:0 für Dortmund.

Dortmund plant Spiel ohne Gelbe Wand

Hintergrund

Für Trainer Thomas Tuchel ist es ein „Monument des Weltfußballs“, für viele Fußballfans der stimmungsvollste Ort der Bundesliga. Im Spiel gegen den VfL Wolfsburg muss Borussia Dortmund auf die Unterstützung der legendären „Gelben Wand“ verzichten. Weil beim vergangenen Heimspiel der Borussia gegen RB Leipzig viele Schmähplakate zu sehen waren, muss die rund 25.000 Zuschauer fassende Südtribüne des Stadions laut DFB-Urteil für eine Partie leer bleiben.

Wie sperrt man die größte Stehplatztribüne Europas?

Die Eintrittskarten für die Tribüne sind deaktiviert. Zudem werden laut Stadion-Chef Christian Hockenjos mehr Ordner als bei anderen Bundesligaspielen eingesetzt. Sie werden zumeist an den Zugängen zur Südtribüne postiert und sollen verhindern, dass Fans trotz des Verbots auf die Südtribüne gelangen. Zudem sind temporäre Absperrungen vorgesehen. Für die restlichen Stadionbesucher gibt es keine Einschränkungen. Alle Eingänge sind geöffnet.

Wie reagiert die Polizei auf die besondere Situation?

Obwohl deutlich weniger Zuschauer im Stadion sein werden, stuft die Polizei die Partei als Risikospiel ein. Deshalb sind mehr Beamte im Einsatz. Noch ist nicht absehbar, wie sich die ausgesperrten Fans verhalten. Nach Kenntnis der Polizei und des Vereins sind bisher keine besonderen Aktionen geplant. Man wolle aber auf alle Eventualitäten vorbereitet sein, sagte ein Polizeisprecher den „Ruhr Nachrichten“ (Freitag).

Wie viele Zuschauer sind dabei?

Der Signal-Iduna-Park ist mit 56.903 Zuschauern ausverkauft. 24.454 Plätze auf der Südtribüne bleiben aufgrund des DFB-Urteils frei. 1700 Fans kommen aus Wolfsburg. Weil die Gäste nicht das komplette Kartenkontingent abgerufen haben, gingen die restlichen Tickets an BVB-Anhänger – allerdings schon vor dem DFB-Urteil am vorigen Montag. Nicht auszuschließen, dass auch etatmäßige Süd-Besucher diese Möglichkeit im Nachhinein nutzten, um an Karten für das Spiel zu kommen.

Welche Entschädigung gibt es für die Fans von der Südtribüne?

Der BVB erstattet allen Fans, die erwiesenermaßen nicht zu den Tätern der Vorkommnisse rund um das Leipzig-Spiel gehören, den Eintrittskarten-Preis. Dauerkarteninhabern wird innerhalb der nächsten Wochen der anteilige Betrag erstattet. Tageskartenkäufer erhalten eine Karte für das letzte Bundesliga-Heimspiel dieser Saison am 20. Mai gegen Werder Bremen.

Gibt es auch Profiteure?

Die Gastronomen dürften von der Sperrung der Südtribüne profitieren. So wollen viele Fanclubs von außerhalb der Stadt, die ihre Busse längst gebucht hatten, trotz des Verbots anreisen und sich das Spiel in einer der vielen Gaststätten vor Ort ansehen. Nutznießer könnten auch die Wolfsburger Profis sein. „Falls es jemals einen guten Zeitpunkt gab, in Dortmund zu spielen, dann ist dieser vielleicht jetzt“, sagte VfL-Trainer Valérien Ismaël.

Bei Fans und Kommentatoren sind die Angriffe auf die Leipziger Fans vor zwei Wochen immer noch Thema. Die außerhalb des Stadions erfolgten tätlichen Angriffe wurden durchweg verurteilt, Fans und Verein distanzierten sich kollektiv. Die Angriffe liegen außerhalb der Zuständigkeit der Sportgerichtsbarkeit, die folglich das Betragen im Stadion, darunter Aufforderungen zum Suizid, beurteilt hat. Bei vielen Medien, darunter dem Handelsblatt, gab es Zustimmung für das Urteil. Manche Kommentatoren taten sich allerdings schwer damit, die Sachverhalte auseinander zu halten. Und forderten schon im Vorfeld drakonische Strafen.

Die ausgesperrten Fans, die vom Verein den Dauerkartenpreis anteilig erstattet bekommen, wehren sich allerdings gegen die Kollektivbestrafung von 25.000 Personen. 11Freunde-Chefredakteur Philipp Köster sprach in seiner Kolumne bei N-TV von einer „hysterischen und kenntnisfreien Debatte“. Wie auch immer der Einzelne zur Entscheidung steht, den BVB für die verbalen Entgleisungen im Stadion zu bestrafen, das Urteil wirft ein Schlaglicht auf die Ultraszene und deren Rolle im Profifußball. Dortmund ist nur ein Beispiel von vielen, die die Schwierigkeiten vor allem im Umgang zwischen DFB, DFL und Fans, aber zunehmend auch zwischen Vereinen und Anhängern illustrieren.

Borussia Dortmund: Rote Karte für die gelbe Wand

Borussia Dortmund

Rote Karte für die gelbe Wand

Der Deutsche Fußball-Bund sperrt die Dortmunder Südtribüne für ein Heimspiel. Überzogen? Nein. Genau richtig. Denn es ist ein Zeichen für Fairness – und gegen die Eskalation unter den Fans. Ein Kommentar.

Die Szene über den sprichwörtlichen Kamm zu scheren, hilft dabei nicht im Geringsten, die unübersichtliche Gemengelage aufzuklären. Der Großteil der Anhängerschaften und auch der stark engagierten „Ultras“ ist heterogen. Es gibt linke Gruppen, rechte Gruppen, grundsätzlich friedliche Gruppen, gewaltbereite Gruppen, Gruppen, die Pyrotechnik befürworten, Gruppen, die sie ablehnen, Fans, die gar keine Gruppe angehören – Pauschalisierungen treffen niemals mitten ins Schwarze. Oft genug kommt es auch zu Reibereien innerhalb der Fanblöcke. Das kann zum Beispiel wegen brisanter Themen wie Politik im Stadion sein. Handgreifliche Streitigkeiten entzünden sich aber auch an völlig banalen Themen wie der Auswahl der angestimmten Fangesänge.

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