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12.04.2017

21:19 Uhr

Champions League

Borussia Dortmund verliert trotz starker Leistung

Einen Tag nach dem Anschlag auf den BVB-Mannschaftsbus verliert Borussia Dortmund das Hinspiel im Champions League-Viertelfinale gegen Monaco mit 2:3. Die Teams zeigten trotz der widrigen Umstände ein starkes Spiel.

Trotz einer starken Leistung verliert die Borussia ihr Heim-Hinspiel und muss im Champions League-Viertelfinale ums Weiterkommen bangen. AP

Borussia Dortmund - AS Monaco 2:3

Trotz einer starken Leistung verliert die Borussia ihr Heim-Hinspiel und muss im Champions League-Viertelfinale ums Weiterkommen bangen.

DortmundGeschockt vom Terror-Akt muss Borussia Dortmund auch nach einer emotionalen Trotzreaktion das Aus im Champions-League-Viertelfinale befürchten. Nach einer couragierten Vorstellung kassierte der BVB gut 24 Stunden nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus in einem psychisch extrem schwierigen Spiel am Mittwoch ein 2:3 (0:2) gegen den starken französischen Spitzenreiter AS Monaco und brauch damit im Rückspiel am 19. April einen Sieg mit zwei Toren Differenz. Trotzdem zeigten die BVB-Profis nach den schlimmen Ereignissen eine beeindruckende Energieleistung.

Schon in der ersten Halbzeit gerieten die Dortmunder vor 65.849 Zuschauern trotz großem Engagement nach einem – allerdings irregulären – Treffer von Kylian Mbappé (19.) sowie einem Eigentor von Sven Bender (35.) auf die Verliererstraße. Dazu vergaben die Monegassen noch einen Foulelfmeter durch Fabinho (17.).

Nach dem Seitenwechsel schöpften die Schwarz-Gelben durch ein Tor von Ousmane Dembélé noch einmal Hoffnung (57.), ehe Mbappé erneut zuschlug (79.). Shinji Kagawa konnte für die Gastgeber noch einmal verkürzen (84.).

„Wir spielen heute nicht nur für uns. Wir spielen für alle. Egal, ob Borusse, Bayer oder Schalker. Wir wollen zeigen, dass Terror und Hass unser Handeln niemals bestimmen dürfen“, hatte BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke die Mannschaft auf das Spiel noch eingeschworen.

+++ Liveblog zur Attacke in Dortmund +++: BVB verliert 2:3 gegen Monaco

+++ Liveblog zur Attacke in Dortmund +++

BVB verliert 2:3 gegen Monaco

Nach dem Sprengstoffanschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund sind zwei mutmaßliche Islamisten in den Fokus der Ermittler gerückt. Einer der beiden wurde festgenommen. Der BVB verlor das Hinspiel am Abend.

Er wisse, dass es für die Spieler extrem schwer sei, einen Vorwurf werde ihnen aber niemand machen. Watzke saß auf der Tribüne neben reichlich Prominenz wie Innenminister Thomas de Maizière, NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft oder DFB-Boss Reinhard Grindel. „Wir wollen, dass solche Spiele stattfinden, wir wollen dem Terror nicht weichen“, sagte de Maizière dem TV-Sender Sky.

Watzke hatte die frühe Neuansetzung des Spiels vor dem Anpfiff begrüßt „Ich bin der Mannschaft unheimlich dankbar, dass sie sich zur Verfügung stellt“, sagte der Borussia-Geschäftsführer dem TV-Sender Sky am Mittwoch kurz vor Anpfiff des Viertelfinal-Hinspiels. „Das Wichtigste ist, dass die Demokratie und unsere freiheitliche Grundordnung auf dem Prüfstand steht und die müssen wir stärken. Da leistet die Mannschaft einen weltweit beachteten Beitrag“, fügte Watzke hinzu.

BVB-Trainer Thomas Tuchel zeigte sich weniger erfreut. „Wir hätten uns mehr Zeit gewünscht, damit umzugehen“, sagte der Coach am Mittwochabend im TV-Sender Sky.

In Nyon sei entschieden worden, „wird gleich noch gespielt oder wird am nächsten Tag gespielt, ohne dass das Ausmaß irgendwie klar war“, sagte Tuchel weiter und kritisierte damit auch die Europäische Fußball-Union UEFA. „So ist es ein etwas ohnmächtiges Gefühl.“ Man müsse vor allem den Spielern zugestehen, „heute mit einem mulmigen Gefühl in den Bus zu steigen“. Mit der Anstoßzeit und der Vorgeschichte fühle sich „das nicht wie ein Champions-League-Feiertag an“.

Der Anschlag auf den BVB und das rätselhafte Islamisten-Schreiben

Ein ungewöhnlicher Tatort

Nach der Detonation von drei mit Metallstiften gespickten Sprengsätzen nahe dem BVB-Mannschaftsbus findet die Polizei drei gleichlautende Bekennerschreiben mit islamistischem Inhalt, der Generalbundesanwalt vermutet einen terroristischen Hintergrund. Es gibt zwei Verdächtige und eine Festnahme, doch auch eine Reihe von Ungereimtheiten. Wichtige Fragen und Antworten.

Steht schon fest, dass Islamisten oder die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hinter dem Anschlag stehen?

Keineswegs. Die Polizeibehörden gehen zahlreichen Tathypothesen nach. Neben dem islamistisch-salafistischen Hintergrund wollen sie am Mittwoch nicht ausschließen, dass es ganz andere Motive gibt. Die Spannbreite reicht von gewaltbereiten Fußballfans über Rechtsextreme oder auch Erpresser. Aus Sicherheitskreisen wird zur Zurückhaltung gemahnt: Dass die Festgenommenen tatsächlich mit dem BVB-Anschlag zu tun haben, sei noch keineswegs bewiesen.

Bei einem in der Nacht im Internet verbreiteten zweiten Bekennerschreiben bestehen laut der Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe „erhebliche Zweifel an der Echtheit“. In dem Schreiben war ein linksextremistischer Hintergrund behauptet worden.

Was ist so ungewöhnlich an den am Tatort hinterlassenen Bekennerschreiben?

Viel. Ermittler merken schon deswegen auf, weil überhaupt solche Schreiben zurückgelassen wurden. Das ist untypisch für Anschläge, die womöglich mit dem Islamischen Staat zusammenhängen. Bei jüngsten Attentaten wie dem Berliner Weihnachtsmarkt-Anschlag von Anis Amri mit zwölf Toten hat es das nicht gegeben. Üblich war bislang, dass das IS-Sprachrohr Amak Tage später ein Video-Bekenntnis ins Internet stellt.

Was könnten die Ermittler aus dem Schreiben noch herauslesen?

In Sicherheitskreisen wird von einem für Islamisten generell untypischen Vorgehen gesprochen. So gebe es auf dem Schreiben keinerlei IS-Symbole wie etwa die typische Fahne, die sonst oft zu finden ist. Der oder die Täter hätten keine der beliebten IS-Insignien hinterlassen.

Das Bekennerschreiben wurde in gleich dreifacher Ausfertigung gefunden. Warum?

Auch darüber rätseln die Ermittler. Ein solches Vorgehen gilt ebenfalls als nicht szene-typisch. Dass der oder die mutmaßlichen Täter ihren Zettel mit dem angeblichen Bekenntnis gleich drei Mal im Umkreis des Anschlagsorts ausgelegt haben, deute darauf hin, dass sie unbedingt wollten, dass er schnell gefunden wird. Warum, ist unklar.

Was sagen die Rechtschreibfehler im Bekennerschreiben aus?

Das Schreiben ist auf deutsch formuliert. Die 15 Zeilen enthalten einige Rechtschreibfehler - die Ermittler sind von Bekennerbriefen aus diesen Kreisen jedoch eigentlich weit mehr Fehler gewohnt. Zudem ungewöhnlich sei es auch, welche Rechtschreibfehler gemacht wurden. So habe der Verfasser schwierige Wörter richtig geschrieben, dafür aber ziemlich simple Fehler etwa bei der Groß- und Kleinschreibung gemacht.

Auch die Wortwahl dürfte manchen Ermittler zu denken geben. So werde die in dem Schreiben verwendete Bezeichnung „Untertan“ in der Islamisten-Szene eigentlich nicht benutzt, heißt es.

Wie gehen die Ermittler vor?

Nach Angaben der Sprecherin des Generalbundesanwalts, Frauke Köhler, sind die Wohnungen von zwei verdächtigen Islamisten durchsucht worden. In der Regel beschlagnahmt die Polizei in solchen Fällen Computer und Mobil-Telefone. Sie werden dann auf Verbindungen zu Kontaktleuten des Islamischen Staats in Syrien oder zu anderen Islamisten in Deutschland und Europa ausgewertet. So sollen auch mögliche Netzwerke aufgedeckt werden. Das dürften die Sicherheitsbehörden auch in diesem Fall so gemacht haben.

Werden jetzt die Überwachungsmaßnahmen gegen Islamisten verstärkt?

Üblicherweise klopfen Anti-Terror-Ermittler nach Terrordrohungen oder Anschlägen zunächst jene Verdächtigen in der Islamisten-Szene ab, die sie sowieso schon auf dem Schirm haben. Etliche sogenannte Gefährder, von denen die Behörden glauben, dass sie jederzeit einen Anschlag begehen können, werden routinemäßig abgehört, deren Internet-Kommunikation wird überwacht. In einem akuten Fall wie in Dortmund schalten sich die Ermittler dann gerne auch „live“ in die Überwachung ein. Sie wollen sehen, ob es Bewegung in der Szene gibt. Das dürfte auch jetzt der Fall sein.

Die UEFA hatte indes bereits am Dienstagabend von einer gemeinsamen Entscheidung mit beiden Vereinen und Behörden gesprochen. „Die Anstoßzeit wurde aus logistischen Gründen gewählt, auch damit der AS Monaco noch am selben Abend nach Hause reisen kann, um die Vorbereitung auf sein Ligaspiel am Wochenende nicht zu beeinträchtigen“, sagte ein UEFA-Sprecher am Mittwoch der „Rheinischen Post“ als Reaktion auf Tuchels Kritik.

Im Stadion wurde es dann noch vor Anpfiff emotional. Die Kult-Hymne „You'll never walk alone“ wurde vor dem Anpfiff von den Rängen noch etwas lauter gesungen, dazu hatten die Fans auf der Südtribüne in einer riesengroßen Choreographie ein überdimensionales BVB erzeugt. Vom Anpfiff weg wurde die Dortmunder Mannschaft frenetisch angefeuert. Vor dem Fernseher fieberte Marc Bartra mit, der Spanier war bei dem Anschlag mit drei Sprengsätzen am Dienstag an der Hand und am Arm scher verletzt und bereits operiert worden.

Und es begann zunächst gar nicht schlecht. Von Verunsicherung war zunächst nichts zu sehen. Die Dortmunder ließen den Ball in ihren Reihen zirkulieren und suchten den Weg zum Tor der Gäste. Dabei hatte Torjäger Pierre-Emerick Aubameyang gleich die Chance zur Führung. Nach feinem Zuspiel von Lukasz Piszczek setzte der Gabuner den Ball knapp über das Tor (11.).

Mit zunehmender Spieldauer zeigte der französische Spitzenreiter aber, dass er ein exzellentes Angriffsspiel vorweisen kann. So konnte Sokratis seinen Gegenspieler Mbappé nur mit einem Foul stoppen, den fälligen Elfmeter setzte Fabinho aber neben das Tor. Doch nur zwei Minuten später war es passiert: Monaco, das in der Liga schon 88 Tore produziert hat, konterte den BVB über Bernardo Silva und Lemar eiskalt aus. Doch Torschütze Mbappé stand eigentlich im Abseits. Und es kam noch schlimmer: Nach einer Flanke von Andrea Raggi setzt Bender den Ball per Kopf ins eigene Tor. Es waren zwei Wirkungstreffer, die den BVB bis zur Pause beschäftigten.

Nach dem Seitenwechsel kam die Mannschaft von Thomas Tuchel allerdings mit frischen Kräften (Nuri Sahin und Christian Pulisic) und neuem Mut aus der Kabine. Und die Chancen ließen auch nicht auf sich warten. Dembélé setzte erst einen Freistoß neben das Tor (47.), dann wird sein Schuss aus kurzer Entfernung abgeblockt (53.). Im dritten Anlauf gelingt dem Flügelstürmer aber das Tor. Diesmal musste er den Ball nur noch über die Linie drücken, nachdem er von Aubameyang und Shinji Kagawa in Szene gesetzt wurde.

In der Folgezeit drängte der BVB weiter, war aber auch anfällig für Konter. Einen davon nutzte erneut Mbappé. Doch die Tuchel-Elf kam noch einmal durch Kagawa zurück. So entwickelte sich eine hochspannende Schlussphase – zwar mit dem besseren Ende für die Monegassen, aber Dortmund wahrte durch den Anschluss seine Chancen. Im Fürstentum braucht die Elf von Trainer Thomas Tuchel´nun einen Sieg.

Vor dem Stadion hatte die Polizei mit deutlich erhöhtem Aufgebot auf die Vorkommnisse vom Vortag reagiert, auch die Einlasskontrollen wurden verschärft. Nach dem Spielende sperrte die zeitweise Ausgänge, um verdächtige Gegenstände im Stadion zu überprüfen. Beamten waren zwei Rucksäcke und ein Roller aufgefallen, wie die Dortmunder Polizei am Abend twitterte. Spezialisten gaben dann nach kurzer Zeit aber Entwarnung.

Von

dpa

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