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16.05.2012

10:06 Uhr

Contra Wiederholung

Die Hertha trägt auch selbst Schuld

VonThorsten Giersch

Die Relegation haben nicht die auf den Rasen stürmenden Fortuna-Fans entschieden. Die Hertha hat ihre Chance auf den Verbleib in der Bundesliga im Spiel nicht genutzt.

Thorsten Giersch

Thorsten Giersch leitet die Redaktion von Handelsblatt Live.

DüsseldorfSollte das Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC Berlin wiederholt werden? Die Frage ist berechtigt, denn es spricht grundsätzlich einiges dafür. Aber meine Antwort lautet dennoch nein.

Denn man darf diese hässliche Aktion hunderte Rabauken nicht isoliert betrachten. Wäre vorher nichts anderes Auffälliges passiert - dann könnte man ernsthaft über eine Wiederholung nachdenken trotz der Irrsinnigkeit aus sportlicher Sicht. Aber die Hertha-Fans waren eben kein Stück besser, daher darf man nicht Fortuna Düsseldorf die Alleinschuld an diesen unfassbaren Vorkommnissen geben.

Erstens kam die Situation, also die extrem lange Nachspielzeit, wegen Ausschreitungen im Hertha-Block zustande. Die Partie musste unterbrochen werden, weil Berliner Anhänger nach dem 2:1 für die Fortuna dutzende Raketen auf das Spielfeld geschossen haben.

Eindeutig galt die Warnung: Beim nächsten Mal wird das Spiel abgebrochen. Und es gab ein nächstes Mal. Es gab weitere Raketen und Riesenböller aus dem Hertha-Block. Schiedsrichter Stark ließ Gnade vor Recht ergehen.

Wer die Wiederholung des Spiels fordert, also dem Schiedsrichter vorwirft, das Spiel nicht abgebrochen zu haben, der sollte das beachten. Er hätte das Spiel zweimal abbrechen können/sollen/müssen - je nach Wertung: Mitte der zweiten Halbzeit wegen den Hertha-Fans und am Ende wegen den Anhängern der Fortuna.

Von einer Wiederholung würde natürlich nur die Hertha profitieren. Dabei haben ihre Anhängern den ersten potenziellen Spielabbruch provoziert. Hätte er die Partie – wie angedroht – an dieser Stelle beendet, wären Hertha „Schuld“ gewesen und sicher nicht mit einem Rückspiel unter sportlich deutlich besseren Bedingungen belohnt worden.

So kam es wegen der Hertha-Fans zur langen Nachspielzeit und den Geschehnissen, für die sich Fortuna Düsseldorf schämen muss. Doch zu verhindern sind solche Dinge eben auch nicht. Und wer sieht, mit wie viel Herz und Risiko sich Spieler und Offizielle gegen die Rabauken stemmten, der muss zugeben, dass der Verein alles getan hat, um das Chaos einzudämmen.

Wie oft wurden schon Spieler zum Beispiel von Wurfgeschossen verletzt, ohne dass ein Spiel wiederholt wurde? Und in diesem Fall war dies ja nicht einmal der Fall. Das soll nichts verharmlosen oder die gefühlte Gefahr für Herthas Spieler kleinreden. Aber in der heutigen Fußballwelt muss man eben Kompromisse machen: Es ist organisatorisch schlicht unmöglich, die Partie zu wiederholen - allein schon wegen der Planungen für die neue Saison und der Europameisterschaft, wo einiger der Spieler gebraucht werden.

Auf- und Absteiger der Saison

1. FC Köln
  • Lizenzspieler-Etat 2011/12: 33 Millionen Euro
  • Lizenzspieler-Etat 2012/13: 20 Millionen Euro
  • Platz in der abgelaufenen Saison: 17 (1. Liga)
  • Zuschauerschnitt Hinrunde 2011/12: 46.244
  • Bundesweites Interesse am Verein: 30 Prozent
Hertha BSC
  • Lizenzspieler-Etat 2011/12: 24,5 Millionen Euro
  • Lizenzspieler-Etat 2012/13: nicht bekannt
  • Platz in der abgelaufenen Saison: 16 (1. Liga), Abstieg (Relegation), noch nicht offiziell
  • Zuschauerschnitt Hinrunde 2011/12: 53.221
  • Bundesweites Interesse am Verein: 25 Prozent
1. FC Kaiserslautern
  • Lizenzspieler-Etat 2011/12: 16,5 Millionen Euro
  • Lizenzspieler-Etat 2012/13: 10 Millionen Euro
  • Platz in der abgelaufenen Saison: 18 (1. Liga)
  • Zuschauerschnitt Hinrunde 2011/12: 42.272
  • Bundesweites Interesse am Verein: 24 Prozent
SpVgg Greuther Fürth
  • Lizenzspieler-Etat 2011/12: 7,1 Millionen Euro
  • Lizenzspieler-Etat 2012/13: 12 Millionen Euro
  • Platz in der abgelaufenen Saison: 1 (2. Liga)
  • Zuschauerschnitt Hinrunde 2011/12: 9948
  • Bundesweites Interesse am Verein: 14 Prozent
Eintracht Frankfurt
  • Lizenzspieler-Etat 2011/12: 20 Millionen Euro
  • Lizenzspieler-Etat 2012/13: 24,5 Millionen Euro
  • Platz in der abgelaufenen Saison: 2 (2. Liga)
  • Zuschauerschnitt Hinrunde 2011/12: 35.256
  • Bundesweites Interesse am Verein: 25 Prozent
Fortuna Düsseldorf
  • Lizenzspieler-Etat 2011/12: 6,9 Millionen Euro
  • Lizenzspieler-Etat 2012/13: unbekannt
  • Platz in der abgelaufenen Saison: 3 (2. Liga), Aufstieg (Relegation), noch nicht offiziell
  • Zuschauerschnitt Hinrunde 2011/12: 27.720
  • Bundesweites Interesse am Verein: 17 Prozent

Nun fragen wir mal nach der Moral: Wäre eine Spielwiederholung denn wirklich gerecht? Nein, definitiv nicht. Wem hat die 20-minütige Pause aus sportlicher Sicht eigentlich mehr geschadet? Meine Meinung: Wie schon die erste Unterbrechung nach rund einer Stunde ging auch diese eher zulasten der Gastgeber als der Hertha-Spieler.

Bei den Düsseldorfern hat sich doch das Nervenflattern potenziert. Hier kamen doch die Gedanken „wenn wir das noch vergeigen …“. Und hat die erste, von Herthas Fans provozierte Pause, der Fortuna nicht auch geschadet. Hättet sie die deutlich angeschlagenen Berliner nach dem 2:1 nicht viel mehr zugesetzt und mit dem 3:1 ausgeknockt ohne die Unterbrechung? Mein weiß es nicht, aber diese Variante ist wahrscheinlicher, als das Hertha in den letzten 90 Sekunden ohne Fortunas verrückte Fans besser ausgesehen hätte.

Berlin hatte rund 200 Minuten Zeit gehabt, um dem Spiel einen Stempel aufzudrücken - und es nicht geschafft.

Pro Wiederholung: Ein fatales Signal für den Fußball

Pro Wiederholung

Ein fatales Signal für den Fußball

Das Relegationsspiel zwischen Berlin und Düsseldorf muss wiederholt werden.

Kommentare (32)

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Sven

16.05.2012, 10:21 Uhr

"Warum soll es plötzlich an 90 Sekunden gelegen haben?"

Weil es Fußball ist und 90 Sekunden immer noch ausreichen auch wenn man davor nicht "auf dem Platz war". Siehe zuletzt die Englische Liga.

Ihrem Kommentar kann ich zwar folgen, finde aber, dass Ihr Kollegen (Pro Wiederholung) die klar besseren Argumente hat.

MirkoSteinke

16.05.2012, 10:49 Uhr

Also der Kommentar ist einfach nur schlecht. Traurig, dass das Handelsblatt einen so wenig durchdachten Kommentar überhaupt auf die Seite nimmt. Ist der junge Mann noch im Praktikum? Sportlich hat Düsseldorf die erste Liga genauso verdient, wie Hertha die zweite Liga. Aber darum geht es hier nicht. Die Argumente Ihres Kollegen sind weitaus schlüssiger. Die Verantwortlichen aus Düsseldorf haben es versäumt für Sicherheit zu sorgen. So einfältig, wenn man dadurch die erste Liga verpasst.

Account gelöscht!

16.05.2012, 10:53 Uhr

Recht und Gerechtigkeit sind in unserem Rechtssystem zwei verschiedene Seiten, die man eben nicht vermengen darf. Das Recht beruht nun mal auf Gesetze und Regeln, an die sich alle ohne Ausnahme zu halten haben - das gilt außerhalb aber um so mehr im Stadion. Wenn man der Massenpsychose ein kleines Türchen öffnet ist sie nicht mehr beherrschbar. Deshalb meine ich: wehret den Anfängen im Interesse auch des Sports. Das es anders geht, hat ja das DFB-Pokalfinale in Berlin gezeigt, trotz euphorischer Dortmunder.

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