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08.07.2015

10:44 Uhr

Der 7:1-Sieg

Die Mutter aller Fußballspiele

VonThorsten Giersch

8. Juli 2014: Die deutsche Elf gewann mit 7:1 im Halbfinale der WM gegen Brasilien. Die magischen Momente kann man nicht festhalten. Als Ersatz eignet sich ein Buch über das größte Spiel der deutschen Fußballgeschichte.

„Super Expres“ (Polen): „Das WM-Halbfinale Brasilien-Deutschland schreibt sich mit Sicherheit in die Geschichte ein. Die Mannschaft von Joachim Löw zertrümmerte die "Canarinhos" 1:7!“ AFP

„Super Expres“ (Polen): „Das WM-Halbfinale Brasilien-Deutschland schreibt sich mit Sicherheit in die Geschichte ein. Die Mannschaft von Joachim Löw zertrümmerte die "Canarinhos" 1:7!“

DüsseldorfWissen Sie noch, wo Sie am 8. Juli 2014 waren? Wo sie dieses Fußballspiel geguckt haben, dass diesen Sport veränderte? Ich habe eine Ahnung: Sie wissen es noch. Ich war in einem irischen Pub im Herzen Düsseldorfs. Mir und meinen Freunden ging es als „echten“ Fußballfans darum, an einem Ort zu schauen, wo es nicht zu viele Vier-Wochen-Anhänger gab, die diesen Sport nur bedingt verstehen und zu viel Blödsinn durch die Gegend schreien.

Die Kneipe war dem Anlass angemessen. Das 7:1 der deutschen Nationalmannschaft gegen Brasilien im Halbfinale der Fußballweltmeisterschaft 2014 war nicht nur wegen des Ergebnisses ein Jahrhundertspiel. Oder weil es der Meilenstein war auf dem Weg zum WM-Pokal. Es war wichtig. Und es war dem FAZ-Sportredakteur Christian Eichler so wichtig, dass er dieses Spiel festgehalten hat – er brachte in seinem Buch „7:1 – Das Jahrhundertspiel“ bewegte Bilder zu Papier.

WM der Rekorde: Diese Bestmarken wurden geknackt

Joker der WM

Von wegen Ergänzungsspieler! Mit 32 Toren trumpfen die Joker bei dieser Weltmeisterschaft groß auf. Die bisherige Bestmarke von 23 Treffern (2006 in Deutschland) wurde schon in der Gruppenphase geknackt. Top-Joker ist André Schürrle, der im Achtelfinale gegen Algerien von der Bank kam und traf und beim 7:1 gegen Brasilien im Halbfinale als Einwechselspieler zwei weitere Treffer draufsetzte. Und natürlich Mario Götze, der den Siegtreffer im Finale schaffte.


Paraden-König

Tim Howard stemmte sich mit aller Macht gegen das Aus im Achtelfinale, der Torhüter der USA wuchs über sich hinaus. Am Ende reichte eine Weltklasse-Vorstellung des Schlussmanns gegen Belgien aber nicht, ein 1:2 nach Verlängerung beendete das Turnier der Amerikaner. Howard aber verewigte sich mit 16 gehaltenen Torschüssen in den WM-Annalen - so viele Paraden zeigte bislang noch kein Keeper.


Ältester Spieler

Die Fans feierten ihn mit Sprechgesängen, gerührt streichelte Faryd Mondragon nach dem Abpfiff den Spielball. Der kolumbianische Torhüter wurde durch seinen Einsatz in den letzten Minuten des 4:1-Siegs gegen Japan zum ältesten Spieler der WM-Historie. 43 Jahre und drei Tage alt war der frühere Kölner am Tag seines letzten Länderspiels. Er löste Kameruns Roger Milla als Rekordhalter ab.


Schiedsrichter

Auf usbekische Fußballer können Fans bei der WM noch lange warten - ein Schiedsrichter aus dem zentralasiatischen Land hat sich in Brasilien aber bereits in die Geschichtsbücher gepfiffen. Ravshan Irmatov leitete beim Viertelfinale Niederlande gegen Costa Rica (4:3 n.E.) seine neunte WM-Partie. Das schaffte vor dem erst 36-Jährigen, der 2010 fünf und 2014 vier Matches leitete, kein anderer Referee.

Höchstes Schützenfest

7:1! In einem Halbfinale! Mit ihrem berauschenden Auftritt gegen Brasilien hat die deutsche Mannschaft den höchsten Erfolg in einem WM-Vorschlussrundenmatch gefeiert. Das Ergebnis mutet wie aus einer anderen Zeit an. Ein anderes Extrem gab es im Match zwischen Argentinien und den Niederlanden: Das 0:0 nach 120 Minuten war das erste torlose Halbfinale überhaupt in der WM-Geschichte.

WM-Torschützenkönig

Miroslav Kloses weltmeisterliche Torejagd begann 2002 mit einem Dreierpack beim 8:0 gegen Saudi-Arabien. Sein Treffer beim noch famoseren 7:1-Kantersieg im Halbfinale gegen Brasilien katapultierte den Stürmer an die Spitze der ewigen WM-Torschützenliste. Mit nun 16 Toren ließ er Ronaldo (15) hinter sich.

TV-Quoten-Rekord

Wenn Deutschland spielt, sitzen die Deutschen vor dem Fernseher - und wie! Durchschnittlich 32,57 Millionen Menschen sahen sich das Halbfinale gegen Brasilien im ZDF an, noch nie hatte ein TV-Ereignis so viele Zuschauer. Die Reichweite entsprach einem Marktanteil von 87,8 Prozent - und dabei sind die Millionen Fans bei den Public Viewings und die Zuschauer der Internet-Streams nicht eingerechnet.

Twitter-Rekord

Die WM findet nicht nur in den Stadien Brasiliens und auf den TV-Bildschirmen statt - diskutiert wird auch in den sozialen Netzwerken weltweit. Das deutsche Halbfinale gegen die Gastgeber bescherte Twitter eine neue Bestmarke: 35,6 Millionen Tweets wurden während der Partie abgesetzt, die damit das bis dahin meisterwähnte Sportereignis seit Bestehen des Kurznachrichtendienstes ist.

Schnellster Viererpack

Den Grundstein zum legendären Halbfinal-Erfolg in Belo Horizonte legten die deutschen Kicker mit den vier Toren von Klose, Kroos und Khedira innerhalb von rund 6:40 Minuten. Einen derart schnellen Viererpack gab es noch nie bei einer WM. Die Ungarn brauchten 1982 gegen El Salvador (10:1) ebenso wie die Österreicher 1954 gegen die Schweiz (7:5) für vier Tore sieben Minuten.

Das Buch ist aus mehreren Gründen enorm lesenswert: Erstens, weil die Partie ein wunderbares Erlebnis war, das heute noch Glücksgefühle auslöst. „Ein Spiel wie keines, das man je sah. Und, in Anbetracht dessen, dass es 84 WM-Jahre brauchte, um ein solches Spiel zu produzieren: eines, wie man es allen realistischen Erwartungen nach nicht noch einmal erleben wird.“, schreibt Eichler. Es geht hier nicht nur um das Ergebnis.

Die „Jahrhundertleistung“ war „ein Meisterwerk des modernen Fußballs“, eine gewaltige Leistung des Kollektivs, die perfekte Mischung aus emotionalem und rationalem Fußball. Die deutsche Elf war ein vernetztes Gesamtkunstwerk. Vernetzt, das Wort der modernen Wirtschaft, der digitalen Revolution, ist auch die prägende Beschreibung für den Fußball geworden.

Aber viel wichtiger ist zweitens: Weil gerade junge Menschen aus dem Spiel Wesentliches lernen können: Gute Vorbereitung wird belohnt. Teamgeist wird belohnt. Erfolgreich ist, wer Ordnung mit Kreativität paart; wer nicht Perfektion erzwingt, aber sich ihr annähern will.

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