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12.04.2015

16:22 Uhr

Der HSV und die Trainerfrage

Wie Tuchel den Hamburgern die Sinne vernebelt

VonLucas Fuhr

Beim Hamburger SV hat sich in dieser Saison viel geändert – nur nicht auf dem Platz. Jetzt beschäftigt den Klub allerdings die Trainerfrage mehr als der Abstiegskampf. Es droht nicht weniger als der Tod des „Dinos“.

Geht der Wunsch-Trainer mit dem HSV auch in Liga zwei? dpa

Geht der Wunsch-Trainer mit dem HSV auch in Liga zwei?

Kommt er? Kommt er nicht? Ganz Hamburg beschäftigt derzeit vor allem eine Thema: Wird Thomas Tuchel neuer Trainer des Hamburger SV? Unter der Woche sahen sich Tuchel selbst und der Verein bereits genötigt, eine Meldung der „Sky Sport News“ zu dementieren. Der Sender hatte vermeldet, dass die Verpflichtung des derzeit begehrtesten deutschen Trainers durch den HSV zur neuen Saison bereits perfekt wäre.

Der entscheidende Teil der Meldung allerdings lautete: „Auch im Abstiegsfall.“ Denn der HSV hat im Moment eigentlich ganz andere Sorgen als sich zu fragen, wer den Verein wohl in der nächsten Spielzeit trainiert. Seit diesem Spieltag steht der Klub auf einem direkten Abstiegsplatz. Und das, selbst die eingefleischten Anhänger dürften hier kaum widersprechen, auch noch vollkommen verdient. Wer dem Hamburger SV in diesen Tagen bei seinen Versuchen zusieht, den ersten Abstieg der Klubgeschichte zu vermeiden, der könnte glauben, bei dem Verein habe sich im Vergleich zur letzten Saison rein gar nichts verändert.

0:2 gegen Wolfsburg: Kopfloser Hamburger SV rutscht weiter ab

0:2 gegen Wolfsburg

Kopfloser Hamburger SV rutscht weiter ab

Die Abstiegsangst beim Hamburger SV wächst: Beim Heimdebüt von Trainer Peter Knäbel unterlagen die Hanseaten dem abgezockten Tabellenzweiten VfL Wolfsburg mit 0:2 – blankes Entsetzen an der Elbe.

Dabei ist bei dem Gründungsmitglied der Bundesliga eigentlich nichts mehr so, wie noch in der vergangenen Saison – der Hamburger Sport Verein ist nicht einmal mehr ein Verein. Auf der größten Mitgliederversammlung der Klubgeschichte votierten im Sommer 86,9 Prozent der Stimmberechtigten für die Ausgliederung der Profi-Fußballabteilung in eine Lizenzspieler AG.

Der Großteil der angereisten Fans hatte genug von der Führung des Klubs, insbesondere vom aufgeblähten und zerstrittenen Aufsichtsrat, der immer wieder im operativen Geschäft mitmischte und -redete. Und dessen Personalentscheidungen binnen drei Saisons aus einem anerkannten Bewerber für das internationale Geschäft einen Abstiegskandidaten geformt hatten, dessen Klassenerhalt mit unglaublichen 27 Punkten und ohne Sieg in der Relegation sogar die eigenen Anhänger kaum glauben konnten.

Der 28. Spieltag im Überblick

Hannover 96 - Hertha BSC 1:1 (0:0)

Nach Christian Schulz' Führungstreffer in der 75. Minute ist der erste Sieg seit vier Monaten ganz nah. Die in der in der zweiten Hälfte passiven Berliner raffen sich nach dem Rückstand aber nochmal auf und erzwingen das 1:1 durch Stocker (83.). Hannover hat zwar bis auf eine Phase Mitte des ersten Durchgangs mehr vom Spiel, kommt aber nur zu wenig guten Chancen. Die beste Gelegenheit ist Stindls Pfostenschuss in der 50. Minute. Insgesamt geht das Unentschieden in Ordnung.

Bayern München - Eintracht Frankfurt 3:0 (1:0)

Vorneweg marschierte Doppel-Torschütze Robert Lewandowski in die Fankurve und genoss mit seinen Teamkollegen den Jubel der Fans. Trotz einer langen Ausfallliste hat der FC Bayern vor dem Champions-League-Viertelfinale seine Pflicht in der Fußball-Bundesliga mit bemerkenswerter Souveränität erfüllt. Der herausragende Lewandowski (15./66. Minute) mit seinen Saisontoren 15 und 16 sowie Thomas Müller (82.) sorgten für einen hochverdienten Heimerfolg gegen Eintracht Frankfurt. Mit dem 22. Saisonsieg gegen harmlose Hessen machte der Titelverteidiger am 28. Spieltag einen weiteren Schritt zur 25. deutschen Meisterschaft.

Schalke 04 - SC Freiburg 0:0

Der FC Schalke 04 muss nach einer Nullnummer gegen den SC Freiburg wohl endgültig ohne die Champions League für die neue Saison planen. Die Königsblauen steuern nach dem vierten sieglosen Spiel in Serie in der Fußball-Bundesliga nur auf einen Europa-League-Platz zu. Die vom Abstieg bedrohten und sehr engagierten Breisgauer konnten den Punktgewinn am Samstag insgesamt als Erfolg verbuchen. Julian Schuster vergab vor 61.471 Zuschauern sogar die Chance auf den dritten Sieg nacheinander, als er einen Foulelfmeter über das Tor schoss (58.).

Bor. Mönchengladbach - Borussia Dortmund 3:1 (2:0)

Die bessere Borussia kommt in dieser Saison aus Mönchengladbach - und darf im Gegensatz zu der aus Dortmund weiter auf den Einzug in die Champions League hoffen. Mit dem 3:1 (2:0) im Traditionsderby verteidigte das Team von Trainer Lucien Favre den dritten Tabellenrang und baute seine Erfolgsserie in der Fußball-Bundesliga auf acht Spiele ohne Niederlage aus. Drei Tage nach dem bitteren Pokal-Aus beim Drittligisten Arminia Bielefeld schossen Oscar Wendt (1. Minute), Raffael (32.) und Håvard Nordtveit (67.) den verdienten Erfolg für den Gastgeber heraus. Ilkay Gündogan (77.) gelang nur noch das Ehrentor für den Pokal-Halbfinalisten, der Zehnter bleibt.

Mainz 05 - Bayer Leverkusen 2:3 (0:1)

Bayer Leverkusen setzte seinen Siegeszug in der Fußball-Bundesliga fort. Beim zuletzt viermal unbesiegten FSV Mainz 05 setzte sich die Werkself verdient mit 3:2 (1:0) durch. Bayer feierte den sechsten Sieg in Serie, musste aber erstmals wieder einen Gegentreffer hinnehmen. Heung-Min Son (15. Minute), Stefan Kießling (60.) mit seinem 133. Bundesligatreffer und Hakan Calhanoglu (73.) schossen den Sieg des Tabellenvierten heraus. Vor 31.578 Zuschauern waren die 05er im 300. Bundesligaspiel der Clubhistorie bemüht, die Partie offen zu gestalten. Zwei Elfmetertore durch Ja-Cheol Koo (78./90.+1) schönten das Ergebnis für die Mainzer. Mit 31 Punkten müssen die 05er weiter um den Klassenerhalt bangen.

SC Paderborn - FC Augsburg 2:1 (0:0)

Bundesliga-Neuling SC Paderborn hat einen wichtigen Sieg im Kampf gegen den Abstieg aus der Fußball-Bundesliga gelandet und den internationalen Bestrebungen des FC Augsburg einen Dämpfer versetzt. Die Mannschaft von André Breitenreiter beendete eine Durststrecke von sechs Spielen ohne Sieg und feierte mit einem 2:1 (0:0) gegen den FCA den ersten Heimerfolg 2015. Elias Kachunga beendete mit dem Führungstor (48.) die Paderborner Torflaute von zuvor 599 Minuten. Den Ausgleich der Gäste durch Pierre-Emile Hojberg (52.) konterte Srdjan Lakic (60.), der wie Kachunga per Kopf traf.

Hamburger SV - VfL Wolfsburg 0:2 (0:1)

Der Hamburger SV kommt dem Abstieg aus der Fußball-Bundesliga immer näher. Die Hanseaten verloren am Samstagabend gegen den VfL Wolfsburg mit 0:2 (0:1) und rutschten nach der vierten Niederlage nacheinander auf den 17. Tabellenplatz ab. Der HSV blieb zudem im fünften Spiel in Serie ohne Treffer. Verteidiger Johan Djourou musste in der 88. Minute auch noch mit Gelb-Rot vom Platz. Die Wolfsburger festigten indes den zweiten Tabellenplatz hinter dem souveränen Spitzenreiter Bayern München und streben der Champions League entgegen. Joshua Guilavogui (10. Minute) und Daniel Caligiuri (73.) sorgten für die Treffer zum verdienten Erfolg.

1. FC Köln - 1899 Hoffenheim 3:2 (1:0)

Der 1. FC Köln siegt sich langsam zum Klassenverbleib, 1899 Hoffenheim muss mehr denn je um die Europa-League-Teilnahme bangen. Vor den Augen von Lukas Podolski feierte der Aufsteiger am Sonntag ein 3:2 (1:0) gegen 1899 Hoffenheim und kletterte mit 33 Punkten auf den elften Platz in der Fußball-Bundesliga. Einen Tag nach dem 49. Geburtstag von Trainer Peter Stöger erzielten Matthias Lehmann (20. Minute/Foulelfmeter), Anthony Ujah (54.) und Jung-Nationalspieler Jonas Hector (78.) die Treffer für die stark aufspielenden Kölner. Eugen Polanski (70./Foulelfmeter) und Anthony Modeste (88.) konnten für Hoffenheim jeweils nur auf 2:1 und 3:2 verkürzen. Vor dem Polanski-Treffer sah der Kölner Pawel Olkowski wegen einer Notbremse die Rote Karte. In Unterzahl gelang den Kölnern dank eines sehenswerten Alleingangs von Hector und großer Kampfkraft in der Schlussphase noch der hochverdiente Sieg gegen Hoffenheim.

VfB Stuttgart - Werder Bremen 3:2 (1:0)

Der VfB Stuttgart hat sich im Kampf um den Klassenverbleib mit einer couragierten und beherzten Leistung zurückgemeldet. Die Schwaben bezwangen Werder Bremen mit 3:2 (1:0) und rückten damit erstmals seit acht Wochen auf den vorletzten Tabellenplatz der Fußball-Bundesliga vor. Kapitän Christian Gentner mit einem kernigen Volleyschuss (16. Minute) und Mittelstürmer Daniel Ginczek mit einem Doppelpack (70. und 90.+1) nutzten drei der zahlreichen guten VfB-Chancen. Werder-Joker Davie Selkie (50.) und Jannik Vestergaard (86.) glückte der zwischenzeitliche Ausgleich. Großer Pechvogel der Schwaben war Martin Harnik. Der Österreicher vergab zunächst zwei klare Torchancen und sah in der 84. Minute auch noch die Gelb-Rote-Karte nach wiederholtem Foulspiel.

Aus dem Management das den Verein zum glücklichsten Klassenerhalt der Bundesliga-Geschichte geführt hatte, durfte letztlich nur Marketing-Vorstand Joachim Hilke, im hart geführten Wahlkampf zuvor ein offener Befürworter der Ausgliederung, seinen Job behalten.

Die neue Führung hielt zahlreiche im Wahlkampf abgegebene Versprechen. „Frisches“ Geld wurde über strategische Partner genannte Investoren eingenommen und in dringend notwendige Spielerkäufe reinvestiert. Der Hamburger Unternehmer Alexander Otto bezahlt den Bau des „HSV Campus“, eines Nachwuchszentrums neben dem Stadion. Das Prestigeobjekt hatte ursprünglich über eine eigens aufgesetzte Fan-Anleihe bezahlt werden sollen, deren Einnahmen hatte der alte Vorstand jedoch bereits im Tagesgeschäft verbraucht.

Und der vielleicht prestigeträchtigste Coup: Milliardär und Vereins-Gönner Klaus-Michael Kühne erwarb die Namensrechte des Stadions. Dabei zahlt er nicht nur mehr, als der derzeitige Namensgeber Imtech. Der 77-Jährige benennt das Stadion außerdem in „Volksparkstadion“ um, bis zum ersten Namensrechteverkauf 2001 der traditionsträchtige Name der Hamburger Heimspielstätte.

Das ein Thomas Tuchel womöglich tatsächlich neuer Trainer der Hanseaten wird, ist Ergebnis einer auf allen Ebenen erneuerten und professionalisierten Führung. Nur eins hat sich nicht entscheidend geändert: Die hilf- und kopflose Darbietung der Akteure auf dem Rasen.

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