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15.11.2011

17:51 Uhr

Deutschland gegen Holland

Ein Fußballspiel mit Geschichte

VonSven Goldmann, Stefan Hermanns
Quelle:Tagesspiegel

Am Dienstag spielt die Fußball-Nationalmannschaft in Hamburg gegen Holland – wie 1988, als die Niederländer im EM-Halbfinale ein schweres Trauma besiegten. Ein Rückblick auf ein Spiel, nach dem aus den Holländern etwas herausbrach, was sich über Jahre angestaut hatte.

Der deutsche Abwehrspieler Jürgen Kohler (re.) kommt zu spät, der niederländische Torjäger Marco van Basten (li) schießt 1988 im EM-Halbfinale von Hamburg kurz vor Schluss zum entscheidenden 2:1 für die Niederlande ein. dpa

Der deutsche Abwehrspieler Jürgen Kohler (re.) kommt zu spät, der niederländische Torjäger Marco van Basten (li) schießt 1988 im EM-Halbfinale von Hamburg kurz vor Schluss zum entscheidenden 2:1 für die Niederlande ein.

BerlinEs geht schon auf Mitternacht zu, an diesem Dienstag, den 21. Juni 1988, als Franz Beckenbauer eine bemerkenswerte Entscheidung trifft. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft wartet im Bus auf ihren Teamchef. Beckenbauer ist schon an der Tür, macht dann aber noch einmal kehrt und geht hinüber zu den Holländern, die gerade lustige Lieder singen: „Lothar, Lothar, alles ist vorbei“ oder „Matthäus, du hast verloren“. Die Stimmung ist ausgelassen, doch als Beckenbauer plötzlich im Bus auftaucht, wird es mit einem Mal ruhig. Beckenbauer lächelt, es falle ihm schwer, sagt er, „aber ich finde, Holland hat verdient gewonnen. Viel Glück fürs Finale!“ Nach einem kurzen Moment der Stille bricht Applaus los.

An einem Abend der großen Triumphgefühle ist es diese kleine Geste, die sich ihren Zeugen geradezu ins Gedächtnis gefräst hat. Marco van Basten, der Stürmer der holländischen Nationalmannschaft, hält Beckenbauer seit diesem Moment für einen echten Gentleman. Für Ronald Koeman ist der Auftritt des Teamchefs sogar „die schönste Erinnerung an das Turnier“. Und an schönen Erinnerungen an die Europameisterschaft 1988 besteht bei den Holländern ganz sicher kein Mangel.

Wenn die Nationalmannschaft am Dienstag in Hamburg auf Holland trifft, ist das auch ein Spiel mit Geschichte. 1988 standen sich beide Länder im EM-Halbfinale gegenüber – am selben Ort, auch wenn es weder das alte Volksparkstadion noch dessen Namen noch gibt. „Hamburg 88“, dieses 2:1 gegen Deutschland auf deutschem Boden, hat für die Holländer eine ähnlich mythische Bedeutung wie „Bern 54“ für die Deutschen. „Es war für die Niederländer wahrscheinlich wichtiger als für uns“, sagt Eike Immel, der damals im Tor der Deutschen stand.

Das war es mit Sicherheit. 1988 brach aus den Holländern etwas heraus, was sich über Jahre angestaut hatte. Etwas, das die Deutschen völlig unvorbereitet traf und das Verhältnis im Fußball für lange Zeit vergiften sollte. „Sehr viel Häme, Hass möchte ich fast sagen“ hat Immel an diesem Juniabend erlebt. Ronald Koeman wischte sich mit dem Trikot, das er von Olaf Thon ertauscht hatte, symbolisch den Hintern ab, ein holländischer Radioreporter ließ auf der Pressetribüne seine Hose herunter und streckte den deutschen Kollegen sein blankes Hinterteil entgegen. Und während „Bild“ den formidablen Auftritt des Gegners entsprechend würdigte („Holland super“), titelte Hollands größte Tageszeitung „De Telegraaf“: „Endlich Rache!“

Aber Rache wofür? Für 1974? Für die Niederlage im Finale der Weltmeisterschaft? Oder Rache für 1940, den Überfall der Wehrmacht und die anschließende Besatzung? „Der Krieg hat für mich überhaupt keine Rolle gespielt“, sagt Hollands Torhüter Hans van Breukelen. Die WM 74 schon eher. Hamburg 88 ist nicht zu verstehen ohne München 74. Die Endspielniederlage gegen Deutschland war wie ein schleichendes Gift, das nun mit jahrelanger Verspätung seine Wirkung entfaltete. Die meisten Spieler der 88er-Mannschaft hatten das WM-Finale als Kinder oder Jugendliche am Fernseher verfolgt. „Es war eine Frustration, die raus musste“, sagt Ruud Gullit, der 1974 elf Jahre alt war. „Eine unterbewusste Frustration.“ Dabei hatten die Holländer den Einzug ins Finale anfangs noch als großen Erfolg verstanden, in der Heimat wurden sie wie Helden gefeiert. Von einem Trauma konnte keine Rede sein.

Für Rinus Michels war das anders. Er hatte die Elftal 1974 trainiert – und er trainierte sie auch 1988 wieder. Michels war das Verbindungsstück, und er nutzte die Erfahrungen, die er 14 Jahre zuvor gemacht hatte. „Fußball ist Krieg“, hat Michels einmal gesagt. 1974 hatte er den Krieg verloren, weil, so glaubte er, die Deutschen ihn überlistet hatten. Das würde ihm nicht noch einmal passieren.

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