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29.10.2015

06:19 Uhr

DFB-Affäre

Streit zwischen Theo Zwanziger und Günter Netzer eskaliert

VonVolker Votsmeier

Günter Netzer wird den früheren DFB-Präsidenten Theo Zwanziger wegen seiner Aussagen zum Stimmenkauf bei der Vergabe der WM 2006 verklagen. Zwanziger hat seine Darstellung bekräftigt. Der Streit geht wohl vor Gericht.

Netzer will juristisch gegen Aussagen des ehemaligen DFB-Präsidenten vorgehen. dpa

Günter Netzer droht Zwanziger

Netzer will juristisch gegen Aussagen des ehemaligen DFB-Präsidenten vorgehen.

DüsseldorfAls Fußballer hatte Theo Zwanziger den Filigrantechniker Günter Netzer immer bewundert. Doch im Zuge der DFB-Affäre haben sich die beiden heillos zerstritten. Und bald schon wird die Fehde vor Gericht ausgetragen.

Gegenüber dem Handelsblatt erklärte Netzers Medienanwalt Ralf Höcker, dass die Klage unausweichlich ist. „Herr Zwanziger kommuniziert mit uns leider nur über Interviews. Vielleicht meldet er sich ja noch direkt bei uns, wie es üblich wäre. Wenn er dann bei seinen Behauptungen bleibt, werden wir Klage einreichen.“ 

Zwanziger hatte jüngst bekräftigt, an seiner Darstellung festzuhalten. Die lautet: Netzer habe ihm im Herbst 2012 bei einem Gespräch in einem Züricher Restaurant beiläufig erzählt, dass das WM-Bewerbungskomitee 6,7 Millionen Euro dazu verwendet habe, um vier asiatische Stimmen zu kaufen. Deutschland setzte sich in der Abstimmung schließlich mit zwölf zu elf Stimmen durch. 

Fragen und Antworten zum DFB-Streit

Ist Niersbach nach Zwanzigers Vorwürfen als DFB-Chef zu halten?

Intern bekam der angeschlagene Niersbach am Freitag Rückendeckung, das DFB-Präsidium mit den Vertretern der Deutschen Fußball Liga stellte sich hinter ihn. Doch dabei dürfte es sich wohl nur um eine Unterstützung auf Zeit handeln. Durch die neuen Vorwürfe von Zwanziger wird das Ansehen von Niersbach weiter beschädigt. Auf lange Sicht wird er sich kaum im Amt halten können.

Was bewegt Zwanziger zu seiner Attacke?

Zwanziger scheint es um persönliche Rache zu gehen. Der 70-Jährige hat nie verwunden, dass er nach großer Kritik offenbar zu einem Rücktritt als DFB-Präsident gedrängt wurde und Niersbach seine Nachfolge antrat. Zwanziger gibt sich oft als Mann von Ethik und Moral, doch auch er ist in die dubiosen Machenschaften rund um die WM 2006 tief verstrickt. Dabei scheint er wissentlich in Kauf zu nehmen, das auch sein Image weitere Kratzer bekommt. Hauptsache sein Nachfolger bekommt Probleme.

Wie geht es jetzt weiter?

Vor allem die Sozietät Freshfields Bruckhaus Deringer ist jetzt gefragt, die für den Deutschen Fußball-Bund die externen Ermittlungen führt. Aber auch die FIFA-Ethikkommission wird nach den neuesten Entwicklungen nicht umhin kommen, Ermittlungen aufzunehmen. Ligaverbandspräsident Reinhard Rauball hat eine lückenlose Aufklärung gefordert, wohlwissend, „dass wir Wochen, Monate und vielleicht noch sehr viel länger mit diesem Thema befasst sein werden“. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt sprach am Freitag weiter von einem „Beobachtungsvorgang“. Es ist aber nicht auszuschließen, das auch sie jetzt aktiver wird.

Was sagt die Beckenbauer zu den ganzen Vorkommnissen?

Weiter nichts. Beckenbauer hat sich bislang dafür entschieden, öffentlich zu schweigen. Seinen Auftritt bei der Gala im Dortmunder Fußballmuseum sagte er ab. Der 70-Jährige, der sonst keine Kamera scheut, bleibt abgetaucht. Dabei wird der Fußball-Kaiser immer mehr zur Schlüsselfigur in dem Fall. Schließlich soll er mit FIFA-Boss Joseph Blatter den 6,7-Millionen-Deal unter vier Augen ausgehandelt haben, was der Schweizer jedoch bestreitet. Bislang will Beckenbauer nur der DFB-Untersuchungskommission Rede und Antwort stehen, wie sein Management am Donnerstag mitteilte.

Und die Fifa mit Boss Joseph Blatter an der Spitze?

Die wies die Aussagen von Niersbach am Donnerstag nach erstem Kenntnisstand als falsch zurück. Es entspreche in keinster Weise den FIFA-Standardprozessen und Richtlinien, dass die finanzielle Unterstützung von WM-OKs an irgendwelche finanziellen Vorleistungen seitens des jeweiligen OKs oder seines Verbandes gekoppelt sei, hieß es. Zudem sei 2002 kein Geldeingang in Höhe von zehn Millionen Schweizer Franken registriert worden. Auch Blatter erklärte am Donnerstag sofort, er sei mit einem solchen Vorgang nicht betraut gewesen und wollte damit von einem angeblichen Vier-Augen-Gespräch mit Beckenbauer in dieser Sache nichts wissen. Zu den neuen Zwanziger-Aussagen äußerte sich die FIFA bislang nicht.

Welche Rolle spielte die Fifa wirklich?

Der zeitliche Kontext der Dreyfus-Überweisung im Januar 2002 ist zumindest interessant. Schließlich tobte zu diesem Zeitpunkt ein erbitterter Präsidentschaftswahlkampf zwischen Blatter und dem Kameruner Issa Hayatou. Blatter musste sich schon damals heftiger Korruptionsvorwürfe erwehren, setzte sich bei der Wahl im Sommer 2002 aber doch überraschend deutlich gegen Hayatou durch. Auch weil es ihm gelungen war, den Großteil der Europäer und auch den DFB hinter sich zu vereinen.

„Da ich die Wahrheit gesagt habe, habe ich keinen Grund, eine Unterlassungserklärung abzugeben“, sagte Zwanziger gegenüber „Spiegel online“ – und verschärft damit den Konflikt mit Netzer. Dieser hatte ihm zuvor ein Ultimatum bis Freitagabend gesetzt.

Nachdem nun klar ist, dass der frühere DFB-Präsident nicht zurückrudert, steht einer Klage nichts mehr im Weg. Prinzipiell trägt Zwanziger die Beweislast für seine Aussage, die von Netzer bestritten wird. Auch in dieser Frage ist aber letztlich das Gericht gefragt. 

WM-Affäre: Zwanziger widerspricht Netzer

WM-Affäre

Zwanziger widerspricht Netzer

Theo Zwanziger kontra Günter Netzer: Am Mittwoch hat der frühere DFB-Präsident dem früheren Nationalspieler in einem entscheidenden Punkt widersprochen. Auch an der Unabhängigkeit der Ermittler gibt es Zweifel.

Bislang hat Zwanziger drei Aussagen gemacht, durch die sich Netzer in seinen Rechten verletzt sieht. Typischerweise bewegt sich der Streitwert in solchen Fällen in einer Größenordnung zwischen 50.000 Euro und 100.000 Euro.

Das bedeutet: Wenn Netzer vor Gericht gewinnt, bekäme Zwanziger einen Maulkorb. Behauptet er im Falle einer Niederlage weiter, Netzer habe ihm von dem Stimmenkauf  berichtet, würde eine entsprechende Sanktion fällig. Gegen den „Spiegel“, der Zwanziger mit seinen Netzer-Aussagen zitiert hatte, will Netzer dagegen derzeit nicht vorgehen.

       

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