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13.11.2015

18:26 Uhr

DFB-Elf gegen Frankreich

Im emotionalen Tief vor der Kraftprobe

Quelle:dpa

Im EM-Finalstadion messen sich Weltmeister und EM-Gastgeber Frankreich. „Testen, sehen, probieren“, lautet das Motto für Bundestrainer Löw. Ein Spiel am Ende einer Woche voller Fußballskandale - in beiden Ländern.

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Bombendrohung gegen DFB-Team: Nationalmannschaft unter Schock

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ParisJoachim Löw spürt „eine besondere Brisanz”. Sieben Monate vor Beginn der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich bestreiten die deutschen Weltmeister am Abend einen reizvollen Test gegen den EM-Gastgeber. Die 90 Minuten im Stade de France sind Teil eins des Jahresabschlusses für Kapitän Bastian Schweinsteiger und Co (hier gibt es das Spiel ab 21 Uhr im Liveticker).

Am Dienstag kommt es in Hannover dann noch zum Duell mit dem nicht für die EM qualifizierten Erzrivalen Niederlande. „Wir freuen uns auf die zwei Spiele. Frankreich und Holland sind zwei große Namen im Weltfußball”, erklärte Löw in Paris.

Ausgangslage

Das Kräftemessen mit den Franzosen genießt den höheren Stellenwert im deutschen Lager. Löw zählt den EM-Gastgeber zu den „absoluten Favoriten” auf den Titelgewinn 2016. 210 Tage vor dem Eröffnungsmatch bei der Heim-EM wissen die Spieler der „Équipe tricolore“ nur zu gut, dass ein prestigeträchtiger Sieg gegen die DFB-Elf zur rechten Zeit käme nach dem Skandal um ein Sexvideo mit Mathieu Valbuena und Ermittlungen gegen den beschuldigten Karim Benzema wegen Erpressung.

DFB, Fifa und die WM: Was geschah mit den Millionen?

Worum geht es in der Affäre?

Im Zentrum des Skandals stehen 6,7 Millionen Euro. Nach Darstellung des DFB hat der damalige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus diese Summe im Jahr 2002 für das deutsche Organisationskomitee an den Weltverband FIFA überwiesen. Die nach wie vor ungeklärten Fragen sind: Wer genau erhielt dieses Geld? Wozu brauchten die deutschen WM-Macher die Hilfe von Louis-Dreyfus? Bislang gibt es für die ominösen 6,7 Millionen weder Belege noch einen Zahlungseingang bei der FIFA. Laut DFB und OK-Chef Franz Beckenbauer floss das Geld, um sich einen Organisationszuschuss der FIFA zu sichern. Die anderen Theorien sind: Mit dem Geld wurden Stimmen für die WM-Vergabe gekauft oder der mittlerweile gesperrte FIFA-Chef Joseph Blatter unterstützt.

Gelder wurden getarnt

Bei den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft geht es jetzt um die vermeintliche Rückzahlung der 6,7 Millionen an Louis-Dreyfus drei Jahre später. Die wurde vom WM-OK zur Tarnung als Beitrag für eine FIFA-Gala deklariert, die später nie stattfand. Auch bei dieser Zahlung liegt bislang fast alles im Dunkeln. Ob und auf welchen Kanälen das Geld vom DFB über die FIFA wieder bei Louis-Dreyfus angekommen sein könnte, ist weiterhin offen.

Gegen wen ermittelt die Staatsanwaltschaft?

Im Visier stehen der amtierende DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, der damals Vizepräsident des Organisationskomitees war, sein Präsidenten-Vorgänger und OK-Schatzmeister Theo Zwanziger sowie Horst R. Schmidt. Dieser war geschäftsführender Vizepräsident des OK und bis 2007 Generalsekretär des Deutschen Fußball-Bundes.

Weshalb ermittelt nun die Staatsanwaltschaft?

Den Beschuldigten wird vorgeworfen, „die Einreichung inhaltlich unrichtiger Steuererklärungen veranlasst“ und damit Körperschafts- und Gewerbesteuern sowie den Solidaritätszuschlag für das Jahr 2006 „in erheblicher Höhe“ hinterzogen zu haben. Nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler soll eine Zahlung des OK im Frühjahr 2005, die als Kostenbeteiligung an der FIFA-Gala deklariert war, als Betriebsausgabe steuermindernd geltend gemacht worden sein. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Zahlung in Wirklichkeit einem anderen Zweck hatte. Damit wäre sie keine abzugsfähige Betriebsausgabe mehr gewesen. Die Zahlungszusage des OK vom 19. April 2005 wurde von Zwanziger und Schmidt unterzeichnet.

Weshalb ermittelt die Staatsanwaltschaft nicht auch gegen den damaligen OK-Präsidenten Franz Beckenbauer?

Das ist bislang unklar. Die wahrscheinlichste Erklärung: Beckenbauer und sein enger Vertrauter Fedor Radmann wohnen in Österreich bzw. der Schweiz und damit außerhalb des Zugriffsbereichs der Ermittler.

Was droht den Beschuldigten?

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main hat Ermittlungen wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall aufgenommen. Steuerhinterziehung ist in Paragraf 370 der Abgabenordnung geregelt, darin heißt es in Absatz 5: „In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren.“

An welchen Stellen wird sonst noch ermittelt?

Die Affäre dürfte den deutschen Fußball noch lange Zeit in Atem halten. Die vom DFB selbst in Auftrag gegebene Ermittlung durch die Wirtschaftskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer soll noch „einige Wochen“ dauern. Auch an der Unabhängigkeit dieser Untersuchung gibt es mittlerweile massive Zweifel - es gibt eine private Verbindung zwischen einem engen Niersbach-Mitarbeiter und einem der Partner von Freshfields. Auch bei der FIFA sind noch zahlreiche externe Juristen erst am Anfang ihrer Untersuchungen. Bundesinnenministerium und Kanzleramt lassen derzeit intern ihre Akten zur WM 2006 prüfen.

Nach dem pikanten Vorspiel mit der Erpressungsaffäre um Mittelstürmer Benzema hat Deschamps sein Team seit Montag im nationalen Fußball-Zentrum in Clairefontaine in Ruhe auf die anstehenden Aufgaben vorbereitet. Benzema und Valbuena sind nicht mit dabei.

Auf die immer wiederkehrenden Fragen zu den beiden und der Bedeutung ihres Fehlens für die Mannschaft reagierte Deschamps leicht genervt: „Ich beantworte diese Frage nicht. Fragen Sie mich zu den 23 Spielern, die dabei sind.“

Das Team von Trainer Didier Deschamps sei noch stärker und reifer als beim 1:0-Sieg der deutschen Mannschaft im WM-Viertelfinale 2014 in Rio, urteilte Löw. „Frankreich hat technisch wahnsinnig gute Spieler und eine unglaubliche körperliche Kraft”, betonte der Bundestrainer.

Personal

Löw wird zwar auch experimentieren, dürfte aber eine funktionierende Achse mit etablierten Weltmeistern auf den Platz schicken. Manuel Neuer wird im Tor stehen. Sami Khedira feiert im Mittelfeld nach einigen Verletzungen ein Comeback an der Seite von Kapitän Bastian Schweinsteiger. „Er nähert sich der Form, die er mal hatte”, sagte Löw über Khedira.

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