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04.11.2015

20:16 Uhr

DFB-Präsident taucht ab

Das Problem Niersbach

Der Verband steht hinter ihm, einen Königsmörder gibt es noch nicht. Doch DFB-Präsident Wolfgang Niersbach wackelt bedenklich – und soll nach neuen Enthüllungen eine falsche Steuererklärung unterschrieben haben.

Der DFB-Präsident schweigt zu den aktuellen Ermittlungen. Seine Position scheint geschwächt. dpa

Wolfgang Niersbach

Der DFB-Präsident schweigt zu den aktuellen Ermittlungen. Seine Position scheint geschwächt.

FrankfurtNach der Steuerrazzia hüllt sich der schwer angeschlagene DFB-Präsident Wolfgang Niersbach weiter in Schweigen. Kein Wort zu der sich weiter zuspitzenden Affäre um die WM 2006, keine Aussage zu seiner Zukunft. Bei einer spontan einberufenen Mitarbeiterversammlung in der Verbandszentrale, in der Generalsekretär Helmut Sandrock die Beschäftigten über die Entwicklungen informierte, war Niersbach am Mittwoch nicht anwesend.

Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung ist die angeblich falsche Steuererklärung von Niersbach unterzeichnet worden. Laut SZ hatte er die Erklärung nur wenige Tage nach seiner Berufung zum Generalsekretär Ende Oktober 2007 unterschrieben. Diese Erklärung soll damals schon lange fertig gewesen sein.

Es ist davon auszugehen, dass die Unterschrift Niersbachs der Grund ist, warum die Staatsanwaltschaft Frankfurt auch gegen ihn und nicht nur gegen Theo Zwanziger und Horst R. Schmidt wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung in einem schweren Fall ermittelt. Zwanziger und Schmidt waren zum Zeitpunkt der Steuererklärung 2006 DFB-Präsident und -Generalsekretär.

DFB, Fifa und die WM: Was geschah mit den Millionen?

Worum geht es in der Affäre?

Im Zentrum des Skandals stehen 6,7 Millionen Euro. Nach Darstellung des DFB hat der damalige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus diese Summe im Jahr 2002 für das deutsche Organisationskomitee an den Weltverband FIFA überwiesen. Die nach wie vor ungeklärten Fragen sind: Wer genau erhielt dieses Geld? Wozu brauchten die deutschen WM-Macher die Hilfe von Louis-Dreyfus? Bislang gibt es für die ominösen 6,7 Millionen weder Belege noch einen Zahlungseingang bei der FIFA. Laut DFB und OK-Chef Franz Beckenbauer floss das Geld, um sich einen Organisationszuschuss der FIFA zu sichern. Die anderen Theorien sind: Mit dem Geld wurden Stimmen für die WM-Vergabe gekauft oder der mittlerweile gesperrte FIFA-Chef Joseph Blatter unterstützt.

Gelder wurden getarnt

Bei den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft geht es jetzt um die vermeintliche Rückzahlung der 6,7 Millionen an Louis-Dreyfus drei Jahre später. Die wurde vom WM-OK zur Tarnung als Beitrag für eine FIFA-Gala deklariert, die später nie stattfand. Auch bei dieser Zahlung liegt bislang fast alles im Dunkeln. Ob und auf welchen Kanälen das Geld vom DFB über die FIFA wieder bei Louis-Dreyfus angekommen sein könnte, ist weiterhin offen.

Gegen wen ermittelt die Staatsanwaltschaft?

Im Visier stehen der amtierende DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, der damals Vizepräsident des Organisationskomitees war, sein Präsidenten-Vorgänger und OK-Schatzmeister Theo Zwanziger sowie Horst R. Schmidt. Dieser war geschäftsführender Vizepräsident des OK und bis 2007 Generalsekretär des Deutschen Fußball-Bundes.

Weshalb ermittelt nun die Staatsanwaltschaft?

Den Beschuldigten wird vorgeworfen, „die Einreichung inhaltlich unrichtiger Steuererklärungen veranlasst“ und damit Körperschafts- und Gewerbesteuern sowie den Solidaritätszuschlag für das Jahr 2006 „in erheblicher Höhe“ hinterzogen zu haben. Nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler soll eine Zahlung des OK im Frühjahr 2005, die als Kostenbeteiligung an der FIFA-Gala deklariert war, als Betriebsausgabe steuermindernd geltend gemacht worden sein. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Zahlung in Wirklichkeit einem anderen Zweck hatte. Damit wäre sie keine abzugsfähige Betriebsausgabe mehr gewesen. Die Zahlungszusage des OK vom 19. April 2005 wurde von Zwanziger und Schmidt unterzeichnet.

Weshalb ermittelt die Staatsanwaltschaft nicht auch gegen den damaligen OK-Präsidenten Franz Beckenbauer?

Das ist bislang unklar. Die wahrscheinlichste Erklärung: Beckenbauer und sein enger Vertrauter Fedor Radmann wohnen in Österreich bzw. der Schweiz und damit außerhalb des Zugriffsbereichs der Ermittler.

Was droht den Beschuldigten?

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main hat Ermittlungen wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall aufgenommen. Steuerhinterziehung ist in Paragraf 370 der Abgabenordnung geregelt, darin heißt es in Absatz 5: „In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren.“

An welchen Stellen wird sonst noch ermittelt?

Die Affäre dürfte den deutschen Fußball noch lange Zeit in Atem halten. Die vom DFB selbst in Auftrag gegebene Ermittlung durch die Wirtschaftskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer soll noch „einige Wochen“ dauern. Auch an der Unabhängigkeit dieser Untersuchung gibt es mittlerweile massive Zweifel - es gibt eine private Verbindung zwischen einem engen Niersbach-Mitarbeiter und einem der Partner von Freshfields. Auch bei der FIFA sind noch zahlreiche externe Juristen erst am Anfang ihrer Untersuchungen. Bundesinnenministerium und Kanzleramt lassen derzeit intern ihre Akten zur WM 2006 prüfen.

Ob oder wie lange der 64-Jährige angesichts der Geschehnisse rund um die ominöse 6,7-Millionen-Euro-Zahlung im Vorfeld des Sommermärchens noch im Amt bleibt, ist unklar. Zumindest im Verband genießt er weiter Rückendeckung, eine offene Rücktrittsforderung gibt es bisher nicht. „Ein Problem wäre es dann, wenn Wolfgang Niersbach nicht bereit wäre, umfassend die Aufklärung mit uns zu betreiben. Dem ist aber nicht so“, erklärte DFB-Vizepräsident Rainer Koch dem „Bayerischen Rundfunk“.

Dennoch ist es ein ungemütlicher Herbst für den DFB-Boss. Neben einer möglichen Anklageerhebung wegen Steuerhinterziehung drohen Niersbach, seinem Vorgänger Zwanziger und Schmidt nach Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ (Mittwoch) auch Schadenersatzforderungen in Millionen-Höhe. Laut „SZ“ werden in Verbandskreisen nachträglich fällige Steuern in Höhe von 2,2 Millionen Euro für möglich gehalten, plus Zinsen seit 2006. Dafür könnte der DFB die damaligen Verantwortlichen in Regress nehmen.

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Am Mittwoch beschäftigte sich auch der Sportausschuss des Bundestages mit dem Thema. Dass die nicht-öffentliche Sitzung zur Aufklärung beitragen könnte, erwartete aber selbst die Ausschussvorsitzende Dagmar Freitag (SPD) nicht. „Das ist heute ein Termin, der wirklich einer ersten Anberatung dienen kann“, sagte sie. „Ich erwarte mir noch keine allzu großen Erläuterungen.“

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