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06.11.2015

06:50 Uhr

DFB-Präsident

Warum Wolfgang Niersbach gehen muss

VonThomas Schmitt

Das WM-Sommermärchen 2006 ist durch die Razzia der Steuerfahnder entzaubert worden. DFB-Boss Niersbach sollte die Verantwortung für Vertuschung und späte Aufklärung übernehmen. Fünf Gründe, warum er den Hut nehmen muss.

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach: Die Stimmen mehren sich, dass er gehen sollte. dpa

Wolfgang Niersbach

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach: Die Stimmen mehren sich, dass er gehen sollte.

DüsseldorfDFB-Präsident Wolfgang Niersbach schweigt - jedenfalls in der Öffentlichkeit. Seit Steuerfahnder in die Zentrale des Deutschen Fußballbundes (DFB) und seine Privatwohnung eingefallen sind, ist von ihm nichts mehr zu sehen und zu hören. Er stellte sich nur intern - hinter verschlossenen Türen - in einem „mehrstündigen Gespräch“ den vom Verband beauftragten externen Prüfern der Wirtschaftskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer. Richtig zur Sache gehen könnte es dann am Montag, wenn sich das Präsidium des Deutschen Fußball-Bundes in Frankfurt zu einer Sondersitzung trifft.

Das Verhalten von Niersbach wird derweil von Kommentatoren immer stärker daran gemessen, was er vor einigen Wochen noch über andere sagte. „Die Zukunft kann nur gestaltet werden ohne den bisherigen Präsidenten“, sagte Niersbach etwa noch Anfang Oktober. Damals sprach er über den gesperrten Joseph Blatter und dessen Rolle in den nicht enden wollenden Skandalen beim Weltverband FIFA. Niersbach halte sich selbst in der Affäre um die WM 2006 in Deutschland nicht an das, was er von Blatter immer wieder gefordert habe, wird ihm vorgeworfen.

Andere müssen nun für ihn in die Bresche springen – mit fragwürdigen Argumenten. So begründete Karl Rothmund, Präsident des niedersächsischen Fußballverbandes (NFV), gegenüber der Agentur dpa die Notwendigkeit von Niersbachs Verbleib im Amt so: „Er war im Organisationskomitee für die WM 2006 nur für Medien und Marketing zuständig. Die entscheidenden Männer waren doch Theo Zwanziger und Horst R. Schmidt.“

DFB-Affäre um WM 2006: Der „Spiegel“-Bericht und die Folgen

Auslöser

Mit einem Bericht über gekaufte Stimmen bei der Vergabe der WM 2006 erschüttert der „Spiegel“ den deutschen Fußball. Was seitdem geschah...

16. Oktober

- Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) räumt in einer Pressemitteilung Ungereimtheiten rund um eine Zahlung in Höhe von 6,7 Millionen Euro an den Weltverband FIFA ein.
- Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtet, dass für den Zuschlag der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 Geld aus einer schwarzen Kasse des Bewerbungskomitees geflossen ist, um damit vier entscheidende Stimmen im FIFA-Exekutivkomitee zu kaufen. Das Geld soll vom damaligen Adidas-Boss Robert Louis-Dreyfus gekommen sein.
- Der DFB weist den „Spiegel“-Bericht als haltlos zurück.

17. Oktober

Fedor Radmann, ehemaliger Vizepräsident des WM-Organisationskomitees, weist den Vorwurf des Stimmenkaufs zurück.
- Erstmals äußert sich Niersbach zu den Vorwürfen: „Ich kann versichern, dass es im Zusammenhang mit der Bewerbung und Vergabe der WM 2006 definitiv keine schwarzen Kassen beim DFB, dem Bewerbungskomitee noch dem späteren Organisationskomitee gegeben hat.“

18. Oktober

Franz Beckenbauer meldet sich zu Wort und dementiert den „Spiegel“-Bericht: „Ich habe niemandem Geld zukommen lassen, um Stimmen für die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft 2006 nach Deutschland zu akquirieren. Und ich bin sicher, dass dies auch kein anderes Mitglied des Bewerbungskomitees getan hat.“

19. Oktober

- Die Staatsanwaltschaft prüft einen Anfangsverdacht für ein Ermittlungsverfahren. Als mögliche Tatbestände nennt eine Sprecherin Betrug, Untreue oder Korruption.
- Niersbach weist die Korruptionsvorwürfe erneut vehement zurück, räumt aber erstmals „den einen offenen Punkt“ ein: „Dass man die Frage stellen muss, (...) wofür diese Überweisungen der 6,7 Millionen verwendet wurden.“
- Ex-DFB-Boss Theo Zwanziger äußert Zweifel an der internen Aufarbeitung des DFB.

21. Oktober

Die DFB-Landesverbände fordern von Niersbach eine schnelle Aufklärung der Korruptionsvorwürfe.

22. Oktober

Niersbach tritt in Frankfurt sichtlich erschöpft vor die Presse und bringt nur wenig Licht ins Dunkel um die WM 2006.

23. Oktober

- Das DFB-Präsidium stärkt Niersbach den Rücken, hält aber „strikt daran fest [...], dass lückenlos aufgeklärt wird.“
- Zwanziger bezichtigt Niersbach der Lüge und bestätigt im „Spiegel“ erstmals die Existenz einer schwarzen Kasse „in der deutschen WM-Bewerbung“. Es sei „ebenso klar, dass der heutige Präsident des DFB davon nicht erst seit ein paar Wochen weiß, wie er behauptet, sondern schon seit mindestens 2005.“

26. Oktober

Beckenbauer räumt in der Affäre erstmals einen „Fehler“ ein. Das Organisationskomitee hätte nicht auf einen Vorschlag der FIFA-Finanzkommission eingehen dürfen, um einen Finanzzuschuss zu bekommen, teilte der damalige OK-Präsident mit.

27. Oktober

Die vom DFB beauftragte Wirtschaftskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer erklärt, mit Ergebnissen in der Affäre sei nicht schnell zu rechnen.

28. Oktober

Zwanziger sagt vor den externen Ermittlern der Anwaltskanzlei aus: „Ich habe dort alle meine Dokumente vorgelegt, meine Anmerkungen und meine Einschätzungen präsentiert.“

3. November

Die Staatsanwaltschaft führt beim DFB in Frankfurt/Main eine Steuer-Razzia durch. Zudem durchsucht sie die Wohnungen von Niersbach und Zwanziger. Die Beamten ermitteln im Zusammenhang mit 6,7-Millionen-Euro-Zahlung wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall.

Auch Rainer Koch, DFB-Vizepräsident und Verbandschef in Bayern, verbreitet solche Treueschwüre. Auf die Frage, wie ein Beschuldigter den eigenen Fall aufklären könne, sagte er im Bayerischen Rundfunk: „Ein Problem wäre es dann, wenn Wolfgang Niersbach nicht bereit wäre, umfassend die Aufklärung mit uns zu betreiben. Dem ist aber nicht so."

Die Fußballfunktionäre demaskieren sich mit solchen Argumenten nur selbst. Offenbar haben einige die Zeichen der Zeit immer noch nicht erkannt. Dabei ist schon klar: Spätestens seit der Razzia der Steuerfahnder ist Wolfgang Niersbach als Präsident des DFB ein Auslaufmodell. Fünf gute Gründe, die Niersbachs sofortigen Rücktritt erforderlich machen

1. Das Sommermärchen ist entzaubert

Als der „Spiegel“ Anfang Oktober erstmals über dubiose Millionenzahlungen im Vorfeld der WM 2006 berichtete, dementierte Niersbach auf allen verfügbaren Kanälen heftig. Sein Credo, das er allen Fußballfans nicht oft genug zurufen konnte, lautete: „Unsere WM war ein Sommermärchen! Und sie bleibt ein Sommermärchen.“

Niersbach und die WM-Vergabe: „Pflichtverletzung der gesamten DFB-Führung möglich“

Niersbach und die WM-Vergabe

„Pflichtverletzung der gesamten DFB-Führung möglich“

Die 6,7 Millionen-Euro-Zahlung belastet den DFB schwer. Doch wer haftet für eventuelle Schäden? Es ist möglich, dass die gesamte DFB-Führung ihre Pflicht verletzt hat, sagt Wirtschaftsanwalt Mark Wilhelm im Interview.

Tatsache ist jedoch: Es gab an den Weltfußballverband Fifa genau diese dubiose Zahlung von 6,7 Millionen Euro, die der DFB nicht nur mit dem falschen Etikett einer Kulturausgabe versehen hat, sondern die er auch noch fälschlicherweise als Betriebsausgabe von der Steuer abgezogen hat.

Kommentare (6)

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Herr stefan kinlel

06.11.2015, 08:04 Uhr

Man muß zuerst die Frage klären, wofür es überhaupt noch Sportfunktionäre mit üppigsten Gehältern braucht. Als Abstellgleis für ehemailige Fußballer, die sonst nichts mehr zu tun haben?
Und warum ist das ein eingetragener Verein mit Steuervorteilen? Gemeinnützigkeit sehe ich das nirgends. Nur offenkundigen Lug und Betrug.

Account gelöscht!

06.11.2015, 09:30 Uhr

Journalismus sollte nicht das Rechtssystem untergraben und Vorverurteilungen aussprechen, das halte ich für eine leider zunehmende Unsitte. Niersbach gilt im Umfeld als guter Manager, und sollte deshalb bis zur richterlichen Klärung des Sachverhaltes auch weiterhin im Amt bleiben.
Das bedeutet Rechtsstaat.

Leider wird ja selbst durch die Merkel-regierung dieses Prinzip nicht mehr beachtet und Recht einfach nach Lust und Laune geglättet, gebogen oder gleich ganz ausgehebelt.

Überzeugung zählt mittlerweile mehr als Recht, Meinungen sind wichtiger als Fakten in den Medien ... wo soll das noch hinführen???

Herr horst langner

06.11.2015, 09:39 Uhr

Betrogen wird doch in allen Teilen, ob Wirtschaft, Sport oder ganz besonders in der Politik. Für mich und für viele Andere steht fest, das die Vergabe nicht sauber war. Also warum sich lange in Prozesse verstricken, zugeben, abtreten und anharken.

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