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28.05.2015

17:33 Uhr

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach

„Ein einziges PR-Desaster für den Fußball schlechthin“

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach lässt sich die Übernahme eines Fifa-Amtes bei einer Wiederwahl von Weltverbandschef Joseph Blatter offen. Für die jüngsten Skandale findet er deutliche Worte.

FIFA-Affäre

Niersbach: „Es muss einen Wechsel an der Fifa-Spitze geben“

FIFA-Affäre: Niersbach: „Es muss einen Wechsel an der Fifa-Spitze geben“

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ZürichWelche Entscheidungen gab es beim Treffen der Mitglieder der Europäischen Fußball-Union Uefa?

Ich brauche nicht zu betonen, dass es eine sehr schwierige, komplizierte Situation ist. Die Stimmung bei der Uefa ist so, dass man mehrheitlich eindeutig für den Wechsel an der Fifa-Spitze eintritt. Das bedeutet, dass entgegen der Option, die gestern in Warschau diskutiert wurde, die Uefa an dem Kongress teilnimmt und sich an der Wahl beteiligt und mehrheitlich für Prinz Ali stimmt.

Sehen Sie dafür eine realistische Chance?

Was ist realistisch? Ich kann nicht einschätzen, wie die Ereignisse von gestern sich auf das Stimmverhalten der Repräsentanten der anderen Konföderationen auswirkt. Jeder der einigermaßen, ich hätte fast gesagt, geradeausdenken kann, muss doch realisieren, dass es ein einziges PR-Desaster für den Fußball schlechthin ist. Letztlich reduziert sich das auf die Frage, wie bekommen wir jenseits der nötigen Aufklärung die berühmte Kurve. Das ist nach meiner persönlichen Einschätzung nicht möglich, wenn es an der Spitze der Fifa keinen Wechsel gibt.

Die Anklagepunkte gegen die Fifa-Funktionäre

Copa Americà

1986 erwirbt das Unternehmen Traffic Brazil die weltweiten Vermarktungsrechte für die Südamerika-Meisterschaft. Fünf Jahre später fordert CONMEBOL-Präsident Nicolas Leoz für eine Vertragsverlängerung eine sechsstellige Summe an Schmiergeld. Ein namentlich nicht genannter Mitverschwörer (#2) veranlasst die Zahlung einer sechsstelligen Summe in US-Dollar auf ein Konto, das Leoz zugeschrieben wird. Bis 2011 erhält Leoz Zahlungen für jede Auflage des Turniers, diese erhöhen sich jedes Mal und erreichen einen Millionenbetrag. Für die weltweiten Vermarktungsrechte der vier Copa Americas von 2015 an werden bereits insgesamt Schmiergelder in Höhe von 110 Millionen an elf CONMEBOL-Offizielle vereinbart.

Gold Cup

Mit Hilfe des gleichen Mit-Verschwörers (#2) wird ein System wie bei der Copa America aufgebaut. Traffic USA erwirbt von 1996 an für fünf Auflagen auch die Vermarktungsrechte der Nord- und Mittelamerika-Meisterschaft. Bis zum Turnier 2003 fließen Hunderttausende Dollar an Schmiergeldzahlungen an CONCACAF-Präsident Jack Warner. Diese werden ebenfalls versucht, über Mittelsmänner zu verschleiern. Warners Nachfolger Jeffrey Webb erhält 1,1 Millionen für seine Zusage der Rechte am Gold Cup und CONCACAF Champions League 2012 an Traffic USA. Für die Turniere im folgenden Jahr sind es bereits zwei Millionen.

Copa Libertadores

Rund um 2000 hält Leoz auch hier die Hand auf und bekommt von einem Mit-Verschwörer (#5) einer Sport-Marketing-Agentur Schmiergeld- und Kickback-Zahlungen für die Werberechte an der südamerikanischen Vereins-Königsklasse. 2006 weist Leoz #5 an, aus dem Werbekontrakt mit dem CONMEBOL mehr als zwei Millionen US-Dollar auf persönliche Konten in Schweiz und Paraguay zu lenken.

Brasilianische Nationalmannschaft

Ein multinationaler Sport-Ausrüster aus den USA erwirbt 1996 die Ausrüsterrechte für zehn Jahre für 160 Millionen US-Dollar. Der Ausrüster stimmt zu, weitere 40 Millionen an eine Tochter von Traffic Brasil zu zahlen. Die Hälfte fließt als Schmiergeld von Mit-Verschwörer (#2) an eine weitere namentlich nicht genannte Person. 2002 wird der Ausrüstervertrag vorzeitig aufgelöst.

WM-Vergabe 2010

CONCACAF-Präsident Warner berichtet einem Mitverschwörer, dass hohe FIFA-Offizielle, die südafrikanische Regierung und das südafrikanische Bieter-Komitee bereit seien, eine Zahlung von Südafrikas Regierung in Höhe von 10 Millionen Dollar an den CFU zu arrangieren. Diese soll „die afrikanische Diaspora unterstützen“. Mitverschwörer #1 versteht, dass Warner, er selbst und Mitverschwörer #17 für Südafrika als Gastgeber der WM 2010 stimmen sollen. Warner deutet an, dass er das Angebot akzeptiert und sagt Mitverschwörer #1 zu, eine Million Dollar weiterzureichen.

Die südafrikanische Regierung soll die Zahlungen daraufhin jedoch nicht direkt aus Regierungstöpfen vornehmen können. In drei Margen weist ein hochrangiger FIFA-Funktionär an, dass zehn Millionen Dollar von einem FIFA-Konto in der Schweiz auf ein US-Konto fließen. Das Geld landet schließlich auf Konten im Namen der Karibischen Fußball-Union CFU und CONCACAF, kontrolliert von Warner, in Trinidad und Tobago. Durch Geldwäsche bei Mittelsmänner fließen Teile des Geldes schließlich zu Unternehmen in Trinidad und Tobago sowie Warners Privatkonten. Mit-Verschwörer #1 erhält mehr als 750.000 Euro von Warner.

Fifa-Präsidentschaftswahl 2011

Mit-Verschwörer #7, ein hoher Funktionär der FIFA und des asiatischen Verbands AFC, erklärt 2011 seine Kandidatur für das FIFA-Präsidentenamt. Ende April fließen 363 537,98 Dollar von einem Konto, das Mit-Verschwörer #7 kontrolliert auf ein Konto des CFU, das Warner kontrolliert. Im Mai stellt #7 den CFU-Verbänden seine Kandidatur vor, Warner sagt den Funktionären, dass sie sich ein „Geschenk“ abholen könnten. Die Repräsentanten erhalten jeweils einen Umschlag mit 40 000 US-Dollar. Nachdem das System aufliegt und Warner von seinen Posten zurücktritt, veranlasst Mit-Verschwörer #7 eine Zahlung von mehr als 1,2 Millionen Dollar auf ein Konto, das Warner kontrolliert.

Der Engländer David Gill hat gesagt, dass er nicht ins FIFA-Exekutivkomitee geht, sollte Blatter wiedergewählt werden. Sehen Sie ähnliche Schritte für sich selbst?

David ist ein guter Freund von mir. Das sind auch innere Kämpfe, die auch bei mir jetzt stattfinden. Das ist ein Abwägen: Boykottiert man etwas oder geht man ins Exekutivkomitee rein und hat die Chance auch wirklich etwas zu verändern. Die Frage stellt sich schon am Samstag, wenn wir im neuen Exekutivkomitee beraten müssen, ob Europa die WM-Plätze künftig behält, konkret für Russland: 13 plus Russland. Da brauchen wir jede Stimme. Es ist ein Abwägen, und wie immer diese Wahl und dieser Kongress ausgehen, haben wir auch verabredet, dass wir uns rund um das Champions-League-Finale auch mit der Uefa sondieren.

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