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15.12.2015

14:02 Uhr

DFB-Skandal

Niersbach schießt scharf gegen Beckenbauer

Quelle:SID

Was passierte mit den dubiosen 6,7 Millionen Euro, die vor der WM 2006 vom DFB an die Fifa gingen? Ex-DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hat Franz Beckenbauer schwer belastet. Vorabinformationen - sehr zum Ärger des DFB.

SID

Niersbach spricht sich für Reformen in der FIFA aus

Frankfurt/MainDer im Zuge der WM-Affäre zurückgetretene DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hat Franz Beckenbauer im Gespräch mit der ermittelnden Kanzlei Freshfields offenbar schwer belastet.

Das geht aus Vernehmungsprotokollen hervor, aus denen die Bild-Zeitung am Dienstag zitiert. Demnach sei die dubiose Zahlung von 6,7 Millionen Euro inoffiziell an die Finanzkommission des Weltverbandes FIFA geflossen, um damit 2002 die Wiederwahl von Präsident Joseph S. Blatter zu finanzieren.

Niersbach erinnere sich laut der Protokolle, dass Beckenbauer ihm 2002 nach Blatters Wiederwahl gesagt habe: "Der ist auch mit meinen Geld gewählt worden." Ähnlich soll sich auch der ehemalige DFB-Vize-Generalsekretär Stefan Hans geäußert haben.

DFB-Affäre um WM 2006

16. Oktober

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) räumt in einer Pressemitteilung Ungereimtheiten rund um eine Zahlung in Höhe von 6,7 Millionen Euro an den Weltverband Fifa ein.

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtet, dass für den Zuschlag der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 Geld aus einer schwarzen Kasse des Bewerbungskomitees geflossen sei, um damit vier entscheidende Stimmen im Fifa-Exekutivkomitee zu kaufen. Das Geld soll vom ehemaligen Adidas-Boss Robert Louis-Dreyfus gekommen sein. Der DFB weist den „Spiegel“-Bericht als haltlos zurück.

17. Oktober

Erstmals äußert sich DFB-Präsident Wolfgang Niersbach zu den Vorwürfen: „Ich kann versichern, dass es im Zusammenhang mit der Bewerbung und Vergabe der WM 2006 definitiv keine schwarzen Kassen beim DFB, dem Bewerbungskomitee noch dem späteren Organisationskomitee gegeben hat.“

18. Oktober

Franz Beckenbauer meldet sich zu Wort und dementiert den „Spiegel“-Bericht: „Ich habe niemandem Geld zukommen lassen, um Stimmen für die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft 2006 nach Deutschland zu akquirieren. Und ich bin sicher, dass dies auch kein anderes Mitglied des Bewerbungskomitees getan hat.“

19. Oktober

Die Staatsanwaltschaft prüft einen Anfangsverdacht für ein Ermittlungsverfahren. Als mögliche Tatbestände nennt eine Sprecherin Betrug, Untreue oder Korruption.

Niersbach weist die Korruptionsvorwürfe erneut vehement zurück, räumt aber erstmals „den einen offenen Punkt“ ein: „Dass man die Frage stellen muss, (...) wofür diese Überweisungen der 6,7 Millionen verwendet wurden.“

Ex-DFB-Boss Theo Zwanziger äußert Zweifel an der internen Aufarbeitung des DFB.

21. Oktober

Die DFB-Landesverbände fordern von Niersbach eine schnelle Aufklärung der Korruptionsvorwürfe.

22. Oktober

Niersbach tritt in Frankfurt sichtlich erschöpft vor die Presse und bringt nur wenig Licht ins Dunkel um die WM 2006.

23. Oktober

Das DFB-Präsidium stärkt Niersbach den Rücken, hält aber „strikt daran fest [...], dass lückenlos aufgeklärt wird.“

Zwanziger bezichtigt Niersbach der Lüge und berichtet im „Spiegel“ von der vermeintlichen Existenz einer schwarzen Kasse „in der deutschen WM-Bewerbung“. Es sei „ebenso klar, dass der heutige Präsident des DFB davon nicht erst seit ein paar Wochen weiß, wie er behauptet, sondern schon seit mindestens 2005“.

26. Oktober

Beckenbauer räumt in der Affäre erstmals einen „Fehler“ ein. Das Organisationskomitee hätte nicht auf einen Vorschlag der Fifa-Finanzkommission eingehen dürfen, um einen Finanzzuschuss zu bekommen, teilte der damalige OK-Präsident mit.

27. Oktober

Die vom DFB beauftragte Wirtschaftskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer erklärt, mit Ergebnissen in der Affäre sei nicht schnell zu rechnen.

28. Oktober

Zwanziger sagt vor den externen Ermittlern der Anwaltskanzlei aus: „Ich habe dort alle meine Dokumente vorgelegt, meine Anmerkungen und meine Einschätzungen präsentiert.“

3. November

Die Staatsanwaltschaft führt beim DFB in Frankfurt/Main eine Steuer-Razzia durch. Zudem durchsucht sie die Wohnungen von Niersbach, Zwanziger und dem ehemaligen DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt. Die Beamten ermitteln im Zusammenhang mit 6,7-Millionen-Euro-Zahlung wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall.

6. November

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ veröffentlicht angeblich von Niersbach stammende handschriftliche Notizen auf einem Schreiben des WM-OK an die Fifa aus dem Jahr 2004. Diese sollen belegen, dass der heutige DFB-Präsident nicht erst in diesem Jahr von den umstrittenen Vorgängen Kenntnis hatte.

9. November

Nach einer Sitzung des DFB-Präsidiums und einem Treffen mit den Chefs der fünf Regional- und 21 Landesverbänden erklärt Wolfgang Niersbach seinen Rücktritt als Präsident des Deutschen Fußball-Bunds. Niersbach erklärt, er habe sich nichts vorzuwerfen und sieht sich mit vielen offenen Fragen konfrontiert. Umso schwerer sei ihm die Entscheidung gefallen, die politische Konsequenz daraus zu ziehen.

Beim FIFA-Kongress 2002 in Seoul, bei dem Blatter im Amt bestätigt wurde, habe Beckenbauer auf die Frage, wem Blatter seine Wiederwahl zu verdanken habe, auf sich gezeigt. 

Beckenbauer hatte Ende November die ominöse Überweisung der WM-Macher von 6,7 Millionen Euro an die FIFA aus dem Jahr 2005 mit fragwürdigen Begleitumständen eines drei Jahre zuvor vereinbarten Deals begründet.

DFB: Die deutsche Bewerbung zur WM 2006

2. Juni 1993

DFB-Vizepräsident Gerhard Mayer-Vorfelder übergibt in Zürich als erster Bewerber die deutsche Kandidatur für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 an FIFA-Präsident Joao Havelange.

27. Dezember 1996

DFB-Präsident Egidius Braun setzt bei der Kandidatur auf "Lichtgestalt" Franz Beckenbauer, der als WM-Botschafter für Deutschland werben soll.

2. März 1997

Der DFB gründet ein fünfköpfiges Bewerbungs-Komitee bestehend aus Egidius Braun, Franz Beckenbauer, Gerhard Mayer-Vorfelder, DFB-Generalsekretär Horst Schmidt und DFB-Pressesprecher Wolfgang Niersbach.

27. Mai 1997

Die offizielle Präsentation der deutschen Bewerbung findet im Münchner Prinzregenten-Theater statt, unter dem Motto „Wir sehen uns im Herzen Europas“.

10. Februar 1998

Kehrtwende von Joao Havelange. Er wirft Deutschland vor, den Weltfußball dominieren zu wollen. Den Schweden Lennart Johansson erklärt er zu einem Strohmann der Deutschen und rät von dessen Wahl zum neuen Fifa-Chef ab.

30 November 1998

Ein aufgedeckter Bestechungsskandal bei der Wahl zum FIFA-Vizepräsidenten setzt Englands Verbandspräsident und Drahtzieher Keith Wiseman unter Druck. Wenig später tritt neben Wiseman auch FA-Generalsekretär Graham Kelly zurück.

31. Dezember 1998

Die Bewerbungsgfrist läuft ab. Offiziell gehören England, Brasilien, Südafrika, Ägypten, Nigeria, Marokko, Ghana und Deutschland zum Kreis der Kandidaten.

Steuerbefreiung

12. Januar 1999: Die FIFA verlangt von den Bewerbern eine Garantie über Steuerbefreiung für die WM.

18. Januar 1999: Bundesaußenminister Joschka Fischer sagt dem DFB die volle Unterstützung seines Ministeriums zu.

29. Januar 1999: Die FIFA erlässt einen fünfseitigen Pflichtenkatalog für die Kandidaten, um Bestechung vor der Vergabe der WM zu verhindern.

4. Februar 1999: Bundesinnenminister Otto Schily stellt dem DFB eine Befreiung der FIFA von der 25-prozentigen Ertragssteuer in Aussicht.

Rückzug der Konkurrenten

28. April 1999: Ghana zieht seine Kandidatur zurück, kurz darauf auch Ägypten und Nigeria.

WM-Dossier

10. August 1999: In Zürich übergeben die fünf Bewerber ihre offiziellen Dossiers. Das deutsche ist 1200 Seiten stark und wiegt 37 Kilogramm.

Lob für die deutsche Bewerbung

16.-21. Oktober 1999: Eine Inspektoren-Gruppe der FIFA besucht neun deutsche Städte und deren Fußball-Stadien. Delegastionsleiter Alan Rothenberg lobt die "phänomenale Vorarbeit" des DFB.

Beckenbauer will Deal mit Südafrika

14. Januar 2000: Franz Beckenbauer bietet Südafrika seine Hilfe für eine Kandidatur 2010 an, wenn die Afrikaner ihre aktuelle Bewerbung fallen lassen würden.

Empörung in England

30. Juni 2000: Am Rande des UEFA-Kongresses in Luxemburg sickert durch, dass Deutschland in der Rangliste des Welt-Verbandes nach den Inspektionsreisen des FIFA-Gremiums unter Führung des US-Amerikaners Alan Rothenberg an Nummer eins vor Südafrika, England, Marokko und Brasilien geführt wird. In England herrscht helle Empörung.

3. Juli 2000: Brasilien zieht seine Kandidatur zurück und kündigt seine Unterstützung für Südafrika an.

Boris und Schiffer als Glücksbringer

5. Juli 2000: Letzte 30-minütige Präsentation des DFB vor der FIFA. Als Daumendrücker sind Bundeskanzler Gerhard Schröder, Top-Model Claudia Schiffer und Tennisstar Boris Becker vor Ort.

And the winner is...

6. Juli 2000: Die DFB-Bewerbung behält bei der Abstimmung im FIFA-Exekutivkomitee im letzten Wahlgang mit 12:11 Stimmen die Oberhand gegen die Kandidatur Südafrikas. Deutschland ist zum zweiten Mal nach 1974 WM-Gastgeber.

Die FIFA-Finanzkommission soll 2002 für einen späteren Organisationszuschuss von 250 Millionen Schweizer Franken eine Zahlung von zehn Millionen Schweizer Franken (6,7 Millionen Euro) verlangt haben.

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