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14.11.2015

16:42 Uhr

DFB-Team im Terror von Paris

Der Sport ist nicht einmal mehr Nebensache

Die Nacht mit 70 Menschen im Kabinentrakt verbracht, lange Ungewissheit, mittendrin im Terror: Für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft endet eine albtraumhafte Nacht in Frankfurt, in Sicherheit.

Fassungslosigkeit, Hilflosigkeit: Der Sport tritt völlig in den Hintergrund. dpa

Teammanager Oliver Bierhoff

Fassungslosigkeit, Hilflosigkeit: Der Sport tritt völlig in den Hintergrund.

Frankfurt, ParisAls die eilig herbeigerufene Sondermaschine endlich mit vollem Schub in den Morgenhimmel von Paris abhob, fielen die Fußball-Weltmeister in ihren Sitzen in einen tiefen Schlaf. Fast zehn Stunden bislang nicht gekannter Sorge und eine bange Nacht in den Katakomben des Stade de France hatte die Nationalspieler unglaublich müde gemacht. Erst bei der Landung eine knappe Stunde später in Frankfurt fiel die Anspannung bei Lukas Podolski und Co. spürbar ab. Die Terroranschläge von Paris und die selbst gespürte Bedrohung rund um die Endspielarena für die EM 2016 in Saint-Denis konnte gedanklich endlich ein wenig abgestreift werden.

Nach der eiligen Rückkehr aus Paris hat Joachim Löw seine von den Terroranschlägen gezeichneten Weltmeister erst einmal nach Hause zu ihren Familien geschickt. Dort sollten die 24 Akteure um Kapitän Bastian Schweinsteiger nach einer schlaflosen Nacht im Stade de France „erstmal durchatmen und bei ihren Liebsten sein können“, sagte Teammanager Oliver Bierhoff am Samstag nach der Landung.

„Dann schauen wir weiter“, ergänzte Bierhoff mit Blick auf die nun zentrale Entscheidung des DFB über die Austragung des für Dienstag (20.45 Uhr) in Hannover angesetzten Länderspiels gegen die Niederlande. Dominierend für alle Beteiligten waren immer noch die beklemmenden Stunden nach den miterlebten Anschlägen in Frankreichs Hauptstadt am Freitagabend während der Partie gegen den EM-Gastgeber. Die 0:2-Niederlage war völlig nebensächlich, die Betroffenheit über die weit mehr als hundert Todesopfer und die Sorge um die eigene Sicherheit beherrschten die Szenerie in der Mannschaftskabine.

Reaktionen aus der Sportwelt

Die Erklärung des DFB-Teams

„Wir sind nach Paris gekommen, um das zu tun, was uns alle verbindet. Fußball zu spielen, miteinander, gegeneinander, in Freundschaft. Um gemeinsam mit den Fans einen schönen Abend zu erleben, sportlich ehrgeizig, aber vor allem friedlich und fair. Wir haben uns auf das Stade de France gefreut, auf einen Fußballabend, der für uns alle in einem Alptraum endete. Es war ein dumpfer Knall, der alles verändert hat. Und der die Bilder gebracht hat, die uns noch lange begleiten werden. Wir haben die Nacht im Stadion viel nachgedacht. Wir haben uns gefragt, warum so etwas passieren kann? Wie so viel Unmenschlichkeit möglich ist? Antworten haben wir viele gefunden, aber keine, die diese feigen Anschläge erklären kann. Wir haben am Freitag ein Fußballspiel verloren - und es gibt nichts, was in diesem Moment unwichtiger war.“

Reaktion der Fifa

In Briefen an die Spitzen des deutschen und des französischen Fußballverbandes hat FIFA-Interimspräsident Issa Hayatou seine Anteilnahme nach den Angriffen am Stade de France ausgedrückt. „Mit Bestürzung und schockiert haben wir von den schrecklichen Terroranschlägen, welche sich gestern in Paris und in der Nähe des Stade de France während des Spiels Frankreich-Deutschland ereignet haben, Kenntnis nehmen müssen“, hieß es in dem Schreiben des Kameruners am Samstag.

Er drücke „allen Mitgliedern des Deutschen Fußball-Bundes sowie allen Fans, welche im Stadion anwesend waren, die Solidarität der internationalen Fußballgemeinschaft“ aus, schrieb Hayatou an das DFB-Präsidium. In dem Schreiben an den französischen Verbandschef Noël Le Graët betonte Hayatou zudem sein Mitgefühl mit den Familien der Opfer der Terroranschläge in Paris.

Reaktionen aus der Bundesliga (1)

„Unsere Gedanken sind bei den Opfern der Anschläge in Paris und ihren Angehörigen. #PrayforParis“, schrieb der deutsche Meister FC Bayern München am Samstagmorgen im Kurznachrichtendienst Twitter. „Ergebnis unwichtig. An alle in #Paris: Passt bitte auf Euch auf. Unsere Gedanken sind bei den Opfern“, twitterte Borussia Dortmund nach der 0:2-Niederlage der deutschen Nationalmannschaft in Frankreich.

Reaktionen aus der Bundesliga (2)

Fast alle Clubs äußerten in sozialen Netzwerken ihre Sorge und Betroffenheit. „Wenn Fußball so unwichtig ist - Hertha BSC trauert mit den Franzosen!“, hieß es aus Berlin. Hannover 96 twitterte: „#NiemalsAllein: Wir sind in Gedanken bei den Angehörigen der Opfer von #Paris.“, von Borussia Mönchengladbach kam die Kurznachricht: „Heute rückt der Fußball in den Hintergrund. Wir trauern um alle Opfer in Paris und wünschen den Angehörigen viel Kraft.“ Clubs wie der FC Schalke 04, der Hamburger SV oder der 1. FC Köln schrieben nach den Angriffen mit mindestens 120 Toten: „#PrayForParis“.

Reaktion aus der Formel 1 (1)

Nach dem Terrorangriff von Paris hat die Formel 1 ihr Mitgefühl mit den Opfern und Hinterbliebenen bekundet. „Unsere Gedanken sind bei allen, die von dieser Tragödie in Paris betroffen sind“, teilte die Formel 1 im Kurznachrichtendienst Twitter mit. Chefvermarkter Bernie Ecclestone zeigte sich schockiert. „Wir leben in einer bösen Welt mit bösen Menschen“, sagte der 85-Jährige im Fahrerlager. Eine geeignete Maßnahme, den Opfern und Hinterbliebenen Ehre zu erweisen, gebe es nicht. „Was auch immer wir sagen, wird die Menschen nicht zurückbringen.“

Auch der französische Automobil-Weltverbandschef Jean Todt reagierte extrem betroffen. „Die ganze Welt kann nur schrecklich geschockt sein, über das was passiert ist“, sagte Todt. Nach Angaben eines Sprechers des Automobil-Weltverbands FIA ist vor dem Grand Prix am Sonntag (17.00 Uhr/RTL und Sky) eine Schweigeminute geplant.

Reaktion aus der Formel 1 (2)

„Ich bete für alle, die in Paris betroffen sind“, schrieb Weltmeister Lewis Hamilton in der Nacht zu Samstag. Sein Mercedes-Teamkollege Nico Rosberg zeigte sich ebenso erschüttert. „Sprachlos über die Tragödie in Frankreich. Meine Gedanken sind mit euch“, teilte Rosberg am Rande des Grand Prix von Brasilien in São Paulo mit.

„Das ist eine Tragödie für Paris, für Frankreich und für die ganze Welt“, erklärte McLarens französischer Renndirektor Eric Boullier. „Wir werden zusammenstehen, um diese Tragödie zu überwinden“, teilte die Formel-1-Abteilung von Renault mit. „Ich bin im Herzen bei jenen, die von dieser schrecklichen Tragödie betroffen sind“, schrieb der ehemalige Formel-1-Weltmeister Jenson Button.

„Wir waren schockiert und stark berührt“, berichtete Bierhoff. „Man hat es einfach gemerkt: Auch die Spieler waren sehr ängstlich“, sagte der Manager. „Je mehr Informationen, je mehr Anrufe aus Deutschland für die Spieler kamen, besorgte SMS, hat man schon gemerkt, dass die Mannschaft betroffen ist. Deswegen haben wir entschieden, ihnen erst einmal freizugeben, sie nach Hause zu schicken, damit sie erst mal durchatmen und bei ihren Liebsten sein können. Dann schauen wir weiter“, sagte Oliver Bierhoff.

Auch am als Krisenmanager gefragten Ex-Nationalspieler war die prekäre Lage nach dem sportlich bedeutungslos gewordenen Länderspiel nicht spurlos vorbeigegangen. „Das war natürlich sehr bewegend. Wir waren schockiert und stark berührt. Man hat es einfach gemerkt: Auch die Spieler waren sehr ängstlich. Die Informationslage war nicht immer so ganz klar. Man wollte auch jedem Risiko aus dem Weg gehen“, sagte Bierhoff.

Die Dunkelheit hing noch über Paris, als sich der DFB-Konvoi in den frühen Morgenstunden mit einer Blaulichteskorte der Polizei über die Autobahn auf dem Weg vom Stade de France Richtung Norden zum Flughafen Charles de Gaulle machte. Entgegen erster Berichte waren die Spieler nach dem verlorenen Spiel gegen Frankreich doch nicht in ihr Hotel zurückgekehrt. Aus Sicherheitsgründen.

„Dass sie dann, als sie nicht den Weg ins Hotel wählen konnte, mit 60, 70 Personen in der Umkleidekabine geblieben ist, macht mich stolz, dass die Mannschaft das so diszipliniert, so überragend gelöst hat“, sagte DFB-Interimspräsident Reinhard Rauball.

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