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09.11.2015

13:16 Uhr

DFB vor Krisensitzung

Runter mit der Maske des Anstands

Wolfgang Niersbach muss heute dem DFB-Präsidium Rede und Antwort stehen. Der Verbandschef ist zuversichtlich, dass er Unklarheiten in der Steueraffäre um die WM 2006 ausräumen kann. Doch das Grundproblem des DFB bleibt.

Der Montag könnte für den DFB-Präsidenten zum Schicksalstag werden. ap

Quo vadis, Wolfgang Niersbach?

Der Montag könnte für den DFB-Präsidenten zum Schicksalstag werden.

FrankfurtAuf dem Weg zu den Krisensitzungen von DFB-Präsidium und Fußball-Landesfürsten landeten Deutschlands Top-Funktionäre um den angeschlagenen Verbandschef Wolfgang Niersbach in einer Sackgasse. Die geografische Lage der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes am Ende einer Stichstraße im Frankfurter Stadtwald ist in der durch den WM-Skandal ausgelösten Krise ein Sinnbild der diffizilen Situation des größten Sportfachverbandes der Welt.

Unabhängig vom Ausgang der außerordentlichen Treffen am Montag und unabhängig von Position oder Posten von Niersbach: Der DFB muss seine Strukturen und gerade seine Kontrollmechanismen überdenken, will er dem mit Verve zelebrierten Selbstbild als gesellschaftlich relevante Kraft wieder gerecht werden.

Niersbach will sich in der wichtigen Präsidiumssitzung am Montagnachmittag allen offenen Fragen in der WM-Affäre stellen. „Ich bin sehr zuversichtlich, dass ich den Kollegen im Präsidium und anschließend auch den Präsidenten der Landesverbände alle Fragen beantworten kann, Antworten geben kann, die jetzt erwartet werden und die auch die Öffentlichkeit erwartet“, sagte Niersbach am Montag dem TV-Sender N24.

DFB-Affäre um WM 2006

16. Oktober

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) räumt in einer Pressemitteilung Ungereimtheiten rund um eine Zahlung in Höhe von 6,7 Millionen Euro an den Weltverband Fifa ein.

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtet, dass für den Zuschlag der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 Geld aus einer schwarzen Kasse des Bewerbungskomitees geflossen sei, um damit vier entscheidende Stimmen im Fifa-Exekutivkomitee zu kaufen. Das Geld soll vom ehemaligen Adidas-Boss Robert Louis-Dreyfus gekommen sein. Der DFB weist den „Spiegel“-Bericht als haltlos zurück.

17. Oktober

Erstmals äußert sich DFB-Präsident Wolfgang Niersbach zu den Vorwürfen: „Ich kann versichern, dass es im Zusammenhang mit der Bewerbung und Vergabe der WM 2006 definitiv keine schwarzen Kassen beim DFB, dem Bewerbungskomitee noch dem späteren Organisationskomitee gegeben hat.“

18. Oktober

Franz Beckenbauer meldet sich zu Wort und dementiert den „Spiegel“-Bericht: „Ich habe niemandem Geld zukommen lassen, um Stimmen für die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft 2006 nach Deutschland zu akquirieren. Und ich bin sicher, dass dies auch kein anderes Mitglied des Bewerbungskomitees getan hat.“

19. Oktober

Die Staatsanwaltschaft prüft einen Anfangsverdacht für ein Ermittlungsverfahren. Als mögliche Tatbestände nennt eine Sprecherin Betrug, Untreue oder Korruption.

Niersbach weist die Korruptionsvorwürfe erneut vehement zurück, räumt aber erstmals „den einen offenen Punkt“ ein: „Dass man die Frage stellen muss, (...) wofür diese Überweisungen der 6,7 Millionen verwendet wurden.“

Ex-DFB-Boss Theo Zwanziger äußert Zweifel an der internen Aufarbeitung des DFB.

21. Oktober

Die DFB-Landesverbände fordern von Niersbach eine schnelle Aufklärung der Korruptionsvorwürfe.

22. Oktober

Niersbach tritt in Frankfurt sichtlich erschöpft vor die Presse und bringt nur wenig Licht ins Dunkel um die WM 2006.

23. Oktober

Das DFB-Präsidium stärkt Niersbach den Rücken, hält aber „strikt daran fest [...], dass lückenlos aufgeklärt wird.“

Zwanziger bezichtigt Niersbach der Lüge und berichtet im „Spiegel“ von der vermeintlichen Existenz einer schwarzen Kasse „in der deutschen WM-Bewerbung“. Es sei „ebenso klar, dass der heutige Präsident des DFB davon nicht erst seit ein paar Wochen weiß, wie er behauptet, sondern schon seit mindestens 2005“.

26. Oktober

Beckenbauer räumt in der Affäre erstmals einen „Fehler“ ein. Das Organisationskomitee hätte nicht auf einen Vorschlag der Fifa-Finanzkommission eingehen dürfen, um einen Finanzzuschuss zu bekommen, teilte der damalige OK-Präsident mit.

27. Oktober

Die vom DFB beauftragte Wirtschaftskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer erklärt, mit Ergebnissen in der Affäre sei nicht schnell zu rechnen.

28. Oktober

Zwanziger sagt vor den externen Ermittlern der Anwaltskanzlei aus: „Ich habe dort alle meine Dokumente vorgelegt, meine Anmerkungen und meine Einschätzungen präsentiert.“

3. November

Die Staatsanwaltschaft führt beim DFB in Frankfurt/Main eine Steuer-Razzia durch. Zudem durchsucht sie die Wohnungen von Niersbach, Zwanziger und dem ehemaligen DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt. Die Beamten ermitteln im Zusammenhang mit 6,7-Millionen-Euro-Zahlung wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall.

6. November

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ veröffentlicht angeblich von Niersbach stammende handschriftliche Notizen auf einem Schreiben des WM-OK an die Fifa aus dem Jahr 2004. Diese sollen belegen, dass der heutige DFB-Präsident nicht erst in diesem Jahr von den umstrittenen Vorgängen Kenntnis hatte.

9. November

Nach einer Sitzung des DFB-Präsidiums und einem Treffen mit den Chefs der fünf Regional- und 21 Landesverbänden erklärt Wolfgang Niersbach seinen Rücktritt als Präsident des Deutschen Fußball-Bunds. Niersbach erklärt, er habe sich nichts vorzuwerfen und sieht sich mit vielen offenen Fragen konfrontiert. Umso schwerer sei ihm die Entscheidung gefallen, die politische Konsequenz daraus zu ziehen.

Doch das könnte bereits zu spät sein. „Vor drei Wochen war der DFB noch eine Art Leuchtturm. Es gab die Hoffnung, dass man Reformen im Weltfußball über den DFB und seine Standards würde etablieren können“, sagte der Philosoph Wolfram Eilenberger bei Sport1. „Dieses Kartenhaus ist nun natürlich vollkommen in sich zusammengebrochen. Wir bewegen uns seit drei Wochen zwischen Tragik und Farce.“

Tragik und Farce: Gerade Niersbach verkörpert diese Begrifflichkeiten - auch mit seinem für einen Medienprofi erschreckend schwachen Krisenmanagement. „Der Fußball ist in Deutschland so beliebt wie nie“, sagte er noch voller Stolz bei der Präsentation der neuen Mitgliederstatistik im August. 6.889.115 Menschen in 25.324 Vereinen. Diese Zahlen belegen die ungebrochene Beliebtheit des Fußballs in Deutschland. Und vermutlich werden auch die Einblicke in die Geschäftskultur rund um das WM-Sommermärchen daran nichts ändern.

Einer hat sich bereits abgewendet: Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger ist im WM-Skandal nicht mehr zu einer Zusammenarbeit mit den vom Deutschen Fußball-Bund beauftragten externen Ermittlern bereit. Wie Zwanzigers Anwalt am Montag in einem Brief an den DFB mitteilte, begründet der frühere Präsident des Deutschen Fußball-Bunds dies mit den angeblichen Verbindungen der Kanzlei Freshfields zum ehemaligen FIFA-Funktionär Mohamed bin Hammam und zum Staat Katar.

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