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13.09.2016

14:35 Uhr

Die Lehren der EM

Die Gründe für die Torflaute

Durch den stärkeren Defensiv-Fokus der Teams bei der EM änderte sich das Spiel nach Ansicht von Experten deutlich. Die Torarmut bei der EM in Frankreich hat also taktischen Gründe – und auch Konsequenzen.

Gerade Julian Draxler und das DFB-Elf trafen bei der EM immer wieder auf ultradefensive Gegner. dpa

Kein Durchkommen

Gerade Julian Draxler und das DFB-Elf trafen bei der EM immer wieder auf ultradefensive Gegner.

ParisGrößerer Fokus auf Defensive, mehr Tore nach Standards und ein Ein-Stürmer-System – diese Trends identifizieren Experten in ihrer Analyse der EM in Frankreich als stilprägend für den modernen Fußball. So führte die Ausweitung des Kontinentalturniers auf 24 Teams nach Ansicht der Technischen Kommission für die EM zu einer größeren taktischen Varianz, aber auch geringerer Risikobereitschaft. „Viel Arbeit wurde in defensive Strukturen investiert“, erklärte der frühere Bundesliga-Trainer Thomas Schaaf als Mitglied des Technikteams bei der Euro. „Der Angriff basierte auf einer gesicherten defensiven Organisation. Die Teams standen kompakt und rückten schnell wieder auf ihre Verteidigungspositionen.“

Die Europäische Fußball-Union veröffentlichte am Dienstag den Technischen Bericht für die erste EM mit 24 Teilnehmern in diesem Sommer in Frankreich. Bei der Euro war der Schnitt von 2,45 Toren pro Partie 2012 auf 2,12 gesunken. „Das Turnier hatte viele Spiele zwischen Teams, die offen spielten und solchen, die mit angezogener Handbremse antraten“, heißt es im Report.

Einmaleins der Fußballtaktik

Grundordnung

Viele Mannschaften spielen mit vier Verteidigern, zwei Spielern vor der Verteidigern, drei Mittelfeldspielern und einem Stürmer, kurz: 4-2-3-1. Dies ist die sogenannte Grundordnung einer Mannschaft. Durch das Verhalten auf dem Platz wird sie zum System. Das heißt: Was passiert im Spiel gegen den Ball und bei Ballbesitz?

Quelle: Fußballtraining, November 2013

Gegen den Ball spielen

Häufig spielen Teams im 4-2-3-1 in der Verteidigung ein 4-4-2-System gegen den Ball. Im Wechsel schieben Mittelfeldspieler und Stürmer vor und zurück.

In Ballbesitz

Die Grundordnung ändert sich deutlich, wenn die Mannschaft in Ballbesitz ist. Aus dem 4-2-3-1 wird dann oft ein 2-3-2-3. Die Außenverteidiger rücken vor, zwei Mittelfeldspieler ebenfalls. Einer der defensiven Mittelfeldspieler sichert ab, der andere schaltet sich in die Offensive ein.

FC Bayern – gegen den Ball

Unter Pep Guardiola spielt der FC Bayern gegen den Ball ein 4-3-3. Die Mannschaft erobert den Ball auch oft im Gegenpressing aus einer 3-3-4-Formation heraus.

FC Bayern – in Ballbesitz

In Ballbesitz rücken die beiden Außenverteidiger ins Zentrum vor, je nach Situation. Ein Sechser agiert defensiv zentral und öffnet so Räume.

Viererkette

Noch heute spielen viele Mannschaften mit einem Spieler hinter der Abwehr, dem Libero. Im modernen Fußball wird der letzte Mann in eine Kette von vier Spielern integriert, die auf einer Linie agieren und bevorzugt den Raum decken. Diese Viererkette besteht aus je zwei Außen- und Innenverteidigern.

Der Sechser

Dieser zentrale Mittelfeldspieler hat drei Hauptaufgaben. Er sichert seine ballführenden Mitspieler ab, er verlagert das Spiel, und er kann den Innenverteidigern in der Spieleröffnung helfen. Er sollte also ein technisch und läuferisch starker Spieler sein.

Der Neuner

Der zentrale Stürmer lässt sich im modernen Fußball immer wieder ins Mittelfeld fallen. Er entzieht sich also dem ständigen Zugriff der Innenverteidiger. Der Ungar Nándor Hidegkuti galt in den fünfziger Jahren als die erste Neuneinhalb, Johan Cruyff in den siebziger Jahren ebenso. Bei der variablen Neun wird die Position frei gelassen und immer wieder von unterschiedlichen Spielern besetzt.

Die weiteren Trends

Konter: Wegen des höheren Fokus auf eine geordnete Defensive verlieren Konterangriffe an Effektivität. Fielen 2008 noch 46 Prozent der Tore aus dem Spiel heraus nach Kontern, waren es 2012 nur noch 23 Prozent. Diese Zahl bestätigte sich 2016 – zudem wurden Konter vor allem in der Schlussphase der Partien erfolgreich abgeschlossen, wenn das zurückliegende Team voll auf Angriff setzte: So zum Beispiel bei Bastian Schweinsteigers 2:0 in der Vorrunde gegen die Ukraine.

EM-Bilanz: Das Ende der Angstgegner

EM-Bilanz

Das Ende der Angstgegner

Ewiger Mitfavorit, niemals Titelgewinner: Portugal hat mit dem Sieg im EM-Finale sein großes Trauma überwunden. Damit sind sie nicht allein. Gleich eine Reihe von Angst-Duellen wurden aus der Fußballhistorie gelöscht.

Stürmer: Der Trend zum Ein-Stürmer-System setzt sich fort. 18 der 24 Trainer vertrauten auf ein System mit nur einer Spitze. Und auch deren Aufgabe ändert sich. „Wir haben viele gute Angreifer gesehen. Aber sie arbeiten hart für das Team anstelle in einer traditionellen Rolle des 'eigensinnigen Stürmers' zu agieren“, stellt der Report fest.

Lange Bälle: Nicht nur bei Bundestrainer Joachim Löw galt der weite Pass aus der Abwehr heraus lange als verpönt. Doch durch den großen Defensivfokus vieler Teams ist dies wieder ein probates Mittel. Alle 24 Teams spielten mindestens zehn Prozent ihrer Pässe über lange Distanz – vor vier Jahren lag noch ein Drittel der Mannschaften unter dieser Marke. Nur drei Teams spielten weniger lange Bälle als Deutschland (12 Prozent).

Auswahl der meistgeschauten Videos der EM-Spieler

Platz 9

Neuer beim Training – 386.000 Aufrufe (Link zum Video: bitte auf den Namen klicken)

Platz 8

Pelle und sein Team im Teambus – 465.000 Aufrufe

Platz 7
Platz 6

Ramos singt – 640.000 Aufrufe

Platz 5
Platz 4
Platz 3

Pogba feiert seinen Treffer – 1,2 Millionen Aufrufe

Platz 2

Sergio Ramos beim Training – 1,3 Millionen Aufrufe

Platz 1

Gareth Bale feiert mit den Fans – 1,4 Millionen Aufrufe

Flanken: Auch Flanken erleben eine Renaissance. Die Zahl der Hereingaben von der Seite erhöhte sich von 26 pro Partie auf 41. Dabei lag das deutsche Team mit knapp 30 über dem Schnitt, allerdings kam nur jede fünfte Flanke beim eigenen Mitspieler an. Nur sechs Mannschaften hatten eine schlechtere Quote.

Standards: Tore nach ruhenden Bällen werden im modernen Fußball ebenfalls immer wichtiger. Die Zahl der Treffer nach Standards stieg von 21 (2012) auf 30 Prozent, zudem fielen gleich 19 der wichtigen ersten Tore eines Spiels auf diese Weise.

Von

dpa

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