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23.08.2013

10:23 Uhr

Doping-Diskussion

Die Achillesferse des deutschen Profi-Fußballs

Die Debatte um Doping-Praktiken im deutschen Profi-Fußball ist von Ignoranz, Verharmlosung und Widersprüchen geprägt. Der Sport täte gut daran, die Vergangenheit aufzuarbeiten und verlässliche Kontrollen einzuführen.

Blutkontrollen sind im Radsport oder in der Leichtathletik bereits seit Jahren fester Bestandteil des Kontrollsystems. dpa

Blutkontrollen sind im Radsport oder in der Leichtathletik bereits seit Jahren fester Bestandteil des Kontrollsystems.

Hannover/Berlin/Köln/DüsseldorfErstaunlich launig und offen hat in Dieter Schatzschneider ein weiterer Ex-Bundesligaprofi Doping im Fußball der 1980er Jahre als allgegenwertig bezeichnet. „Ich habe es nicht genommen, aber ich weiß: Es wurde gedopt“, sagte der frühere Bundesligastürmer von Hannover 96, Schalke 04 und des Hamburger SV dem Radiosender NDR Info: „Ich weiß das noch ganz genau. Mir soll keiner erzählen, dass das nicht bekannt war mit dem Captagon. Da müssten ja alle im Westen völlig verblödet sein.“

Ohne Namen zu nennen, berichtete der frühere Torjäger über die angeblich gängige Praxis zu seiner aktiven Zeit mit dem Aufputschmittel Captagon, das bereits seit 1972 auch beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) als verbotenes Präparat geführt wird. „Das haben Fußballer halt damals genommen. Die flogen manchmal durch den Bus, die flogen manchmal unter der Toilette durch. Die waren überall die Viecher“, erzählte der heutige Berater von Hannover 96. „Das war gang und gäbe. Selbst die Ärzte haben das gegeben oder verschrieben.“

Schatzschneider widerspricht damit vehement anderen prominenten Ex-Fußballern wie Klaus Allofs, Bernd Schuster, Rudi Völler, Wolfgang Overath oder Uwe Seeler. Die früheren Nationalspieler hatten erklärt, von Doping zu ihrer Zeit nichts mitbekommen zu haben, nachdem in der Studie „Doping in Deutschland von 1950 bis heute“ auch über mögliche Dopingvergehen im deutschen Fußball, speziell bei der WM 1966, berichtet worden war. Genau dies hatten Overath und Seeler als WM-Teilnehmer von 1966 zurückgewiesen. Overath hatte Doping zu seiner Zeit als „völlig abwegig“ bezeichnet. „Ich hatte überhaupt keine Vorstellung, es hat sich überhaupt keiner mit Doping beschäftigt und deshalb finde ich es besonders schlimm, dass heute einfach pauschal und anonym gesagt wird: Da wurde 1966 gedopt“, betonte Overath im Deutschlandradio Kultur.

Der 69-Jährige war bei der WM in England Mitglied des deutschen Kaders gewesen und hatte acht Jahre später den Titel geholt. Ein Fußballer habe sich nicht mit Doping beschäftigt, sagte der Kölner. „Ich glaube und hoffe, dass es heute genau so ist.“

Kommentare (2)

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couchpotatoe

23.08.2013, 11:28 Uhr

Ich verstehe gar nicht, dass man darüber diskutieren muss, ob es Doping auch im Fußball gibt. In Sportarten bei denen es um Millionen und mehr geht zu glauben, dass ausgerecht hier nicht gedopt würde ist naiv wenn nicht sogar thöricht. Es sollte vielmehr diskutiert werden ob und wie gegen Doping vorgegangen werden soll. Von mir aus können die ruhig alle dopen, ich will bei Sportveranstaltungen gut unterhalten werden. Profisport ist nichts anderes als Teil der Unterhaltungsindustrie. Die Tour mit Ulle und Co wäre grandios geworden, schade das das Doping vor der Tour herauskam. Außerdem fehlt es an einer Definition von Doping wenn ich präventiv Wobenzym/Anabologes etc. einnehme oder Schmerzen mit Medikamenten unterdrücke ist das noch sauberer Sport? Was ist mit Technikdoping (erinnere z.B. Schwimmanzüge). Sollte man Doping verachten weil es gesundheitsschädlich ist oder weil es unfair ist? Gesetzt den Fall man stellt auf Unfairness ab, ist der Profisport noch ungerechter denn da geht es schon los, wann wird der Speerwurf wegen Läufen auf der Bahn unterbrochen, wer darf als Erster, zeitliche Ansetzungen etc. da gibt es soviel Möglichkeiten die Unfairness bedeuten können. Ich bin für die Show!!!

Account gelöscht!

23.08.2013, 11:34 Uhr

Hier die Ansicht eines Contrarian:

Im alten Rom gab es "panem et circenses", hier zitiert ohne den süffisanten Unterton à la Westerwelle.

"panem", das war damals das Sozialsystem, um das einigermaßen friedliche Zusammenleben einer für das Zeitalter ungewöhnlichen Menschenmenge auf engem Raum zu ermöglichen. Wir haben es heute noch in modernerer Form.

"circenses", das war die römische Unterhaltungsindustrie. Auch das haben wir heute noch in modernerer Form. Der Profisport gehört da eindeutig dazu.

Die Profis von damals hießen Gladiatoren. Ihre Lebenserwartung war bekanntlich ziemlich eingeschränkt. Dafür waren sie berühmt und durften alles tun, um ihre Wettbewerbsfähigkeit und ihr kurzes Lebensgefühl zu steigern. Warum nicht heute auch?

Die Quintessenz: Man lasse die Profisportler tun, was sie für nötig halten, um zu siegen, sie liefern die Schau. Sie sind ja alle Freiwillige, niemand mehr wird heute in der Arena gegen seinen Willen verheizt. Man sollte sie lediglich verpflichten, sich für die Folgekosten umfassend zu versichern, damit die Wracks nicht später der Allgemeinheit zur Last fallen.

Die Dopingkontrolle wird ewig der Szene hinterherlaufen, und das heutige System wird ewig verlogen und unehrlich bleiben. Also, was soll's! There is no business like show business.

Dopingkontrolle sollte sich ausschließlich auf den Amateursport konzentrieren, da gibt es genug zu tun. Und da sollte hart durchgegriffen werden. Lebenslange Sperre nach dem zweiten nicht entschuldbaren Positivbefund wäre angemessen. Der Abgang ins Profilager stünde ja offen.

PS: mondahu ist aktiver Amateursportler.

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